Das SiDat! Projekttheater Berlin zeigt mit Peter Hacks’ „Omphale“ den Kampf um Gesellschaft und Geschlecht

Keule, Kosmetik, Kommunismus

Tim Meier

Die heutigen Debatten zu Geschlechterrollen und -identitäten – von „Unisex“ über „Nonbinärität“ bis „Gender-Gaga“ – wären bei dem DDR-Dichter Peter Hacks (1928–2003) wahrscheinlich auf ein ironisch-müdes Lächeln gestoßen. Und auf eine mythologische Gestalt, deren Namen jener 1969 zum Titel seines Stückes machte: Omphale. Sie ist wahrscheinlich weniger bekannt für ihr Amt als Königin des sagenumwobenen Lydiens oder für ihre besondere Schönheit, sondern für Herakles, ihren einst als Sklaven gekauften Ehemann, Zeus’ Sohn höchstselbst. Als Knecht war der Held aller Helden nicht nur der Lust seiner Herrin, sondern auch ihren Scherzen ausgeliefert: Er trug Frauenkleider, spann Wolle, wurde geschminkt und in ein Weib verwandelt, bis er nach seiner Freilassung, Eheschließung und Zeugung von Lydiens Herakliden das Weite suchte.

Hacks nimmt sich des Mythos an, weil dieser zwei miteinander verknüpfte Themen enthält, die zwar noch in der Gegenwart relevant, aber nicht in ihr künstlerisch darstellbar sind: Geschlecht und Gesellschaft. Also lässt der klassische Dichter das Stück in der Vergangenheit Lydiens spielen, um die Frage zu behandeln: Kann ein Mensch mehr sein als seine fleischliche Hülle und wenn ja, wann und wie?

Am Freitagabend tritt Herakles mit dem „LEO II“-Löwenfell und der Olivenbaumkeule am Königshof auf, um beide gegen den Leib Omphales einzutauschen, denn er „ist in Liebe“. Nebenbei lernt er seinen in der vorigen Nacht mit ihrer Dienerin Malis gezeugten Sohn Alkaios kennen und trifft seinen übermännlichen Halbbruderhelden Iphikles. Von der Hälfte ihrer Plagen im Lande befreit und vom Helden gefreit verschwindet die Königin mit jenem in die königliche Kiste. Doch die andere Hälfte der Plagen Lydiens bleibt bestehen und bringt Schwung ins Stück: Der menschenfressende, stinkmäulige Winzer Lityerses hat Pimplea geraubt, die Geliebte des dichtenden Hirten Daphnis. Dieser sieht seine fünfjährige Suche und Sehnsucht endlich beendet, als er in den Gärten Omphales Herakles um Beistand bitten will. Nun, es empfängt ihn zwar Zeus’ Sohn, aber nicht in der gewohnten Rolle, sondern in Omphales Kleidern und Kosmetik, während diese mit Fell und Keule auf Löwenjagd geht. Herakles ist des Held- und Mannseins müde:

„Jetzt will ich mehr als ich sein: mehr als ein Mann/Der Mann, wenn er allein durch Stärke ist/Und nur solang unleugbar, als er stark ist,/Und eine einzige Schwäche ihn entmannt,/Und hat er einen Tag lang nichts geleistet,/Sich zitternd fragt: bin ich mir noch vorhanden?,/Soll der das sein, was ich zu sein begehr?/Wie angestrengt: ein Mann, wie wenig eigen, wie unvornehm.“

So brechen Dichterheld Daphnis, Heldenbruder Iphikles und -sohn Alkaios selbst auf, um Pimplea zu befreien. Geht natürlich schief, wenn man Herosehre der Hirnarbeit vorzieht. Auch die maskuline Omphale und der feminine Herakles sind dem Winzer nicht gewachsen, daher müssen sie in ihre alten (Geschlechter-)Rollen zurückkehren. Während er als Kerl mit Keule köpft, wird sie zur Mutter durch plötzliche Geburt ihrer gemeinsamen Kinder: Tyrrhenos, Laomedon und Agelaos. Für beide ist die Enttäuschung über das abgebrochene Abenteuer Geschlechtertausch zwar groß, aber die Erkenntnis der Fabel großartiger: Erst, wenn die letzte (menschliche) Bedrohung der Menschheit getilgt ist, lässt sich in Frieden und Gleichheit die Überwindung der Unvollkommenheit des Menschen angehen.

Dem Stück hat Hacks mit „Eine Klammer im Personenverzeichnis“ einen dreiseitigen Essay beigefügt, der die Fabel etwas ausführlicher beleuchtet: Herakles, Iphikles, Alkaios, Daphnis und die Söhne Omphales sind Helden. Der Auftritt von sieben Heroen ist für ihre Gattung unüblich, folglich sind sie nun nicht mehr einzigartige Charaktere, sondern ein Stand einzigartigen Charakters. Denn die Veränderung der Wirklichkeit wird selten von einem Menschen vollbracht, sei er noch so unikat. Mit Hacks weiter gedacht: Herakles als Held ist zwar besonders, aber der Gegenwart verhaftet und ihr müde. Sein Bruder Iphikles wird vor lauter Heldenehre gar kurz Knecht des alles verpestenden Lityerses, dem auch der besser dichtende als fechtende Daphnis nicht gewachsen ist. Die Keule, die den Winzer – eine Verkörperung des atomaren Imperialismus – um ihren Kopf erleichtert, wird im Stück von Herakles als Ausdruck des Erreichten gepflanzt, um wieder als Olivenbaum zu gedeihen. So sind es die Kinder, Herakliden, die im neuen Bewusstsein der veränderten Welt ihres Vaters diese weiter verändern.

Das SiDat! Projekttheater um Regisseur Peter Wittig und Dramaturg Jürgen Nafti lässt zum Ende des Zweiten Teiles der Aufführung die Fabel mit Projektionen der Revolutionsgeschichte deutlich werden. Beinahe schade, denn die schauspielerische Leistung im ersten Teil arbeitet dicht am Stück und vermittelt dem Publikum Hacks’ Witz wie Lehre. Die königliche Wlada Vladislava, der zarte muskulöse David Hannak als Herakles, der klotzige Iphikles von Konstantin Klemm, der putzig-männliche Heldenspross Daniel Gelman, der dichtende Jerome Winistädt und besonders Nadja Herzog im Arbeitskittel spielen mit großem Können und Versgefühl. Der ungeheuerliche Lityerses wird von Jürgen Nafti ungeheuerlich gut dargestellt und Anne Sophy Schleicher als Pimplea steht dem in nichts nach. Die Söhne Omphales, die Herrschenden in der Goldenen Zukunft, stellen mit Linus Lagemann, Olivia Schmitt und Joel Sissiko passenderweise drei Genossen der SDAJ dar, ein schöner Fingerzeig.

„Omphale“
Text: Peter Hacks
Regie/Ausstattung/Musik: Peter Wittig
Dramaturgie: Jürgen Nafti
Weitere Aufführungen am 20., 21. und 22. Oktober
Neue Bühne Friedrichshain, Berlin
19 Euro, ermäßigt 14 Euro

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"Keule, Kosmetik, Kommunismus", UZ vom 13. Oktober 2023



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