Josefine Rieks‘ neuer Roman zerfleischt die Popliteratur und ihre Folgeprojekte

Jugend ohne Pop

Man hatte ja früher nix: Die Langeweile des siegreich aus dem Systemkonflikt hervorgegangenen Westens verleitete in den 1990ern dazu, sich Fragen zu widmen wie der, was Lady Diana mit wem wohl so treibe oder ob Michael Jacksons Äußeres sich nun durch eine Erkrankung namens Vitiligo wandelt oder durch medizinischen Eingriff. Glücklicherweise haben wir uns nunmehr für Besseres die Köpfe zu zerbrechen, etwa wenn es um die Psychopathologisierung von Herrschern geht.

Über den Ausgang des letzten und den Anbruch dieses Jahrtausends hat Josefine Rieks mit „Der Naturbursche“ nun Beachtliches vorgelegt. Im zweiten Roman der Wahlwienerin gerät der Popliterat Andreas von Hohenstein im Herbst 2001 in eine Sinnkrise. Frisch geschieden, taumelt der 30-Jährige durch eine Schreibblockade und flieht aufs ostwestfälische Land, ins seit dem Tod seiner Eltern leerstehende Haus der Kindheit. Ein Umdenken tut not und entspricht dem Zeitgeist: Die Anschläge vom 11. September deuten an, dass auch auf großer Bühne einiges rumort, was bis dato als unerschütterlich galt. Die 1990er Jahre – das „letzte Jahrzehnt des Pop und der Jugend“, wie Andreas schreibt –, in denen der Sieg über den Sozialismus zu satt machte, als dass der Spätkapitalismus hätte registrieren können, wie er, mit sich allein gelassen, langsam irre wird.

„Die gesellschaftliche Stimmung, zu der ich bloß über das Fernsehprogramm Zugang hatte, schien politischer als sie es Zeit meines Lebens gewesen war und die Spaßgesellschaft endgültig überwunden“, schreibt Andreas in seinen autobiografischen Notaten 21 Jahre nach 9/11. Überwindung sucht er, weg von der Ex Martina, weg vom dauerberauschten alten Schulfreund, dem „Bild“-Redakteur Benjamin, der wie er selbst nunmehr in Berlin wohnt. Hin in die alte Heimat, an die Brust der rüstigen Nachbarin, in der er eine Ersatzmutter findet, deren Rollenprosa, schroff unterschieden vom überkandidelt-hochgestochenen Sprech der anderen Protagonisten, landproletarisch daherkommt: „Haste Christian bei Steckers getroff‘n, nech?“, fragt sie beim Kaffee, „Na, das passt doch. Seid doch ein Alta.“ Hin auch zu ebenjenem Christian, einem esoterischen, gern oberkörperfrei wandelnden Städter, der sich aufs Land zurückgezogen hat und der Andreas optisch gut schmeckt.

Rieks zerfleischt die erst spät, aber dann mit aller Wucht in Deutschland einschlagende Popliteratur und ihre postmodernen Folgeprojekte. Namen wie Benjamin (von Stuckrad-Barre) und Christian (Kracht) überliest man dabei, man ist auch so ausreichend verortet: Der vom Selbstverständnis her konservative Autor, der in seinem Debüt das im höchsten Stadium der Ironie befindliche junge Bildungs- und Erbbürgertum durchspielt und ihre Ironie so an ihr verdientes Ende zu bringen trachtet – alles, was „Faserland“-Autor Kracht ist oder was ihm nachgesagt wird, findet sich in der Figur des Andreas – und mehr. Wie der Formalist Kracht übt sich Andreas im Neuerfinden und landet irgendwann bei literarisierter, im Wortsinn konservativer Sprache, die in ihrer erzwungenen Ernsthaftigkeit anzeigt, dass Ironie kein Ding ist, das sich mal kurz um die Ecke bringen lässt. Nur wäre die Erschöpfung, auf die man zusteuerte, würde man lediglich den intertextuellen Vergleich zwischen Romanprotagonist und real existierendem Erfolgsautor ziehen, vergeudet und „Der Naturbursche“ um ein paar Dimensionen beraubt.

Über alle Irritationen, von der Trennung über die Verknalltheit in einen Hippie Ernst-Jüngerscher Prägung, rettet Andreas das Äußere und das Äußere rettet ihn. Mit Martina verbindet mehr das selbst- wie fremdgegebene Label des Konservatismus als das tatsächliche Engagement zum Erhalt des Gegebenen. Auch das Schäkern im Dorfe basiert neben Zweite-Welle-Pubertät auf Aufgesetztem, wenn etwa, kurz bevor es zur Sache geht, Christian verkündet: „Die Lust des Mannes, also dass er ejakulieren will, ist eigentlich seine Lust, die Lust loszuwerden.“

Wie bei Krachts „Faserland“ (1995) mag man alles für oberflächlich befinden, damit der Formgestaltung als Wesentliches der Kunst aber nicht unbedingt ein Attest ausstellen, dass es dabei hirnlos zugegangen sei. Ganz im Gegenteil.

Andreas, der zwischendurch den eh unbenutzten Laptop weglegt und zu Pinsel, Farbe und Leinwand greift, geht daran krachen, dass die Oberflächen unendlich sind, obwohl man gerne tiefer würde. War doch die betont „bürgerliche Ehe“ des jungen Paars genauso ein Trotzentscheid gegenüber der liberal erscheinenden Umwelt wie das Eingehen der Beziehung selbst, so ist die Scheidung für Andreas dennoch eine Tragödie. Er hatte in der Ehe Wurzeln geschlagen, die ausgerissen wurden, und sie beginnen ihn auch im Dorf zu verankern. Er braucht das Wurzelwerk, sonst flöge er um. Denn das Schreiben scheint ihm aufgedrängt und unlieb, kein Halt.

Er tut es Martina zuliebe, die die Dechiffrierung der Banalität der anderen mit der deutsch-konservativen Tradition begegnet, klug-klingende Nullsummen zu äußern: „Michael Jacksons weiße Haut“, sagt sie, fest von der Theorie eines Wasserstoffpeelings überzeugt, „ist die Lüge, die die Wahrheit sagt.“ Dem studierten Liebestrottel Andreas bleibt bei sowas die Spucke weg. Er hat – und da gleicht er dem Literaturbetrieb unserer Zeit – ja wirklich gar nichts.


Josefine Rieks
Der Naturbursche
XS-Verlag, 192 Seiten, 18 Euro


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Über den Autor

Ken Merten (seit 1990) stammt aus Sachsen. Er hat in Dresden, Hildesheim und Havanna studiert. Seine Schwerpunkte sind die Literatur der Jetztzeit, Popkultur und Fragen von Klassenkampf und Ästhetik.

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"Jugend ohne Pop", UZ vom 21. Oktober 2022



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