Berliner Mettmannkiez versus Bayer

Häuserkampf

Jan Pehrke

Der Bayer-Konzern möchte in Berlin die Abrissbirne schwingen. Im Stadtteil Wedding plant er, 18 an sein Firmengrundstück angrenzende Häuser im Mettmannkiez abzureißen und damit 140 Wohnungen, eine Kindertagesstätte, Künstlerate­liers, Gewerbebetriebe und Büroräume dem Erdboden gleichzumachen. Wofür, das weiß der Leverkusener Multi noch nicht so genau, da gelte es, das laufende Bebauungsplanverfahren abzuwarten. Es spricht nur nebulös von einer „Erweiterung der Aktivitäten unseres Unternehmens in Berlin“ und Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe. Und natürlich darf das Arbeitsplätzeargument nicht fehlen. Um neue geht es allerdings nicht, Bayer zufolge solle lediglich „die Zukunftssicherheit“ der alten „langfristig und nachhaltig gewährleistet werden“.

Bei dem Unternehmen „Kahlschlag“ sieht der Pharmariese das Recht auf seiner Seite. „Die betroffenen Gebäude sind planungsrechtlich nicht mehr für Wohnzwecke ausgewiesen“, erklärt er. 1950 hat der Bezirk diesen Teil des Mettmannkiezes als Gewerbegebiet deklariert und acht Jahre später stellte er ihn der – im Jahr 2006 von Bayer übernommenen – Schering AG als Expansionsfläche anheim. Der Stadtentwicklungsstadtrat von Berlin-Mitte, Ephraim Gothe (SPD), verweist zudem noch auf einen Baunutzungsplan von 1960. Und wegen dieser alten Regelungen muss die Aktiengesellschaft jetzt noch nicht einmal einen Sozialplan erstellen und ihre Mieterinnen und Mieter bei der Suche nach neuen Wohnungen unterstützen. Damals gab es solche Vorschriften nämlich noch nicht. „Die Politik hat sich immer schon größte Mühe gegeben, den Global Player zu fördern“, bekennt Gothe resigniert.

Dementsprechend hat sich Protest formiert. „Bayer nimmt billigend in Kauf, die Bewohnerinnen und Bewohner in Not und Verzweiflung zu treiben und auf die Straße zu setzen“, empören sich die Mieterinnen und Mieter. Sie „wollen die Vernichtung von bezahlbarem Wohnraum und die Verdrängung seiner Bewohnerinnen und Bewohner nicht so einfach hinnehmen“ und haben sich zur Initiative „MettmannkiezBleibt“ zusammengeschlossen, „um gemeinsam Druck auf Bayer und den Bezirk auszuüben“. Es gab schon mehrere Kundgebungen im Viertel und auch sonst ist da im Moment so einiges los. So prangte eine Zeit lang ein Transparent mit der Aufschrift „Hier werden bezahlbare Wohnungen abgerissen“ an der Fassade eines der Gebäude. Die Hausverwaltung verbat sich das jedoch und Bayer schickte umgehend seinen Werksschutz auf Patrouille durch das Viertel, um „Wiederholungstaten“ zu vermeiden.

Die Aktivistinnen und Aktivisten verweisen auf die vielen Freiflächen innerhalb des Werksareals, die für eine „Erweiterung der Aktivitäten“ in Frage kämen, und machen – bestärkt noch von dem Unwillen des Konzerns, sein Vorhaben zu konkretisieren – „belastbare Indizien für pure Immobilienspekulation“ aus. Auf Alternativen verweist auch der Mieterverein. „Für ein so großes Unternehmen wie Bayer muss es doch möglich sein, die benötigten Flächen in anderer Form als durch Abriss von Wohnhäusern zu generieren“, sagt Geschäftsführer Reiner Wild. Katrin Schmidberger, die für die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt, wirft hingegen der Lokalpolitik Versagen vor. „Senat und Bezirk haben trotz steigenden Defizits an bezahlbarem Wohnraum nichts für den Erhalt der 140 preiswerten Wohnungen unternommen“, konstatiert sie. Gothe lässt das nicht gelten und verweist auf die Gesetzeslage, die eine nachträgliche Änderung des Planungsrechts ausschließe.

Für den 26. Januar hatte der Bauausschuss des Bezirks Bayers Werkleiter Stefan Klatt eingeladen. Die Bezirksvertreterinnen und -vertreterer hofften, Näheres über die Zukunftsvorstellungen des Unternehmens zu erfahren. Aber Klatt blieb einsilbig. Der Konzern wollte lieber Taten sprechen lassen. Zwei Tage vor der Sitzung sollte ursprünglich ein Abrisskommando anrücken und schon mal zwei Häuser plattmachen: Der Multi hatte den Platz als idealen Ort für Baucontainer ausgemacht. „Ein wohnungspolitischer Skandal“, befand Schmidberger. Einstweilen scheiterte das Vorhaben an den Bewohnerinnen und Bewohnern – tierischen allerdings. „Es gab Hinweise, dass dort Fledermausarten heimisch sind“, erläuterte Christian Zielke vom Bezirk Mitte. Nun muss erst einmal ein Gutachten her. Ein Teilerfolg, der „MettmannkiezBleibt“ noch einmal Auftrieb gibt.

Unser Autor Jan Pehrke ist Vorstandsmitglied der Coordination gegen Bayer-Gefahren.

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"Häuserkampf", UZ vom 11. Februar 2022



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