50 Jahre Palast der Republik: Die DDR-Kultur stört die Herrschenden

Immer noch eine Gefahr

Kolumne

Am 23. April 1976 wurde in der Hauptstadt der DDR der Palast der Republik eröffnet. Konzipiert worden war er als Volks- und Kulturhaus in der Tradition der Arbeiterbewegung und so wurde er von der Bevölkerung und ausländischen Gästen auch angenommen und intensiv genutzt. 30 Jahre später – im Februar 2006 – rollten die ersten Abrissbagger, wenige Wochen zuvor hatte der Bundestag den Beschluss dafür gefasst. Die Verantwortlichen sprachen von „Rückbau“. Die Sprachverrenkung besagt, dass ihnen unwohl war. Sie setzten 16 Jahre nach Konterrevolution und Anschluss die Ausradierung von DDR-Kultur fort, bekennen wollten sie sich aber nicht dazu.

Arnold Schoelzel 1 - Immer noch eine Gefahr - Arbeiterbewegung, DDR- Architektur, DDR-Kultur, Kulturzerstörung, Palast der Republik - Positionen

Auch wenn einzelne architektonische oder künstlerische Werke heute durch lokale Initiativen restauriert werden, insgesamt geht die Zerstörung weiter. Beispiele sind der Wille des Berliner Senats, gegen Widerstand aus der Bevölkerung das Sport- und Erholungszentrums (SEZ) im Stadtteil Friedrichshain zu beseitigen, oder die Ablehnung der Landesregierung Thüringen unter dem „Linken“ Bodo Ramelow, etwas gegen den Verfall des denkmalgeschützten Kulturpalastes der Maxhütte in Unterwellenborn zu unternehmen, dem wahrscheinlich schönsten Volkshaus der DDR. Es wurde in den 90er Jahren an einen fränkischen Möbelhändler verscherbelt.

Allein in der „kalten Bücherverbrennung“, wie sie der Schauspieler Peter Sodann (1936 – 2024) nannte, wurden Millionen Bücher seit 1990 auf den Müll geworfen. Die BRD-Regierung und ihre Medien orchestrierten die Hetze, ostdeutsche Helfer fanden sich. Sie machten tonnenweise die Bestände der tausenden Gemeinde- und Betriebsbibliotheken und die des zentralen Großbuchhandels in Leipzig mit Neuerscheinungen aller Art zu Makulatur. Sodann ging bereits 1990 dagegen an und setzte sich das Ziel, von allen Druckwerken, die zwischen dem 8. Mai 1945 und dem 3. Oktober 1990 in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR erschienen waren, mindestens ein Exemplar zu sammeln – auch die sogenannte graue Literatur von Organisationen oder Betrieben, die in der Deutschen Nationalbibliothek nicht erfasst ist. 2012 eröffnete er im sächsischen Stauchitz eine Präsenzbibliothek, die heute über insgesamt 2,5 Millionen Bücher verfügt. Vom Bund oder dem Freistaat Sachsen erhielt sie nie einen Cent.

Seit 1990 inszenierten die BRD-Eroberer zugleich einen Bildersturm, wie es ihn in der Kunstgeschichte noch nicht gegeben hatte. Zehntausende Gemälde und Skulpturen wurden zerstört oder verschwanden bis heute in Depots. Was doch hier und da in Ausstellungen gezeigt wird, erhält oft Kommentare von Kuratoren in der schlichten Denkungsart des BRD-Antikommunismus. Ähnliches geschah mit DDR-Wissenschaft und Journalismus. Das einmalige Zeitgeschichtliche Archiv mit Ausschnitten aus Tageszeitungen in Ost und West, das zuletzt in einer Industriehalle in Berlin-Marzahn untergebracht war, wanderte 2024 zu Forschern nach China. In der BRD hatte keine Institution Inte­resse. Die Bestände aus DDR-Rundfunk und -Fernsehen im Deutschen Rundfunkarchiv sind privat nur gegen hohe Gebühren zugänglich, sie sind faktisch weggeschlossen.

Das Problem der BRD liegt auf der Hand: Die DDR-Kultur und -Kunst will nicht vergehen, erlebt im Gegenteil bei Gelegenheit – wie etwa der stark besuchten Willi-Sitte-Ausstellung 2021/2022 in Halle an der Saale – eine Renaissance. DDR-Literatur aller Art wird von vielen Initiativen gepflegt – nicht nur von Älteren. Erwähnt sei hier die von jüngeren Wissenschaftlern gegründete erstaunliche Internationale Forschungsstelle DDR (ifddr.org) in Berlin.

Das alles wird am 23. April keine Rolle spielen. Das Jubiläum des Palastes der Republik hat jetzt schon in den Staats- und BRD-Medien die ersten wie üblich lustlosen und dümmlichen Beiträge über „Erichs Lampenladen“ hervorgebracht. Die Bezeichnung kam aus dem Westen. Beispielhafte DDR-Architektur bleibt gefährlich.

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"Immer noch eine Gefahr", UZ vom 17. April 2026



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