Von Braunfäule und verschwendeter Lebenszeit

Läuft.

Kolumne oder so

Männer.

Bei der Siegerehrung der spanischen Gewinnerinnen der Frauen-WM hat Verbandspräsident Luis Rubiales Spielerin Jennifer Hermoso ungefragt auf den Mund geküsst. Ekelhaft. Dazu Bayern Münchens Karl-Heinz Rummenigge: „Ich glaube, man soll da nicht übertreiben und die Kirche im Dorf lassen.“ Der WM-Titel emotionalisiere schließlich jeden, „und was er da gemacht hat, ist – sorry, mit Verlaub – absolut okay“. Also mindestens – mit Verlaub – so okay wie Steuern im großen Maße zu hinterziehen oder Luxusuhren zu schmuggeln jedenfalls. Läuft.

Garten.

Erneut zeigt sich der Schrebi gesellschaftlich-politisch auf der Höhe der Zeit: Alle Tomaten mit Braunfäule befallen, komplett ungenießbar, innen verfault, außen braun, widerlich. Anteil an den Nutzpflanzen bei uns circa 22 Prozent. Wie im echten Leben halt.

Zahnärztin.

Neue Marathonsitzung. „Faren fie denn mit ihrem Mann nun in Barbie?“, frage ich nuschelnd, mit einem Tampon im Mund. Sie: „Nein, nicht Bali, drei Wochen Dubai.“ Ich ergebe mich meinem weiteren Schicksal ohne Fragen. Läuft.

Wortklauberei I.

Die Abkürzung der Vereinigung „BRICS“ steht für die Anfangsbuchstaben der fünf Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Zum 1. Januar 2024 sollen beitreten: Argentinien, Ägypten, Äthiopien, Iran, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Heißt dann wohl BRICSAÄÄISAVAE. Oder so.

Bundesliga I.

Also Fußball. Obwohl eher mäßig interessiert, gebe ich mir das erste Spiel des BVB gegen den 1. FC Köln mit ein paar Freunden. Circa 97 Minuten verschwendete Lebenszeit später denke ich mir, dass ich lernfähig bin wie eine nordrhein-westfälische Mopsfledermaus unter Flutlicht. Warum, zur Hölle, mache ich nicht etwas Sinnvolles mit meiner Zeit? Beim Boulen verlieren oder Jogger am Phoenixsee anfeuern zum Beispiel?

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Nachrichten.

„Trump wird nach seinem Termin in der Haftanstalt in den offiziellen Dokumenten mit 1,90 Meter Körpergröße und einem Gewicht von 97 Kilogramm gelistet“, schreibt „Der Spiegel“. Und mutmaßt: „Könnte Trump schlicht (nach seinem Gewicht) gefragt worden sein?“ Das finde ich hübsch. Sollte ich mal (wieder) verhaftet werden, gebe ich stolz an: „1,80 Meter, 60 Kilo, Alter 27. Weiblich.“ Läuft.

Wortklauberei II.

Klimaterroristen“ lautet das Unwort des Jahres 2022. Gefolgt von „Sozialtourismus“. Beides zum Brechen. Fast noch schlimmer, Platz 3: „Defensive Architektur“. Dies „bezeichnet eine Bauweise, die verhindert, dass sich Obdachlose oder andere Menschen länger an öffentlichen Orten niederlassen können“ (NDR). In was für einer Welt wir leben müssen, in der vollgekokste Arschlöcher teuer dafür bezahlt werden, für menschenverachtendes „positive“ Wörter zu erfinden. Unfassbar.

Bundesliga II.

Beim Fußballschauen steht Kollege D. mit der Fluppe am Erdgeschossfenster, es sind auch Nichtraucher anwesend. Eines der 267 syrischen Kinder, die mir drei mal die Woche kreischenderweise die Home-Office-Tage zur Hölle machen, sagt von draußen zu D., wir sollten mal leiser gucken, das störe. Und jetzt fällt mir wieder nichts mehr ein …

Wortklauberei III.

„Mit Verlaub“: „Diese Redewendung (‚Mit Ihrer Erlaubnis‘; ‚Wenn Sie gestatten‘) stammt aus dem 17. Jahrhundert“ (Wikipedia). Jup, genau wie die Rubiales’, die Rummenigges und all die anderen alten weißen Machos, die glauben, Männer würden – aus welchem absurden Grund auch immer – über den Frauen stehen. Isso.

Leben.

Anstrengende Wochen hinter und vor mir. Vor Stress Durchfall bekommen.
Oder anders gesagt: Läu…

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"Läuft.", UZ vom 1. September 2023



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