Unsere Oligarchen: Wie der Reimann-Clan unter Hitler profitierte und heute den Genussmittel-Markt umwälzt

Hilft Sagrotan gegen braune Flecken?

Von Richard Corell

Die Reimanns, zweitreichste Oligarchen-Familie Deutschlands, galten bisher als öffentlichkeitsscheu. Es war ausgerechnet das Flaggschiff des reaktionären Springer-Imperiums, „Bild am Sonntag“, das Ende März ein wenig den Schleier lüftete und berichtete, wie die Konzernchefs die Nazis unterstützt hatten und vom Faschismus profitierten.

Der Reimann-Clan besaß 2018 ein Vermögen von 33 Milliarden Euro, schätzte das „Manager-Magazin“. Zum Vergleich: Die Deutsche Bank hatte Ende 2018 einen Börsenwert von 14,4 Milliarden Euro. Die Reimanns hätten also die immer noch mächtige Bank mit dem Gauner-Image für knapp die Hälfte ihres Vermögens kaufen können – und wären immer noch superreich geblieben. Dabei nicht eingerechnet ist das Geld, mit dem die Nachfahren der Reimann-Tochter Else aus ihrer Ehe mit dem SS-Unteroffizier Hans Dubbers, später Personalmanager bei Reimann, 1997 ausgezahlt wurden.

Bis dahin war über die Nazivergangenheit der Reimanns bekannt geworden: Albert Reimann war von 1937 bis 1941 Vorsitzender der IHK Pfalz, bei der „Entnazifizierung“ als „Mitläufer“ eingestuft; außerdem habe die Firma in den Zwangsarbeiterfonds eingezahlt. Albert Reimann junior erhielt 1973 das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern – keine Seltenheit, dass die Weißwäscher-Republik weißgewaschenen Naziverbrechern so ihre Anerkennung zeigte.

Ausbeutung aus Überzeugung

Jetzt wurde mitgeteilt: Schon 1931 haben die Reimanns Geld an die SS gespendet. An Heinrich Himmler, der als Reichsführer SS den Holocaust organisierte, schrieb Albert Reimann junior am 1. Juli 1937: „Wir sind ein über hundertjähriges, rein arisches Familienunternehmen. Die Inhaber sind unbedingte Anhänger der Rassenlehre.“ Professor Christopher Kopper, Wirtschaftshistoriker von der Uni Bielefeld, der die „entdeckten“ Akten analysierte, sagt: „Vater und Sohn Reimann waren offenbar keine politischen Opportunisten, sondern Nationalsozialisten aus Überzeugung.“ Und weiter: „Das Verhalten der Reimanns zeigt einen Mangel an Mitgefühl und ihre Übereinstimmung mit der nationalsozialistischen Rassenideologie. Offenbar hielt Albert Reimann russische Arbeiter für ‚Untermenschen‘ im Sinne der nationalsozialistischen Rassenlehre und der nationalsozialistischen Herrschaftspraxis.“ Die untersuchten Dokumente belegen zum Beispiel, dass osteuropäische Arbeiterinnen von Firmenmitarbeitern gezwungen wurden, nackt in ihrer Baracke anzutreten. Frauen, die sich weigerten, wurden unsittlich berührt. Zwangsarbeiter wurden getreten und geschlagen, darunter auch eine Russin, die im Haus der Reimanns putzte. Selbst die Nazi-Zwangsorganisation „Deutsche Arbeitsfront“ rief Albert Reimann junior zur Mäßigung auf – anscheinend hatte er selbst für Nazi-Maßstäbe eine Grenze überschritten. In den Berichten bezeichneten verschiedene „Qualitätsmedien“ die „Deutsche Arbeitsfront“ als Einheitsgewerkschaft – die Organisation, in der die Faschisten Unternehmer als „Betriebsführer“ und Arbeiter als „Gefolgschaft“ zwangsweise zusammengeschlossen hatten.

Die Reimanns und ihre obersten Geschäftsführer seien bei der Präsentation der Ergebnisse der historischen Nachforschungen betroffen gewesen, heißt es. 10 Millionen Euro versprachen sie an geeignete Organisationen spenden zu wollen. So fügt sich zur Brutalität der deutschen Bourgeoisie noch die Erbärmlichkeit selbst ihres Entsetzens. Über 80 Jahre nach der Machtübertragung an die von ihnen und ihresgleichen bezahlte Nazibande meinen die Reimanns offenbar, dass sie nun zur Normalität übergehen können, meinen, mit ihrer Vergangenheit „im Reinen“ zu sein.

Sauber bleiben

In Sauberkeit machen die Reimanns schon lange: Da steht Sagrotan ganz vorne. Und wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, in Ihrer Spülmaschine Calgon benutzen oder Ihre dritten Zähne mit Kukident behandeln oder Pickel mit Clearasil verschönern oder den Körpergeruch mit Joop übertünchen, dann haben sie die Familie Reimann wieder ein bisschen reicher gemacht. Auch wenn Sie Schuhe der Marken Bally oder Jimmy Choo tragen und dann Ihre geschundenen Füße mit Mitteln von Scholl pflegen, wenn sie Jacobs Kaffee schlürfen oder mit einem Kondom der Marke Durex hantieren. Wenn sie derlei anstellen, was mensch zum täglichen Überleben zu brauchen meint, dann klingelt bei Reimanns die Kasse.

Die Nazivergangenheit nicht mehr zu vertuschen, heißt für den Reimann-Clan Gas geben beim „normalen“ Geschäft, bei der „normalen“ Ausbeutung – ohne Rassenlehre und Rassenschranken –, keinesfalls aber die Aufgabe ihres Daseins als Großkapitalisten. Zehntausende Kolleginnen und Kollegen in vielen Ländern ölen die Profitmaschine der Reimanns. Es gab schon Jahre (2014 etwa), da überwies die Konzernholding den Reimanns 1 Milliarde Euro netto aufs Konto.

Und sie leisten sich einen obersten Manager, Herrn Peter Harf, dessen Einnahmen mit 100 Millionen Euro pro Jahr selbst den Chef von VW erblassen lassen und etwa den Jahresbruttoeinkommen von 2 500 VW-Facharbeitern entsprechen.

Wieder nach Osten

Die Melkmaschine der Reimanns, über die sie an die Milliardenmilch kommen, heißt JAB Holding Company, die über Beteiligungen die zum Konzern gehörenden Unternehmen abmelkt. Das Kürzel steht für Johann Adam Benckiser, den Firmengründer 1823. Das war, als die Firma noch klein war und Salmiak in Pforzheim herstellte. Ludwig Reimann kommt 1828 dazu, heiratet die Tochter Benckiser, die dann den Laden erbt. Seit 1858 ist die Firma Benckiser in Ludwigshafen mit der Produktion von Phosphaten ansässig. Der 1. Weltkrieg wirkt sich auch bei Benckiser profitbringend aus. Dass es sich bei Benckiser/Reimann nicht um eine Provinzveranstaltung gehandelt hat, wird erst deutlich, wenn man bei Ludwigshafen die BASF-I. G. Farben mitdenkt sowie die bedeutsamen Konzerne mit ihren Clans aus dem Rhein-Neckar-Pfalz-Umfeld wie Freudenberg, Boehringer oder Pegulan mit Fritz Ries, dem Alt-Nazi und Kohl-Förderer. Auf dieser Suppe schwimmt auch Albert Reimann bald nach dem verlorenen Weltkrieg 2 wieder obenauf. Mit Calgonit, Sagrotan und Kukident geht es in den sechziger Jahren steil aufwärts. Richtig Fahrt nimmt der Laden 1992/93 auf mit der Übernahme von Coty (Parfüm), immerhin eines der weltgrößten Unternehmen der Chemie- und Pharmabranche. Die dafür notwendigen 440 Millionen Dollar kamen nicht zuletzt aus Osteuropa, wo sich Reimann seit der Einverleibung der DDR einen riesigen Markt eroberte. Danach folgt eine Übernahme nach der anderen, begleitet vor allem von der Deutschen Bank, aber auch von Morgan Stanley und anderen Banken. Insgesamt werden 25 Firmen in der BRD, in den USA, in Spanien, Italien und Großbritannien aufgekauft. Der Umsatz wird um das Zehnfache gesteigert. Zum ersten Mal scheitern sie 2012 in den USA bei Avon, nicht weil die Reimanns den Preis von schlappen 10 Milliarden nicht berappen könnten, sondern weil die Eigner von Avon schließlich eine feindliche Übernahme befürchten und abwehren.

Kaffee-Monopol

Stattdessen rollen sie seit 2012 den Kaffeemarkt auf. Für eine Milliarde Dollar ging die kalifornische Kaffeehaus-Kette und Rösterei Peet‘s Coffee & Tea und für 340 Millionen Dollar die Kaffeehaus-Kette Caribou Coffee Company über den Ladentisch. 2013 übernahmen sie den niederländischen Kaffee- und Teeproduktehersteller D. E Master Blenders 1753 (u. a. Douwe Egberts, Pickwick). Dadurch kamen sie ins Geschäft mit einem so riesigen Lebensmittelkonzern wie Mondele International (mit so bekannten Marken wie Jacobs, Milka, Philadelphia), hervorgegangen aus Kraft Foods. 2015 kam für rund 12,8 Milliarden Euro der US-amerikanische Kaffeekapsel- und Kaffeemaschinenhersteller Keurig Green Mountain dazu. Krispy Kreme (US-Schnellrestaurantkette mit Donuts als Spezialität) wurde 2016 für 1,35 Milliarden US-Dollar von JAB eingetütet. 2017 wurde Panera Bread mit über 2000 Filialen in den USA für 7,5 Milliarden US-Dollar zugekauft. Damit versuchen sie, sich an Nestlé heranzuarbeiten, den weltweit führenden Konzern im Nahrungs- und Genussmittelsektor. Durch die weitere Monopolisierung in diesem Bereich wird zwar die Konkurrenz rauer, aber auch die Verhältnisse werden übersichtlicher und dadurch werden Preisabsprachen und sonstige Wettbewerbseinschränkungen (zum Beispiel durch Qualitätsstandards bei Zucker- und Fettgehalt) erleichtert. Da hat man Erfahrung – zum Beispiel war 2011 ein Kartell mit Henkel aufgeflogen. Und der Druck auf die Produzenten von Kaffee wird größer. Die größten Kaffeeproduzenten sind Brasilien und Vietnam. Für die Kaffeebauern ist Monopolisierung bei ihren Abnehmern keine gute Nachricht.

„Social Business“

Nicht zu vergessen: Die Reimanns und ihre obersten Manager sind auch Wohltäter – immerhin bestehen sie darauf, das nicht „Charity“ zu nennen, sondern „Social Business“! Das heißt: Sie hoffen mit milden Gaben zu erreichen, dass Produzenten und Konsumenten sie auch weiterhin ungestört ihre Geschäfte betreiben lassen. Dafür gibt es die Benckiser Stiftung Zukunft, die ganz nebenbei auch noch hilft, Steuern zu sparen und durch ihre Gelder und Verbindungen Macht und Einfluss der Reimanns zu vergrößern. Und auch sonst wollen sie sich nicht reinreden lassen: Deswegen haben sie als gut arische Steuerflucht-Deutschländer bereits 2007 den Sitz der JAB Holding in die Oase Luxemburg verlegt.

Um die Neuausrichtung auf Nahrung, Genussmittel und Kosmetik zu finanzieren, haben die Reimanns das Engagement bei ihrer einstmals wichtigsten Konzerngesellschaft Reckitt Benckiser mit den genannten Marken Sagrotan, Calgon usw. stark reduziert.

Zeitlich schlau war die Bekanntgabe von Details der Naziverbrecher Reimann mit der Bekanntgabe von Verlusten der Reimanns abgestimmt. Das „Manager-Magazin“ vom 26. März 2019 meldete: „Laut der von KPMG testierten Bilanz belaufen sich die Nettoverluste allein im abgelaufenen Geschäftsjahr auf 883 Millionen Euro. 2017 hingegen hatte JAB noch einen Nettogewinn von 833 Millionen Euro erzielt.“ Da soll man doch gleich wieder Mitleid mit den armen Reichen haben, damit die Lust nicht wächst, das Pack zum Teufel zu hauen.

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"Hilft Sagrotan gegen braune Flecken?", UZ vom 28. Juni 2019



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