Empfehlung für schlechtes Wetter: „Oktoberfest 1900“

Koa Gaudi mit der Retorte

Meine Redaktion bat mich als gebürtigen Münchner die ARD-Miniserie „Oktoberfest 1900“ anzuschauen. Dabei muss der Hinweis erlaubt sein, dass ich schon seit Jahren nicht mehr auf der Wiesn, wie die Münchner das Oktoberfest nennen, war. Das liegt nicht daran, dass mir im fernen Ruhrgebiet der Sinn nach einer zünftigen Gaudi entschwunden wäre. Eine Gaudi kennt jeder, der in einem katholisch geprägten Landstrich aufgewachsen ist. Die Kölner haben ihren Karneval, die Stuttgarter ihren Wasen und die Münchner eben ihre Wiesn. Dabei geht es immer um eine bestimmte Zeit im Jahr, in der man sozusagen Urlaub vom sittlichen Leben nimmt und hemmungslos Spaß hat. Protestanten fehlt dazu die Beichte und der Sündenerlass.

Warum ich dann der Wiesn fern bleibe? Weil es die Gaudi auch tut. Sie ist einer riesigen Mottoparty gewichen, bei der der dazu nötige Alkohol nicht als Flatrate verabreicht wird, sondern schweineteuer ist. Mit dieser Entwicklung verbunden ist das Tragen der Tracht. Noch vor 15 Jahren wäre niemand auf die Idee gekommen, im Dirndl oder in der Lederhose auf die Wiesn zu gehen – dies blieb irgendwelchen Hinterwäldlern aus der tiefsten Provinz oder US-amerikanischen Touristen vorbehalten. Aber eine Verkleidung enthemmt so schön und daher ist es nicht verwunderlich, dass man heute immer mehr von Vergewaltigungen auf der Wiesn in den Zeitungen lesen kann.

Die Verwertung der Wiesn als riesiges, seelenloses Sauffest mit all seinen negativen Begleiterscheinungen hat jetzt mit der von der ARD verfilmten fiktiven Geschichte um den Nürnberger Großbrauer Curt Prank einen neuen Meilenstein erreicht. Die Story ist schnell erzählt: Als Auswärtiger will Prank nicht nur auf die Wiesn, sondern will die damals üblichen Buden durch das erste Bierzelt ersetzen. Dafür ergaunert er fünf Parzellen und schreckt dabei nicht mal vor Mord zurück. Kurzzeitig erreicht er sein Ziel sogar. Das ist wenig realistisch, denn es ist unmöglich, als auswärtiger Brauereibesitzer eine Schankkonzession auf der Wiesn zu bekommen. Wer das nicht glauben mag, soll Luitpold Prinz von Bayern, Urenkel des letzten bayrischen Königs Ludwig III., fragen. Dieser Blaublütige obersten Ranges versuchte es Jahrzehnte lang – erfolglos.

Der Rest der Serie erinnert mehr an „Babylon Berlin“. Man nehme irgendein historisches Ereignis, stricke lose darum einen Plot mit viel Gewalt und Sex, hübsche das ganze mit teurer Ausstattung auf und fertig ist der Mehrteiler aus der Retorte. So lahm kommt auch „Oktoberfest 1900“ daher. Nimmt man die Effekthascherei weg, fehlt es der Serie an einer Geschichte, die erzählt werden will. Genauso wie an Authentizität und Charakteren, die die Geschichte erzählen könnten.

Der Herbst steht vor der Tür. Wer etwas zum Wegdämmern bei schlechtem Wetter sucht, dem sei „Oktoberfest 1900“ empfohlen. Wer erfahren will, was „a Gaudi is‘“, der soll ein paar Tage seines coronabedingt angesparten Urlaubs opfern und nächstes Jahr eines der vielen urigen Volksfeste in Bayern besuchen. Für Tipps steht der Autor gerne bereit.

Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

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"Koa Gaudi mit der Retorte", UZ vom 2. Oktober 2020



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