Warum die Schlagworte der Jetztzeit wenig mit Union zu tun haben

Fußball in Kriegszeiten

Ulrich Peters

Der Kolumnistenkollege Karl Rehnagel entbot neulich (UZ vom 30. September) unserem „Stehplatz“-Team einen freundlichen Gruß, den ich – dem Gebot der Höflichkeit folgend – gerne erwidern möchte. Gewissermaßen als Zeichen der Ehrerbietung erlaube ich mir deshalb einmal, Karls bevorzugte Form der Gliederung nach Stichworten zu plagiieren.

Zeitenwende. Die ist ja nun sowas von vorhanden, will man meinen. Der Begriff scheint schließlich geradewegs ersonnen worden zu sein für den Umstand, dass die Bayern neuerdings Union hinterherhecheln müssen. Aber Obacht, der Schein trügt hier wie dort – denn weder ist die europäische Friedensordnung erst im Februar dieses Jahres zuschanden gekommen (das hatte die deutsche Luftwaffe schon 1999 in Jugoslawien besorgt), noch hat in der Bundesliga eine Wachablösung stattgefunden. Meister wird jedenfalls ein finanzstarker Verein (vermutlich die Bayern). Was Union anbelangt, würde ich mich – Stand jetzt – lediglich zu der wagemutigen Behauptung hinreißen lassen, dass die Mannschaft mit dem Abstiegskampf nichts zu tun haben wird. Schaunwamal.

Logo Stehplatz Kolumne - Fußball in Kriegszeiten - Karl Rehnagel, Union Berlin, Vom Stehplatz aus betrachtet - Vermischtes

Vernichtungskrieg. Beschrieb die Vokabel vormals das Wüten des deutschen Faschismus in der Sowjetunion, wird neuerdings gepredigt, dies sei ein Synonym für die russische Kriegsführung. Der Westen hat in den vorangegangenen Dekaden bloß weltweit Terroristen unschädlich gemacht, doch bei den Russen ist das was anderes, die wollen eine „Ukraine ohne Bevölkerung“. Tja, so ist er halt, der Iwan, nix als Genozid im Kopf. Und der Fritz lacht sich ins Fäustchen, denn der ist nun fein raus. Was das mit Union zu tun hat? Offen gesagt gar nichts, denn obwohl unsere Jungs wegen ihrer robusten Spielweise gefürchtet sind (die Devise lautet ja: „Eklig sein“), verlassen die Gegner nach 90 Minuten recht unversehrt den Platz. Selbst grobe Fouls sind Mangelware.

Putin ist schuld. Das sagt zumindest der Minister für Kriegswirtschaft, Robert H., wenn er mal wieder mit zerknirschtem Gesicht erklärt, warum jetzt die Rezession kommt und man Betriebe stilllegen sollte. Wer ökonomisch vor dem Bankrott stehe, könne sich immerhin an der WM in Katar erfreuen, wo über die Auspeitschung unbotmäßiger Frauen als Halbzeit-Event nachgedacht wird. Fein, fein! Ich habe nur das Problem, dass Katar nicht Union ist. Im Soziotop der Alten Försterei heißt es nämlich „Menze ist schuld!“ – ein alter Running Gag auf Kosten des ehemaligen Kapitäns Steffen Menze. Der hatte allerdings keinen Einmarsch in ein anderes Land zu verantworten, sondern nur einen entscheidenden Elfer im Relegationsspiel gegen Osnabrück verschossen (Juni 2000). Für wen das Jüngste Gericht wohl das höhere Strafmaß erlassen wird?

Doppel-Wumms. Hinter diesem höchst poetischen Begriff verbirgt sich leider nur eine schaumschlägerische Ankündigung des Kanzlers, die innenpolitischen Lasten des wertebasierten Dritten Weltkriegs abzufedern. Dabei geht meine Assoziation eher in Richtung jener Spiele, bei denen Sheraldo Becker und Jordan Siebatcheu Union im Duett zum Sieg schießen. Dreimal gab’s das schon in dieser Saison, doch selbst im Zustand der Freudentrunkenheit rede ich nicht so daher wie die Schmierfinken von Springer (und eben der Kanzler). Weil Form und Inhalt korrespondieren müssen, lässt sich nur an Negatives denken, etwa: die Pyro-Attacken einiger Fans in Malmö und Orbáns Stippvisite in Köpenick. Doppel-Schmerz, lass nach!

Kreml-Herrscher. Okay, die DDR hat übertrieben: Ehe Honnis Name in den Nachrichten fiel, gab’s erstmal eine gefühlt zehnminütige Aufzählung seiner Funktionen. Da ist mir das schlichte „Präsident xy“ oder „Premier sowieso“ in den Westmedien glatt angenehmer. Aber Seriosität war gestern. Zwar verkneifen sich die Staatsmedien noch immer Formulierungen wie „Der Schlächter aus Washington“ oder „Der Pate vom Kanzleramt“, doch die Konkurrenz wird eher nicht mit Samthandschuhen angefasst – eine Betitelung wie „russischer Präsident“ könnte womöglich als schiere Verniedlichung gedeutet werden. Das bringt mich allerdings auf die Idee, meinem Präsi Dirk Zingler mal zu empfehlen, beim Wladimir in die Lehre zu gehen. Statt sich zum Beispiel von irgendwelchen Linksliberalalas öffentlich kritisieren zu lassen, weil er sich tapfer gegen vegane „Würste“ im Stadion stemmt, könnte er die Beschwerdeführer in der Köpenicker Taiga (Märkisch-Oderland) in Straflagern internieren. So hätte er seine Ruhe und hieße bei „tagesschau.de“ immer noch „Präsident“ statt „Dirk der Schreckliche“. Oder ist er Russe? Dann wird’s schwierig.

Das Gebot der Stunde lautet zweifellos, sich gegen das Kriegstreiben der NATO zu stemmen. Aber wenn grad mal Zeit zum Durchschnaufen ist: Eisern Union!

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"Fußball in Kriegszeiten", UZ vom 21. Oktober 2022



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