Herausforderungen der Gewerkschaften und betriebliche Interessenvertretungen

Industrie 4.0 als Projekt des deutschen Kapitals

Von Wolfgang Garbers

„Digitalisierung: Hype oder Drohkulisse? – Die ‚vierte industrielle Revolution’ bei Licht betrachtet“ war der Titel einer Konferenz der Marx-Engels-Stiftung am 10. März in Essen. Drei Referenten lieferten unterschiedliche Aspekte für die 40 Teilnehmer der Tagung. Thomas Engel sprach zu den arbeits- und gesellschaftspolitischen Perspektiven von „Industrie 4.0“, Peter Brödner betrachtete das Thema „Industrie 4.0 und Big Data – Kritik einer technikzentrierten Perspektive“, und Marcus Schwarzbach referierte zu „Work around the Clock – Industrie 4.0 als Herausforderung für Gewerkschaften und betriebliche Interessenvertretungen“.

Thomas Engel (Jena) kennzeichnete „Industrie 4.0“ als neues Standortprojekt des deutschen Kapitals, das auf ein zusätzliches Wertschöpfungspotential und bestehende nationale Wettbewerbsvorteile setze. Hoffnungen der Gewerkschaften richteten sich auf die Sicherung industrieller Beschäftigung und den Erhalt der „Sozialpartnerschaft“. Bekannte Studien zur Entwicklungsrichtung erwarteten schnelle Fortschritte in der Steigerung der Leistungsfähigkeit sowie der Entwicklung von Robotik und künstlicher Intelligenz; andere Autoren gingen eher von technologischen Kontinuitäten und Fortentwicklungen bestehender Produktionsmodelle aus. Drei zentrale deutsche Studien rechneten bis 2025 mit der Gefährdung von 12 bis 59 Prozent aller Jobs. Real gefährdet seien wenig qualifizierte Tätigkeiten und auch bestimmte Segmente im Dienstleistungssektor (standardisierbare Wissensarbeit). Fachkräftemangel und mangelnde Automatisierbarkeit vieler Dienstleistungen machten aber auch eine steigende Arbeitskräftenachfrage denkbar. Zu rechnen sei mit einer Entkopplung von Produktivität, Einkommen und Jobs und einer beschleunigten sozialen Polarisierung mit steigenden Anforderungen für viele und Entlastung für wenige Beschäftigte. Mit Blick auf den menschlichen Faktor im Produktionsprozess erwartete Engel „langwierige Einführungs- und Anfahrphasen von Industrie- 4.0-Systemen“ und hob die Rolle der „Erfahrung als dynamische Schwester statischer Routine“ hervor.

Prof. Peter Brödner (Berlin/Karlsruhe) schlug einen Bogen über mehr als 200 Jahre technologischer Rationalisierung von der betrieblichen horizontalen Aufsplittung komplexer Arbeitsprozesse in einfache, spezialisierte Verrichtungen bis zum Übergang zur Standardisierung und wissensbasierten Planung, Anweisung und Kontrolle. Zur industriellen Revolution gehörten die Mechanisierung von Handarbeit durch zweckmäßige Nutzung von Naturkräften zur Stoff- und Energieumwandlung sowie die Maschinisierung von Kopfarbeit durch algorithmisch gesteuerte Verarbeitung digitaler Signale auf der Grundlage von Standardisierung, Modellierung und Formalisierung von Zeichenprozessen der Wissensarbeit. Hierbei handele es sich eine „algorithmische Revolution“, nicht um „Digitalisierung“. Zu den wissenschaftlich-technischen Grundlagen von „Industrie 4.0“ gehörten vernetzte „Cyber-Physical Systems“ und sog. „Multiagentensysteme“ (MAS), d. h. miteinander interagierende „autonome“ Software-Agenten, die komplexe Aufgaben per Algorithmus kooperativ erledigten; zielorientiertes kooperatives Verhalten setze demgegenüber Programme voraus. Das Verhalten von MAS sei nicht vollständig vorhersehbar, da die Interaktion der einzelnen Agenten im System und damit das Systemverhalten nicht vollständig berechenbar sei. Hochproblematisch im Zusammenhang mit der schnellen Analyse und Verarbeitung großer Datenbestände („Big Data“) seien die Ersetzung theoriegestützter Prognosen durch auf große Datenmengen und auf Korrelationen gestützte Vorhersagen, die interpretierende Gleichsetzung eigentlich kontextfreier Daten mit bedeutungsvoller Information, mangelnde Datenqualität, mangelnde Datensicherheit und die Gefährdung der Privatsphäre. Mit Blick auf die Produktivkraftentwicklung unterschied Brödner die „technikzentrierte“ Perspektive mit MAS zur möglichst weitgehenden Ersetzung menschlicher Arbeit und die auf IT-Nutzung als Unterstützung lebendiger Arbeit gestützte „praxistheoretische“ Perspektive. Diese sei noch immer die hauptsächliche Grundlage erfolgreicher Computernutzung. Der langfristige Rückgang des Produktivitätszuwachses der G7-Staaten zeige, dass die industrielle Revolution derzeit ihr Ende erreiche. Auch Brödner erwartete eher moderate Veränderungen für Arbeit und Beschäftigung.

Marcus Schwarzbach (Kaufungen) beschäftigte sich mit den Herausforderungen für Gewerkschaften und betriebliche Interessenvertretungen. Konkrete Erscheinungsformen im Betrieb seien z. B. Workflow-Systeme mit der Möglichkeit, Arbeitsprozesse zu standardisieren und lückenlos zu erfassen. In wissenschaftlichen Studien würden als gesundheitliche Risiken emotionale Erschöpfung (Burnout) und Konflikte zwischen Arbeit und Familie genannt, bei Krankenhausbeschäftigten auch mehr Leistungsdruck, zunehmende Kontrolle und wachsende Zeitbelastung durch komplizierte Eingaben. Das Kapital dränge auf Flexibilisierung von Betriebs- und Arbeitszeit. Das münde in wachsenden Zeitdruck auf die Beschäftigten und die Forderung nach ständiger Erreichbarkeit. Die BDA fordere die Abschaffung des Achtstundentages und der täglichen Höchstarbeitszeit von zehn Stunden; die Bundesregierung habe versucht, eine entsprechende Experimentierklausel für das Arbeitszeitgesetz zu schaffen. Betriebsräte sollten die Belegschaften aufklären und einbeziehen, auf die Einhaltung der gesetzlichen Regelungen achten und proaktiv auf dem Wege von Betriebsvereinbarungen den Einsatz der Technik regeln. Als Gegengewicht zum Wegfall von Arbeitsplätzen und dem steigenden Leistungsdruck durch neue Technik sei kollektive Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich notwendig. Der Druck seitens der IGM-Basis wachse; dies hätten die Mitgliederbefragung, die Arbeitszeitkonferenz mit starken Forderungen nach Arbeitszeitverkürzung und die Tarifforderung nach individueller Verkürzung auf 28 Stunden für Erziehungs- oder Pflegetätigkeiten gezeigt. Eine gewerkschaftliche und gesellschaftliche Debatte über die Arbeitsbedingungen bei digitaler Arbeit müsse die Forderungen nach Arbeitszeitverkürzung, einer Begrenzung der psychischen Belastungen und einer angemessenen Personalausstattung einschließen.

Es folgte eine rege Diskussion zu Aspekten der betrieblichen Realität, der betrieblichen Interessenvertretung und der Tarifpolitik, vor allem zur Arbeitszeitverkürzung als einem wesentlichen Hebel im Kampf um die Verteilung des Produktivitätsfortschritts, darüber hinaus zu Fragen der technischen Rationalisierung und zum Prozesscharakter der Produktivkraftentwicklung. Hervorgehoben wurden das visionäre Potential und das Ausstrahlungsvermögen einer ökonomisch und politisch gut begründeten, gesellschaftlich breit verankerten Kampagne für eine fühlbare kollektive Verkürzung der Wochenarbeitszeit mit Blick auf die notwendige Renaissance einer klassenbewussten gewerkschaftlichen und politischen Arbeiterbewegung.

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"Industrie 4.0 als Projekt des deutschen Kapitals", UZ vom 23. März 2018



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