Weitere Enthüllungen zu den Nord-Stream-Anschlägen

Fein raus ist niemand

Kolumne

Nein, über Langeweile muss sich derzeit nicht beklagen, wer verfolgt, was der Öffentlichkeit in den transatlantischen Leitmedien zum Thema Nord-Stream-Anschläge geboten wird. Zur Erinnerung: Im Februar hatte der prominente US-Journalist Seymour Hersh umfangreiche Recherchen präsentiert, in denen er zu dem Schluss kam, die Anschläge seien im Auftrag des Weißen Hauses verübt worden, und zwar von US-Spezialkräften mit Unterstützung der CIA und von Soldaten des norwegischen Militärs. Hershs Veröffentlichung war für Washington ein Desaster: Trifft ihr Inhalt zu, dann haben die USA, um eine erneute deutsch-russische Erdgaskooperation auf absehbare Zeit zu unterbinden, ihrem rivalisierenden Verbündeten Deutschland gerade mal so eine seiner wichtigsten Erdgas-Pipelines weggebombt. Klar, dass Washington alles dementierte und eine heftige Medienkampagne gegen Hersh lostrat, die auch in den deutschen Leitmedien ihren Widerhall fand.

Dort kam im März eine alternative Theorie auf, der auch der Generalbundesanwalt nachgeht. Demnach soll eine sechsköpfige Personengruppe eine Jacht mit dem Namen „Andromeda“ gemietet, den Sprengstoff in Rostock an Bord genommen und die Bomben dann an den Nord-Stream-Pipelines angebracht haben. Der politische Vorteil der Theorie: Die USA waren fein raus. Der gedankliche Nachteil: Die Täter waren zwar offensichtlich Vollprofis – Pipelines in 80 Meter Tiefe zu sprengen ist keine Kleinigkeit –, sollten aber reichlich Sprengstoff- und andere Spuren auf dem Schiff hinterlassen haben. Unklar blieb auch, wie sie 500 Kilogramm Sprengstoff mit einer einfachen Jacht transportiert und sie dann ohne technische Hilfsmittel zum Meeresgrund gebracht haben sollten. Anfang April publizierte die „Washington Post“ einen Beitrag, der die Schwächen der „Andromeda“-Theorie aufs Korn nahm und direkt fragte, ob sie nicht halt nur ein Ablenkungsmanöver sei.

Ende Mai entwickelten die „Süddeutsche“ und der „Spiegel“ die „Andromeda“-Theorie weiter. Diesmal ging es um Spuren, die zu einer ukrainisch geführten Briefkastenfirma in Warschau sowie zu mindestens einem ukrainischen Soldaten führten. Hatten ukrainische Spezialkräfte die Anschläge ausgeführt? Genau dies mutmaßte Anfang Juni nun doch auch die „Washington Post“. Sie berichtete über ein auf der Plattform Discord geleaktes angebliches Geheimpapier; ob es echt ist, muss dahingestellt bleiben. Es besagt jedenfalls, Washington sei bereits im Juni 2022 von einem europäischen Geheimdienst informiert worden, dass sechs ukrainische Elitesoldaten die Nord-Stream-Pipelines sprengen wollten. Die Gruppe sei Armeechef Waleri Saluschni direkt unterstellt gewesen; Wladimir Selenski habe man nicht über den Plan informiert, um ihn nicht zu kompromittieren – ein nicht unübliches Vorgehen. Die USA wiederum hätten nicht zuletzt Deutschland in Kenntnis gesetzt, aber nichts getan.

Sah es nun so aus, als ob ukrainische Elitesoldaten die Anschläge auf dem Kerbholz hatten, so brachte nur wenige Tage später das „Wall Street Journal“ einen nächsten Dreh. Jetzt hieß es, die deutschen Ermittler folgten aufgrund auffällig zahlreicher Bezüge zu Polen mittlerweile auch einer polnischen Spur. Und es gab eine technische Verbesserung: Der verwendete Sprengstoff HMX, heißt es inzwischen, sei so effizient, dass man von ihm keine halbe Tonne benötige, um Pipelines zu sprengen; es genüge viel weniger. Ob dies allerdings reicht, eine seismische Station in einiger Entfernung vom Tatort ein kleines Erdbeben registrieren zu lassen? Wer weiß.

Bei allen Widersprüchen: Was, wenn Hersh doch Unrecht hatte und die „Andromeda“-Theorie stimmt? Nun, nach aktuellem Stand wäre Washington nicht mehr fein raus. Denn von Plänen für einen Anschlag zu erfahren, ihn aber nicht zu verhindern, obwohl man nach Lage der Dinge dazu in der Lage wäre – das heißt doch nur, dass man andere die eigenen schmutzigen Wünsche verwirklichen lässt. Ein Desaster wäre es allerdings auch für die Bundesregierung, die dann tatenlos zugesehen hätte, wie Ukrainer Deutschlands kritische Infrastruktur in die Luft oder, genauer, ins Wasser jagen. Sprengt wer auch immer im eigenen Bündnis, dann kommt eben niemand ohne blaue Flecken davon.

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Über den Autor

Jörg Kronauer (Jahrgang 1968) ist Sozialwissenschaftler und lebt in London. Er ist Redakteur des Nachrichtenportals „german-foreign-policy.com“, freier Journalist und Buchautor. Seine Themenschwerpunkte sind Neofaschismus und deutsche Außenpolitik.

Kronauer veröffentlichte 2018 bei PapyRossa „Meinst Du, die Russen wollen Krieg? Russland, der Westen und der zweite Kalte Krieg“. Sein aktuelles Buch „Der Rivale“ analysiert die Rolle der VR China im internationalen Klassenkampf.

Für die UZ schreibt Kronauer eine monatlich erscheinende Kolumne mit dem Schwerpunkt deutsche Außen- bzw. Konfrontationspolitik gegen Russland und China.

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"Fein raus ist niemand", UZ vom 16. Juni 2023



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