Ein Stück deutscher Geschichte

Liebe Eva

Von M. P. Veit

Eva Ruppert, Liebe Eva. Erich Honeckers Gefängnisbriefe. edition Ost im Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2017, 160 Seiten, 9,99 Euro, ISBN 978–3-360–01883-0

Erwirbt man Bücher von der „edition ost im Verlag Das Neue Berlin“, bekommt man (erfreulicherweise) in der Regel auch das, was der Titel verspricht. Das ist auch bei diesem Bändchen nicht wesentlich anders, wenn auch mit gewissen Einschränkungen.

Genauere Auskunft gibt der Rückseitentext: Der Inhalt dokumentiert nur teilweise Briefe Erich Honeckers aus der Haftanstalt Moabit, hinzu kommen Briefe aus Chile, die (aufgrund von Erich Honeckers schlechtem Gesundheitszustand) hauptsächlich von Margot Honecker verfasst und von beiden unterschrieben wurden, dazu noch Briefe von Margot Honecker, die sie nach dem Tod ihres Mannes schrieb. Korrespondenzpartnerin war stets die Gymnasiallehrerin Dr. Eva Ruppert aus Bad Homburg, deren Briefe nicht abgedruckt sind.

Die Entstehungsgeschichte der Bekanntschaft zwischen Eva Ruppert und Erich Honecker und deren Verlauf erläutert zunächst ein rund 20-seitiges, von Frank Schumann durchgeführtes, Interview mit Frau Dr. Ruppert. Bereits dies liest sich sehr spannend, ebenso wie, das sei hier bereits vorweggenommen, die beiden folgenden Hauptteile des Buches. Die oben bereits erwähnten Teile befassen sich mengenmäßig auf ca. 50 Seiten mit den eigentlichen Briefen aus Moabit, auf ca. 30 Seiten mit den gemeinsamen Briefen aus Chile und schließlich auf ca. 65 Seiten mit Margot Honeckers Briefen nach dem Tod Erich Honeckers. Dieser letzte und umfangreichste Teil dokumentiert vor allem die Korrespondenz der Jahre 1994–2000. Hat man allerdings, wie der Referent, vorher das Buch „Post aus Chile – Die Korrespondenz mit Margot Honecker“ von 2016 gelesen, fällt der Spannungsbogen in diesem letzten Teil doch etwas ab, auch wenn „Post aus Chile“ eher den Zeitraum von 2000–2015 umfasst. Man ist in diesem Fall gewissermaßen bereits zu sehr mit Margot Honeckers Stil und ihren politischen Ansichten und Interessen sowie mit ihrem Leben in Chile „vertraut“, um den vierten Teil von „Liebe Eva“ noch spannend zu finden.

Damit stellt sich zwangsläufig die Frage, mit welcher Absicht der Leser eigentlich zu diesem Buch greift. Möchte er nun endlich genau wissen, wie es für Erich Honecker „wirklich war“ im Moabiter Knast, ob und welche pikanten Details sich in dem jahrelangen Briefwechsel zwischen Honecker und einer Lehrerin aus dem „Westen“ verbergen könnten, oder wie es mit dem Eheleben der Honeckers nach 1989 „bestellt“ war, wird er enttäuscht werden.

In der Tat zeigt das Buch vielmehr, wie es auch der Text auf der Rückseite verspricht, „ein Stück deutscher Geschichte“ aus der Sicht Erich und Margot Honeckers.

Es sind jedoch nicht nur die abgedruckten Briefe selbst, die diesen geschichtlichen und persönlichen Einblick vermitteln. Das eigentlich Interessante ist vielmehr die Kombination dieser Briefe mit den zahlreichen und akribisch recherchierten Anmerkungen Frank Schuberts zu jedem einzelnen Brief.

Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass ein Großteil dieser Briefe ohne Schuberts genaue Erläuterungen zu den genannten Personen, Daten und Ereignissen bereits heute, nur wenige Jahre „danach“, überhaupt nicht mehr sachlich verständlich und in ihrer Dramatik nachvollziehbar wären. Insbesondere für ehemalige „Wessis“ wäre die Anschaffung des Buches ohne diese Anmerkungen völlig nutzlos, aber auch für ehemalige DDR-Bürger wäre es vermutlich schwierig, sich an alle Ereignisse, Details und Personen jener Zeit zu erinnern.

Das durch die Anmerkungen (immer direkt im Anschluss an jeden Brief, was unnötiges Blättern und Suchen erspart) zur Verfügung gestellt Detailwissen ermöglicht es dem Leser dagegen, jeden Brief quasi mit den Augen der damaligen Zeit zu lesen, Entwicklungen nachzuvollziehen und Details, die noch in der Erinnerung sein mögen, richtig einzuordnen.

Frank Schubert erspart es insbesondere dem „Wessi“ aber nicht, dabei aufzuzeigen, wie Tatsachen aus jener Zeit verfälscht dargestellt und Stimmung gegen die Honeckers gemacht wurde – und wird, auch heute noch!

Die Kombination aus Briefen und Anmerkungen macht vielmehr deutlich, dass und wie die Honeckers von ihrer Sache überzeugt waren, „in guten wie in schlechten Tagen“ sozusagen, und räumt auch mit allerhand Märchen auf, wie etwa dem der persönlichen Vorteilsnahme des Ehepaares Honecker auf Kosten anderer und dergleichen.

Wer einfach mehr über die Menschen und weniger über die Funktionsträger Erich und Margot Honecker als Menschen ihrer Zeit und ihrer Umstände erfahren möchte, und dies auf einer sachlichen, angemessenen und respektvollen Ebene, der ist mit diesem Buch gut bedient und wird es, wie der Rezensent, als ausgesprochenen „Pageturner“ erleben.

Gerade in einer Zeit, in der bereits zahlreichen Jugendlichen schon nicht mehr bekannt ist, wer überhaupt etwa Erich Honecker (oder genauso auch Helmut Kohl) war, ist diesem Bändchen eine weite Verbreitung zu wünschen, auch und gerade im ehemaligen Westen.

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"Liebe Eva", UZ vom 1. September 2017



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