Fünf Wirtschaftsforschungsinstitute schreiben die Gegenwart fort

Hochkonjunktur

Von Lucas Zeise

Alles ist gut. Die wirtschaftliche Lage des Landes hat sich gegenüber den schon optimistischen Prognosen vor einem halben Jahr noch verbessert. Die Wirtschaftsforschungsinstitute heben deshalb das in diesem Jahr erwartete Wirtschaftswachstum um 0,4 Prozentpunkte auf 1,9 Prozent an. Das verkündeten ihre Sprecher Ende September. Kein Wölkchen trübt den Konjunkturhimmel. Allenfalls in Nebensätzen scheint ganz zarte Unzufriedenheit durch.

Die Wirtschaftsforschungsinstitute werden für ihre Mühen von der Bundesregierung bezahlt. Sie erforschen, was die wirtschaftliche Lage ist und wohin die Konjunktur sich bewegt. Es sind zur Zeit fünf solcher Institute: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin, Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, München, Institut für Weltwirtschaft, Kiel, Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, Halle, und RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, Essen. Sie stellen in gemeinsamer Anstrengung jedes halbe Jahr eine „Gemeinschaftsdiagnose“ her.

Dass so viele Institutionen und Volkswirte an der Erstellung dieser Diagnose beteiligt sind, könnte der Hauptgrund dafür sein, dass diese Diagnosen und Prognosen so unspektakulär ausfallen. Regelmäßig ist die Prognose eine Fortschreibung dessen, was gerade abläuft. Im ersten Halbjahr 2017 lief die Konjunktur in Deutschland gut und mit einer von den Forschern geschätzten Jahresrate von plus 2,5 Prozent besser als erwartet. Also heben die Forscher, clever wie sie sind, ihre Prognose für das laufende Jahr etwas an. Und weil jedes Mal, wenn die Ökonomie mit einiger Fahrt ins neue Jahr hinübergleitet, das Wachstum im neuen Jahr schon dank der starken Anfangsmonate ein insgesamt zügiges Wachstum aufweist, rechnen die klugen Forscher für 2018 mit 2,0 Prozent Wachstum des BIP (Bruttoinlandsprodukt). Wie ähnlich alles bleibt, zeigt sich an den Konsumausgaben (der privaten Haushalte und des Staates), die 2017 um 1,8 Prozent, im Jahr darauf um 1,7 Prozent zulegen sollen. Dafür wachsen die Investitionen etwas stärker, um 3,3 Prozent 2017 und um 3,4 Prozent im nächsten Jahr. Der Leistungsbi­lanzüberschuss soll von 244,3 in diesem Jahr auf 255,8 Mrd. Euro im nächsten steigen, was in beiden Fällen 7,6 Prozent am BIP des jeweiligen Jahres entsprechen soll. Die Inflation (Anstieg der Verbraucherpreise) soll in beiden Jahren 1,7 Prozent betragen. Die Forscher stellen fest, dass die Verbraucherpreise in diesem Jahr stärker gestiegen sind, während der Anstieg 2016 nur 0,5 Prozent betragen hatte, und passen die Prognose entsprechend an. Ausnahmsweise nennen sie auch einen Grund für die Preisentwicklung: weil „die Ölpreise nicht mehr zurückgehen“.

In der Überschrift ihrer Diagnose steht der dunkle Satz „Anspannungen nehmen zu“. Zur Erklärung behaupten die Forscher, schon jetzt liege die Wirtschaftsleistung „über dem Produktionspotenzial“. Das ist eine merkwürdige Größe der modernen Volkswirtschaftslehre, die nicht gemessen, sondern allenfalls geschätzt werden kann. Wenn dieses Potenzial erreicht oder überschritten ist, müssten dieser Theorie zufolge Preise und Löhne steigen. So unken sie ein bisschen vor sich hin und stellen fest: „Insbesondere in der Baubranche geben mehr und mehr Unternehmen an, dass ein Mangel an Arbeitskräften ihre Produktion beeinträchtige. In diesem Sektor steigen die Preise inzwischen recht kräftig.“ Dass der Boom der Immobilienpreise von den höheren Löhnen im Bau ausgeht, glauben sie allerdings selbst nicht. Die Forscher nehmen ihre Spannungswarnung denn auch nicht ernst, sondern schreiben die erreichte höhere Inflationsrate auch für das kommende Jahr fest.

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"Hochkonjunktur", UZ vom 6. Oktober 2017



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