Karl Rehnagel: Kolumne oder so – Zwo

Kommt ihm nicht mit Schopenhauer!

There’s probably no God. Now stop worrying and enjoy your life“, konnte man eine Weile auf Londoner Stadtbussen lesen. Eine solche Werbekampagne der „Atheist Bus Campaign“ zugunsten eines angstfreien Lebens war bei deutschen Busunternehmen selbst gegen Geld nicht akzeptiert worden, weil Religionsfreiheit sich hierzulande schwer damit tut, sie auch als das Recht anzusehen, einer Religion eben nicht nachzugehen – für einen Karl Rehnagel, der sich mit allerlei Ängsten und damit einhergehend seinem Umgang damit herumschlagen muss, wenn sein Erfinder sich gerade nicht in seinem bürgerlichen Beruf des Textbearbeiters, Setzers und Mediengestalters in nichtbürgerlicher Umgebung der UZ-Redaktion befindet, wohl ein weiterer Grund, sich zu beunruhigen.

Und doch ist Karls Unruhe eine verschriftlichte innere Ruhe, die in der heute so seltenen guten Kolumnenliteratur nirgendwo auf gleichzeitig so feinsinnige wie abgeklärte Weise formuliert wird wie in seinen wöchentlichen Beiträgen auf Seite 16 der UZ. Seine Wut über die kapitalistische Normalität, der Widerstand gegen sie und die Würde, mit der Karl jene Zustände, Umstände und Missstände in einer komplizierten Welt voller Bouleregeln, Geldnöten, Kopfschmerzen, lauten Nachbarn und der Hingabe zu einem Fußballverein, dem er unter Schmerzen mit der Zeit die von diesem eingeforderte „echte Liebe“ verweigern musste, zu meistern versucht, kommen ohne Zynismus aus. Ganz im Gegenteil nähert er sich der Praxis, gute Sachen zu schreiben, angeregt durch überaus schlechte, die er um sich sieht. Genau das ist es, was wir brauchen.

Und doch führt ihn diese Praxis genauso regelmäßig in andere Praxis – nämlich jener des Zahnarztes oder dann doch mit seinem Gartenbro vor die Glotze, um zu schauen, wie sich sein Verein schlägt. Denn dass das Leben nicht frei von Irrationalitäten und Widersprüchen ist, lebt Karl ganz konkret. Damit nicht genug: Er lässt uns daran teilhaben. Es sind tiefgehende und durchdachte Oberflächlichkeiten, die er anbietet. Nicht selten haben wir beim Lesen plötzlich einen Spiegel vor der Nase und sehen, dass wir sie nicht geputzt haben. Und sind deshalb froh, dass Karl nicht alles aufschreibt, was er so erlebt.

Als Mitglied der kleinen Gruppe fröhlicher Marxisten wird Rehnagels Schöpfer Arthur Schopenhauers Idee, die Welt sei nur unsere Vorstellung davon, wohl nicht viel abgewinnen können. Karl hingegen möchte man schon gern zurufen: „There’s probably no world around you. Now stop worrying and enjoy your life.“

Dann würde aber die Kolumne fehlen. Isso.

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Karl Rehnagel
Kolumne oder so zwo – Von Kreidetafeln und anderen Tieren
November 2023, 84 Seiten. A5. 6,- Euro
(Teil 1: Karl Rehnagel
Kolumne oder so – Von Heimatliebe und Toilettenputzen
140 Seiten, DIN A5. 8,- Euro)
Erhältlich im uzshop.de


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"Kommt ihm nicht mit Schopenhauer!", UZ vom 22. Dezember 2023



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