Das werktätige russische Volk lehnt den Faschismus ab

Lenin oder Iljin

Denis Parfjonow. Übersetzung aus dem Russischen: Renate Koppe, redaktionelle Bearbeitung: Björn Blach

Am 21. Mai sprach der Abgeordnete der KPRF-Fraktion in der Staatsduma – dem russischen Parlament – über aktuelle Entwicklungen in der Russischen Föderation. Im Mittelpunkt steht dabei die Auseinandersetzung um die jüngere Geschichte Russlands und der Sowjetunion. Parfjonow macht sie fest an der Bennenung eines Fachbereichs für Politik an der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität nach dem Philosphen Iwan Iljin. Er wurde 1883 in Moskau in eine Adelsfamilie geboren. Er stellte sich gegen die Oktoberrevolution und wurde 1922 aus der Sowjetunion verbannt. Er lebte bis 1938 in Deutschland und emigierte dann in die Schweiz. Seinen Antikommunismus stellte er während des Vernichtungskrieges des deutschen Faschismus zurück. Er starb 1954 in der Schweiz. Seine Gebeine wurden 2005 nach Russland überführt. In seiner Rede zum Beitritt von vier neuen Regionen zur Russischen Föderation zitierte der russische Präsident Waldimir Putin eine längere Passage aus Iljins Werk.

In diesen heiligen Maitagen feierte das gesamte werktätige Volk zuerst den 1. Mai – den Tag der internationalen Solidarität der Werktätigen – und dann den 9. Mai – den Tag des Sieges des sowjetischen Volkes über die faschistischen deutschen Besatzer.

Gerade erst vorgestern haben wir alle den Tag der Pioniere gefeiert. Tausende Jungen und Mädchen nahmen an der feierlichen Übergabe von Pionierhalstüchern auf dem Roten Platz, im Herzen unserer Heimat, teil. Es war ein wunderbares, positives Ereignis und fast alle Medien reagierten auf die eine oder andere Weise – alle großen Sender berichteten.

Unsere Partei hat enorme Anstrengungen unternommen und setzt diese fort, um Kinder- und Jugendorganisationen, Pioniere und Komsomol wiederzubeleben, um Talentierten, kreativ Begabten, Sportlern, jungen Patrioten und Verteidigern unserer Heimat den Weg zu öffnen. Wir unterstützen den Donbass aktiv – bereits 125 humanitäre Konvois mit tausenden Tonnen Nutzlast sind nach Noworossija aufgebrochen, um den Verteidigern dieses Territoriums zu helfen.

Internationale Entwicklungen

Hunderte unserer Genossen dienen in den Streitkräften und Dutzende haben bereits ihr Leben gegeben. All dies geschieht, weil die Kommunisten gut verstehen, welche Bedrohung für unser Land derzeit besteht. Die USA und ihre Verbündeten schlafen nicht, sie schließen weitere Allianzen, AUKUS und die „neue Entente“ sind bereits gegründet. Unter Ausnutzung eines für sie bequemen Vorwands haben die westlichen Eliten Schweden und Finnland bereits in die NATO hineingezogen und die Militarisierung Japans und Südkoreas hat stark zugenommen.

2412 Denis Parfenov 2017 - Lenin oder Iljin - Denis Parfjonow, Iwan Iljin, KPRF, Russische Staatsduma - Internationales
Denis Parfjonow (Foto: Lmbmartin / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0 / Bearb.: UZ)

Russland muss auch seine internationalen Beziehungen weiterentwickeln – und in dieser Richtung gab es in letzter Zeit bestimmte Fortschritte. Die Zusammenarbeit mit China, Vietnam, Laos und einer Reihe von Ländern im Nahen Osten und in Afrika wird gestärkt. Wir begrüßen dies, aber wir rufen auch dazu auf, nicht zu vergessen, wer die Urheber der Bewahrung dieser Beziehungen waren und wer dazu beigetragen hat, sie auf eine neue Ebene zu heben.

Tatsächlich haben gerade Berater und Stellvertreter des Vorsitzenden unserer Partei, Gennadi Andrejewitsch Sjuganow, lange Jahre internationale Besuche im Rahmen der zwischenparteilichen Zusammenarbeit in der ganzen Welt – von Asien bis Südamerika – abgestattet. Und wer hat heute, jetzt, in der derzeitigen Epoche, zum Beispiel bei dem so wichtigen ersten Besuch des Präsidenten nach der Amtseinführung bei der Vorbereitung mitgeholfen? Iwan Iwanowitsch Melnikow und unsere Genossen von der Russisch-Chinesischen Freundschaftsgesellschaft, die er leitet.

Ich möchte daran erinnern, dass in vielen befreundeten Ländern linke Kräfte an der Macht sind – dort werden, anders als in Europa, keine Denkmäler für Befreiersoldaten zerstört, sondern im Gegenteil wird das große ideologische und kulturelle Erbe gewürdigt. In Vietnam wurde kürzlich ein weiteres Lenin-Denkmal eingeweiht und in China wurde ein Denkmal für den großen Schöpfer der proletarischen Kultur, Maxim Gorki, errichtet, der die Oktoberrevolution besang.

Skandalöse Geschichte

Und gerade vor diesem Hintergrund erscheint das, was gerade in unserem eigenen Vaterland geschieht, umso unangemessener. Seit mehr als einem Monat gibt es eine ziemlich skandalöse Geschichte im Zusammenhang mit der Gründung des sogenannten Iwan-Iljin-Fachbereichs für Politik an der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität. Falls es jemand noch nicht weiß: Iwan Alexandrowitsch Iljin war ein faschistoider Philosoph, der Hitler, Mussolini und Salazar unterstützte. Um sich davon zu überzeugen, reicht es, einfach seine Werke zu lesen.

Als Iljin beispielsweise in den 1930er Jahren in Deutschland lebte und arbeitete, begrüßte er die Machtübertragung an die NSDAP. In seinem Artikel „Nationalsozialismus. Der neue Geist“ beschreibt er Hitlers Handeln: „Er hat den Prozess der Bolschewisierung Deutschlands gestoppt und damit ganz Europa den größten Dienst erwiesen. Solange Mussolini Italien und Hitler Deutschland führt, wird der europäischen Kultur ein Aufschub gewährt.“

In einem anderen Artikel mit dem recht beredten Titel „Über den russischen Faschismus“ stellte Iljin fest: „Die weiße Bewegung ist breiter als der Faschismus, weil sie aus völlig anderen Gründen entstehen kann und historisch entstanden ist und in völlig anderen Formen verlaufen ist als der Faschismus. Sie ist tiefer als der Faschismus, weil sich gerade im Faschismus das tiefste religiöse Motiv der Bewegung überhaupt nicht oder unzureichend zeigt.“

Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass Iljin in der weißen Bewegung eine Art beispielhaften Faschismus sah. Das heißt: Offenbar sah er in den Taten der weißen Generäle wie Koltschak oder Wrangel, die Russland im Blut zu ertränken versuchten, einen seiner Meinung nach vorbildlichen und richtigen Faschismus.

Dabei trat die weiße Bewegung tatsächlich als eine Art Kampfknechte ausländischer Besatzer auf, als 14 Staaten das Gebiet der damals noch jungen Sowjetmacht angriffen. Zu dieser Angriffskoalition gehörten unter anderen die USA und Britannien, Frankreich und Japan. Russland wurde von der von Lenin und der Partei der Bolschewiki geschaffenen Roten Armee gerettet.

Faschistische Auswüchse

Einige versuchen uns nun davon zu überzeugen, dass der „große russische Philosoph“ Iljin offenbar die Ereignisse seiner Zeit nicht wirklich verstanden habe und daher den Faschisten etwas unüberlegt seine Sympathien entgegenbrachte. Dies war jedoch kein Fehler, sondern eine völlig bewusste Haltung.

In einem späteren Werk über den Faschismus aus dem Jahr 1948, also nach dem Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozess, in dem die Verbrechen der faschistischen Henker bereits von der gesamten Menschheit öffentlich verurteilt worden waren, schrieb Iljin: „Der Faschismus entstand als Reaktion auf den Bolschewismus, als eine Konzentration staatlicher Bewahrungskräfte auf der Rechten. Dies war eine gesunde, notwendige und unvermeidliche Erscheinung. Der Faschismus hatte weiter recht, weil er gerechte gesellschaftspolitische Reformen anstrebte. Schließlich hatte der Faschismus recht, weil er von einem nationalpatriotischen Gefühl ausging, ohne das kein Volk seine Existenz begründen noch seine Kultur schaffen kann.“

Ich habe nur kleine Ausschnitte vorgetragen. Iljins recht umfangreiches Werk umfasst 22 Bände und es gibt dort viel Bemerkenswertes, bis hin zur faktischen Leugnung des Holocausts. Wie Sie verstehen werden, war die Studenten- und Lehrerschaft nicht umsonst empört, dass eine solche Figur zum Aushängeschild einer soliden Bildungseinrichtung werden sollte.

Heutige Probleme

Was haben die Universitätsleitung und einige ihrer Sympathisanten angesichts der Einwände der Bürger getan? Natürlich haben sie sofort behauptet, dass Studenten und Dozenten im Grunde im Auftrag ausländischer Geheimdienste und Spezialdienste handeln: MI6, natürlich die CIA und so weiter. Nun, verehrte Kolleginnen und Kollegen, hören Sie zu: Das ist so blödsinnig, dass es nicht einmal infrage kommt, derartige Behauptungen ernsthaft zu kommentieren.

Es wurde eine ganze Kampagne zur Rechtfertigung Iljins gestartet. Er wird fast als der Hauptideologe des modernen Patriotismus, als Bollwerk der Wiederbelebung der russischen Nation dargestellt.

Mich verblüfft bei dieser ganzen Geschichte, wie es möglich ist, eine solche Figur – einen Rechtfertiger des Faschismus – als Philosophen hinzustellen, wo doch praktisch alles, was jetzt mit den Ereignissen in der Ukraine zusammenhängt, sozusagen im Rahmen eines antifaschistischen Konsenses abläuft. Wie können die Organisatoren der Schaffung des Iwan-Iljin-Fachbereichs und diejenigen, die sie decken, heute denjenigen in die Augen schauen, die ihren Militärdienst leisten, ihre Gesundheit und ihr Leben im Kampf gegen die Bandera-Banden und den Nazismus opfern? Wie weit muss die Doppeldeutigkeit – um nicht zu sagen Doppelzüngigkeit und Heuchelei – zumindest eines Teils der herrschenden Elite gehen, um dorthin zu gelangen?

Wir verstehen, dass Russland infolge des Staatsstreichs Anfang der 1990er Jahre auf der Welle der Absage an den Sozialismus in die kapitalistische Weltwirtschaft hineingezogen wurde. Unsere Rolle in der damaligen Marktwirtschaft war die eines Rohstoffanhängsels – und bis heute ist es nicht gelungen, diesen wenig beneidenswerten Status vollständig zu überwinden. Natürlich konnte auf einer solch schlechten wirtschaftlichen Grundlage eine gesunde Ideologie einfach nicht entstehen, aber die Suche danach ist noch im Gange.

Perspektiven

Glücklicherweise lehnt unser Volk den westlichen Liberalismus mit seiner besessenen Gender-Politik und dem Schutz aller möglichen Minderheiten ab. Aber als Alternative existieren verschiedenste Lehren vom Zaren-Erlöser und alle möglichen Arten von Weißgardistentum, von denen es nur ein Katzensprung zum Faschismus ist.

Deshalb muss man verstehen, dass es offenbar recht einflussreiche Persönlichkeiten gibt, die versuchen, ihre Weltanschauung – ihre Ideologie – in die Gesellschaft zu tragen, die versuchen, ihre Sicht der gesamten russischen Gesellschaft aufzuzwingen. Auf diesem Weg, verehrte Kolleginnen und Kollegen, können wir tatsächlich sehr weit gehen. Ich persönlich möchte eine solche Zukunft für unser Land nicht. Deshalb empfehle ich den Inhabern der Staatsmacht, zur Vernunft zu kommen, bevor es zu spät ist, und damit aufzuhören, die Erinnerung an einen faschistoiden Philosophen zu verewigen.

Übrigens hätten der Fachausschuss und das zuständige Ministerium schon längst etwas sagen und diesen Frevel stoppen können.

Aber überhaupt gibt es eine andere Seite unserer Gesellschaft, eine andere gesellschaftliche Klasse, die Klasse der Lohnarbeiter, das werktätige Volk. Und die hat ihre eigene Ideologie – eine Ideologie des Guten und der Gerechtigkeit –, leuchtende kommunistische Ideale, das Rote Banner. Ihre Erfahrungen bei der Schaffung von Volkseigentum, Planwirtschaft, Kulturrevolution und Volksdemokratie sind heute sehr gefragt.

Wir als Kommunistische Partei haben der Gesellschaft bereits ein neues Wahlgesetz vorgeschlagen, um faire Wahlen abzuhalten, und einen Entwurf für ein neues Arbeitsgesetzbuch, um die Gerechtigkeit wiederherzustellen und die Ausbeutung zu überwinden. Wir schlagen vor, dass Sie dies nicht abtun, sondern die von uns vorgeschlagene linke Alternative ernst nehmen. Ohne die kann das Land untergehen.

Aber auf dem Weg der sozialistischen Erneuerung werden Russland und sein Volk unbesiegbar sein. Danke.

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Kritischer Journalismus braucht allerdings Unterstützung, um dauerhaft existieren zu können. Daher freuen wir uns, wenn Sie sich für ein Abonnement der UZ (als gedruckte Wochenzeitung und/oder in digitaler Vollversion) entscheiden. Sie können die UZ vorher 6 Wochen lang kostenlos und unverbindlich testen.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Lenin oder Iljin", UZ vom 14. Juni 2024



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Haus.



    UZ Probe-Abo [6 Wochen Gratis]
    Unsere Zeit