Jeder zweite Rentner muss mit weniger als 800 Euro auskommen

Immer mehr Ältere müssen arbeiten

Von Anne Rieger

Die Zahl der älteren Beschäftigten steige kontinuierlich, lobte die Bundesregierung vergangene Woche ihre schändliche Rentenpolitik. 58 Prozent der 60- bis 64jährigen arbeiten. Daraus schloss die Regierung – uns für dumm verkaufend –, dass die soziale und wirtschaftliche Situation der älteren Beschäftigten sich „weiter“ verbessert habe. Entscheidend sei, dass ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer einer guten und sicheren Arbeit nachgehen.

Die Mehrheit der Älteren arbeiten aber nicht, weil sie es wollen oder weil sie einer „guten“ Arbeit nachgehen. Der realitätsfremden Bewertung der Zahlen durch die Bundesregierung setzt der Referent für Beschäftigungspolitik bei der Bremer Arbeitnehmerkammer die schnöde Wirklichkeit entgegen: Ein Grund dafür, dass mehr Ältere erwerbstätig seien, sei das gestiegene Renteneintrittsalter. „Das liegt auf der Hand“, so Axel Weise. Das bestätigt auch die Quote der Beschäftigten ohne Selbstständige, die mit 60 bis 64 noch arbeiten. In den vergangenen zehn Jahren ist sie, immer laut dem Bericht der Bundesregierung selbst, deutlich von 20,5 auf 40 Prozent gestiegen.

Ebenso stieg die Zahl der arbeitenden Rentner enorm. 2017 waren bereits zwölf Prozent der 65- bis 74-jährigen berufstätig, zehn Jahre zuvor waren es noch sechs Prozent gewesen. Eine der Ursachen ist ebenfalls das von der Regierung verordnete gestiegene Renteneintrittsalter, das dazu führt, dass 2016 fast jeder zweite Rentner – insgesamt 8,6 Millionen Menschen – mit Altersbezügen unter 800 Euro abgespeist wurde, auch weil die Menschen wegen des hohen Renteneintrittsalters vorher mit Abschlägen in Rente gehen. Das sind Einkommen, die unter der durchschnittlichen Grundsicherungsgrenze von 814 Euro liegen. Laut Statistischem Bundesamt stockten 2018 fast 1,1 Millionen Rentner mit Sozialhilfe auf – Tendenz steigend.

Davon, dass die soziale und wirtschaftliche Situation der älteren Beschäftigten sich weiter verbessert habe, wie die Regierung behauptet, kann offensichtlich keine Rede sein. Auch nicht, dass ein längeres Erwerbsleben für die Beschäftigten eine Chance auf mehr Wohlstand und Teilhabe sei. Wer sich im Land umhöre, schreibt die IG Metall, bekomme einen anderen Eindruck. Eine repräsentative Umfrage zeige: Knapp zwei Drittel der Menschen in Deutschland glauben nicht, dass sie ihre derzeitige Tätigkeit bis zum Alter von 67 Jahren ausüben können. Von den befragten Arbeitern sind sogar 72 Prozent dieser Meinung.

„Die Rente mit 67 geht an der Wirklichkeit der meisten Menschen vorbei, daran ändert auch eine höhere Erwerbsbeteiligung Älterer nichts“, so Hans-Jürgen Urban vom IG-Metall-Vorstand. Der Regierungsbericht zur Rente mit 67 verdecke, dass Ältere deutlich länger arbeitslos blieben als der Durchschnitt der Erwerbslosen. „Wer im Alter seinen Job verliert, hat kaum noch die Chance, eine reguläre Beschäftigung zu bekommen. Dann werden Erwerbsbiografien auf den letzten Metern entwertet, mit dramatischen Folgen auch für die Rente.“ Bevölkerungsforscher bestätigen den individuellen Eindruck: Die beschwerdefreie Lebenserwartung liegt in Deutschland im Schnitt bei rund 56 Jahren, gemeint ist die Zeitspanne ohne körperliche oder geistige Einschränkungen.

Was also soll der Jubelbericht über die steigende Zahl älterer Beschäftigter bewirken? Hermann Gröhe, Vizechef der CDU/CSU-Fraktion, plädierte bereits für die Anhebung des Renteneintrittsalters über den 67. Geburtstag hinaus. Denn, so die Bundesregierung in ihrem Bericht: Ein längeres Erwerbsleben sei für die Beschäftigten eine Chance auf mehr Wohlstand und Teilhabe. Diese medial verbreitete zynische Betrachtungsweise der verlängerten Lebensarbeitszeit ist Vorlage für die nächste Regierung. Um „die Chance auf mehr Wohlstand und Teilhabe“ optimal zu ermöglichen, steht dafür Kanzlerkandidat Friedrich Merz bereit.

Der Aufsichtsratschef bei der Firma Blackrock, dem finanzstärksten Vermögensverwalter weltweit, will Steuergelder offensichtlich statt für die gesetzliche, tatsächlich den Lebensstandard sichernde Rente weit über 800 Euro hinaus lieber zur Förderung des Aktienkaufs, besonders zur Altersvorsorge, ausgeben. Ein Sperrfeuer gegen Interessenvertreter der Finanzhaie und der einkommensstarken Bourgeoisie wird nötig sein, um die gesetzliche Rente zu erhalten.

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"Immer mehr Ältere müssen arbeiten", UZ vom 7. Dezember 2018



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