Zur Arbeit des Journalisten Seymour Hersh

Vor der Einbettung

Von Stefan Kühner

( Gemeinfrei)

Vor 50 Jahren schockte ein Bericht über ein Massaker im Vietnamkrieg die Öffentlichkeit in fast allen Ländern der Erde. Der US-amerikanische Journalist Seymour Hersh berichtete, dass im vietnamesischen Dorf My Lai in der Provinz Quang Ngai unter Führung eines Leutnants namens William Laws Calley unbewaffnete Zivilisten von der US-Armee niedergemetzelt worden waren. Der Bericht erschien am 13. November 1969 gleichzeitig in 35 Zeitungen. Der Autor Seymour Hersh war kein Kriegsreporter, der selbst an der Front war, sondern ein investigativer Journalist mit besten Beziehungen zur US-Armee. Er gehörte zu denen, die gegen die permanenten Falschmeldungen über diesen Krieg anschrieben.

Der heute 82-jährige Hersh bezeichnet sich in seiner kürzlich erschienenen Biographie „Reporter“ selbst als „einen Überlebenden aus dem Goldenen Zeitalter des Journalismus, als Zeitungsreporter nicht mit den Rund-um-die Uhr-Nachrichten der Kabelsender konkurrieren mussten, als Zeitungsverlage dank ihrer Anzeigenkunden und Kleinanzeigen in Geld schwammen und ich auf Kosten meiner Arbeitgeber jederzeit überall hin reisen konnte.“ Er fährt fort: „Die großen Zeitungen und Zeitschriften und Fernsehsender werden weiter Reporter entlassen, ihre Mitarbeiterzahlen reduzieren und Gelder für guten Journalismus, vor allem Investigationsjournalismus streichen, weil er hohe Kosten verursacht und unsichere Ergebnisse mit sich bringt, Leser verärgert und kostspielige Klagen nach sich ziehen kann. Die heutigen Zeitungen veröffentlichen viel zu oft und vorschnell Berichte, die letztlich wenig mehr als Hinweise auf etwas Böses oder kriminelles sind (…) wir werden bombardiert mit Berichten, bei denen Reporter oft nur die Rolle eines Papageien zukommt.“

Er muss es wissen, denn er hatte während des Kriegs der USA gegen Vietnam, oftmals nur die Wahl, das zu schreiben, was ihm „in einem überfüllten Flur neben dem Büro von McNamaras Pressesprecher Arthus Sylvester“ vorgelegt wurde oder nichts zu schreiben. Vieles war einfach nur gelogen und es gab sogar handfeste Beweise dafür, dass es gelogen war. Ein Beispiel sind die Angriffe der „US-Luftpiraten“ auf Hanoi im Dezember 1966. Es habe dort keine zivilen Opfer gegeben und schon gar nicht würden dort zivile Ziele angegriffen. Mögliche Schäden wären auf fehlgeleitete Flugabwehrraketen zurückzuführen, die von Nordvietnamesen auf US-Bomber gefeuert wurden.

Zurück zu seinen mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Berichten über das Massaker von My Lai. Vorangegangen war, was jeder demokratisch gesinnte Mensch von gutem Journalismus verlangt: Recherche und Informationen über das, was tatsächlich passiert ist. Hersh reiste seinerzeit 50 000 Meilen durch die USA, um mit Zeugen zu sprechen und damit die Wahrheit herauszufinden.

Im Kapitel „Auf der Suche nach Calley“ beschreibt er ausführlich, wie er den Mann ausfindig machte, der über 500 Menschen auf dem Gewissen hatte. Ein vager Hinweis über einen Prozess gegen einen Leutnant, der angeblich in Vietnam ein Kriegsverbrechen begangen haben soll, weckt in dem ehrgeizigen Freelancer die Hoffnung, eine Story zu finden, die dazu beitragen könnte, diesen Krieg zu beenden. Mit nassforschem Auftreten gelingt es ihm, einen ersten Blick auf die Anklageschrift „wegen des vorsätzlichen Mordes an 109 ‚ostasiatischen Menschen‘“, (so tatsächlich die rassistische Formulierung in der Anklageschrift), werfen zu können. Dann schafft er es, Calley zu treffen, der trotz der sehr schweren Verbrechen auf freiem Fuß war. Er erzählt zumindest ein bisschen von dem, was in My Lai passierte. Calley versucht sogar, ihn mit seinem Vorgesetzten Oberst Medina zusammenzubringen. Dieser antwortet schroff, nichts von dem Vorfall in My Lai zu wissen. Es wird schlagartig klar, dass die Armee den Täter Calley zum Sündenbock machen würde, um sich selbst reinzuwaschen. Reinzuwaschen von all den Hunderten Verbrechen, die zu diesem Zeitpunkt, immer noch Tag für Tag in Vietnam verübt wurden.

Mit Hilfe alter Kontakte gelang es ihm am 12. November 1969, seinen Text, wenn auch heftig redigiert, in die Ausgabe vom 13. November 1969 der „Washington Post“ und anderen Zeitungen zu bringen.

( Gemeinfrei)

Zwei Tage später traf Hersh auf Ronald Ridenhour, einen jungen Soldaten, der Aussagen von Calleys Einheit zusammengetragen hatte, die das Ausmaß des Gemetzels klar machten. Die Aussagen hatte er an Präsident Nixon persönlich, das Pentagon und Mitglieder des Senats und des Kongresses geschickt. Ihm wurde mitgeteilt, dass eine Untersuchung eingeleitet worden sei, er sich aber weiter gedulden müsse. Über Ridenhour kam Hersh zu einem Augenzeugen des Geschehens, Michael Terry. „Es war genau so, wie es die Nazis gemacht haben“, sagte Terry. Er beschrieb einen Graben, in dem Dutzende Frauen und Kinder niedergemetzelt worden waren. Weitere Berichte von Augenzeugen kamen in die Zeitungen und ins Fernsehen, zum Beispiel ein traumatisierter Soldat mit dem Namen Paul Madlo. „Paul erzählte ganz Amerika in ruhigem Ton, er habe Frauen und Kinder in den Gräben von My Lai erschossen. Ein Schauer überlief die Nation.“

My Lai sollte nicht das einzige Verbrechen der US-Regierung sein, das Hersh aufdeckte. So wies er zum Beispiel im Rahmen der John-D.-Lavelle-Affäre nach, dass dem Airforce-Offizier von höchster Ebene befohlen wurde, Bombardierungen Nordvietnams vorzunehmen. 1973 konnte Hersh die geheimen Bombardierungen in Kambodscha aufdecken. Während der „Operation MENU“ zwischen 1969 und 1970 wurden vermutete Verstecke von Vietcong-Truppen, darunter auch Krankenhäuser, angegriffen. Pentagong und Weißes Haus hatten dies zuvor immer dementiert.

Einen weiteren Skandal über die Brutalität von Angehörigen der US-Armee brachte Hersh über deren Einsatz im Irak an die Öffentlichkeit, die sexuelle Erniedrigung von jungen Gefangenen im Abu-Ghuraib-Gefängnis. Hinter diesen menschenverachtenden Taten steckte aber nicht falsches Verhalten von Einzelnen. „Die Verachtung, die die

( Philip Jones Griffiths – National Library of Wales / CC BY-SA 4.0)

Soldaten ihren Gefangenen entgegenbrachten, tun zu können, was immer sie wollten, kam von ganz oben.“

Seymour ist kein Sozialist oder Kommunist, aber er berichtete immer wieder über das, was sein Land unter den falschen Vorzeichen der Politik an Lügen verbreitete. Neben den Verbrechen in Vietnam, Kambodscha und Abu Ghuraib brachte Hersh ans Tageslicht, wie die US-Regierung über die CIA mit hohen Summen 1973 in Chile zunächst Protestgruppen und schließlich auch den Sturz und die Ermordung des sozialistischen Präsidenten Salvator Allende finanzierte. Er schrieb über die dunklen Geschäfte Kennedys, die Machenschaften des israelischen Geheimdienst Mossad sowie die Tötung von Osama Bin Laden in Pakistan auf Geheiß von Barack Obama. Mehr als einmal brachte er US-Regierungen arg in Nöte. Mehr als einmal musste er Berichte umschreiben, weil hohe Militärs und Regierungsmitglieder intervenierten. Hersh blieb aber seiner Linie treu. Er sagt aber auch, dass dies immer schwieriger werde. Vor allem, wenn es um Nachrichten und Schweinereien aus dem inneren Bereich der Herrschenden geht, werden investigative Journalisten behindert und gefeuert.

Was die Kriegsberichterstattung betrifft, haben die bürgerlichen Regierungen und ihre Medien gelernt. Text- und Bildreporter, die hautnah am Geschehen sind und berichten, gibt es schon lange nicht mehr. Heute gibt es „embedded jounalists“, Schreiber, die kontrolliert, oder besser, unter Zensur schreiben. Diese Einbettung gilt auch für viele sensitive Politikfelder. Der Journalismus der Mainstreammedien ist eingebettet in eine neoliberale Sichtweise. Wer ihr nicht folgt, hat es schwer, Aufträge zu bekommen. Das reicht vielfach schon aus, um „die Schere im Kopf“ in Gang zu setzen.

Im Vietnamkrieg konnten sich Journalisten noch relativ frei und von der US-Armee unkon­trolliert bewegen und dabei auch Kriegsverbrechen wie das in My Lai (Bild oben), die Behandlung von Gefangenen (Bild Mitte) oder durch Napalm verbrannte Zivilisten (Bild unten) dokumentieren. Die Lehren der US-Armee daraus für die nächsten Kriege war der Ausschluss von zivilen Journalisten im Zweiten Golfkrieg 1991 und im Krieg in Afghanistan ab 2001. Die Massenmedien fühlten sich benachteiligt. Die Armee begegnete dem 2003 mit der Einführung eines Regelwerks für die Kooperation zwischen Militär und Journalisten, dem sich die zivilen Journalisten unterwerfen mussten. Dazu gehörte auch eine miltärische Kurzausbildung und Ausstattung. Sie waren nun „eingebettet“. Die Folge war und ist eine Kontrolle des Militärs über alles, was über es berichtet wird. Die Medien bekommen ihre Bilder, aber die sind nurmehr PR.
Seymour M. Hersh

Reporter

Ecowin 2019

432 Seiten, 28 Euro

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"Vor der Einbettung", UZ vom 15. November 2019



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