Produktionsstopp gegen Corona war ein voller Erfolg – in China

Lieber tot als rot

Wir erinnern uns, auch wenn wir es auf keinen Fall sollen: Als am 23. Januar die kommunistische Führung Chinas die Abriegelung des Gebietes Wuhan einschließlich der vorübergehenden Stilllegung aller Produktionsbetriebe verfügte, ging ein kollektives Naserümpfen durch die bundesdeutsche Medienlandschaft angesichts einer solchen Rigidität. Der politische Betrieb ging weiter und noch am 28. Februar mahnte die Kanzlerin bei einem Besuch in ihrem Wahlkreis in Stralsund zu „Maß und Mitte“ beim Umgang mit Covid-19. Während China – wie auch Vietnam und andere asiatische Staaten – das Ziel der Ausrottung des Virus ausgaben, indem seine Träger konsequent isoliert wurden, wird die hiesige Politik von dem Ziel bestimmt, die Ausbreitung nicht „unkontrolliert“ werden zu lassen.

Während also die hiesige herrschende Klasse in ihrer Aufstiegsperiode im 19. Jahrhundert es sich angesichts der damaligen Epidemien wie Cholera oder Kinderlähmung noch zutraute, einen Krankheitserreger zu eliminieren, ist dieses Selbstbewusstsein in den Hochburgen des Kapitals inzwischen verdunstet und dem kläglichen Versuch gewichen, die Ausbreitung der neuen Erreger wenigstens zu „kontrollieren“.

Das Ergebnis der beiden fundamental unterschiedlichen Herangehensweisen dieses globalen Feldversuchs ist auf den Titelseiten der hiesigen Leitmedien oder gar im Internet nicht seriös zu verfolgen – da wird weiter gegen alles gehetzt, was aus China kommt. Wer ein paar Seiten weiter blättert, kann aber schon ein klares Zwischenresümee der verschiedenen Strategien im Kampf gegen diese Pandemie ziehen.

Während hierzulande Sperrstunden verfügt und der Kultur-, Sport- und Freizeitbereich der Menschen behördlich erdrosselt wird, berichtet die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) am 20. Oktober auf Seite 7 unter der Überschrift: „Es darf wieder gefeiert werden“ aus Peking von Musikfestivals wie dem „Strawberry Festival“ mit 30.000 Teilnehmern, lebhaftem Reiseverkehr und – weil alles mit millionenfachen Tests begleitet wird – von Ansteckungen im zweistelligen Bereich. „Während in Berlin die Clubs geschlossen sind, wird in Peking längst wieder getanzt“, stellt das Blatt etwas zerknirscht fest.

Noch mehr Zerknirschung gibt es am selben Tag acht Seiten weiter im Wirtschaftsteil: „Es ist ein Befund, der nicht jedem gefällt: Dass sich die deutsche Wirtschaft trotz der steigenden Corona-Infektionszahlen noch halbwegs gut schlägt, hat viel mit China zu tun. Nachdem die Führung in Peking mit ihrem rigiden Vorgehen die Ausbreitung des Virus schneller stoppen konnte als westliche Länder, zieht dort die Nachfrage nach deutschen Autos, Maschinen und weiteren Produkten wieder an.“ Das Blatt berichtet weiter ehrlich vom 4,9-prozentigen Wachstum im dritten Quartal und resümiert, damit werde „die Volksrepublik im Jahr der Pandemie das einzige große Land sein, in dem die Wirtschaft im Gesamtjahr wächst“.

Was also läge näher, als davon zu lernen und vergleichbare Maßnahmen hierzulande zu ergreifen? Dazu ist die Regierungszentrale, die immer mehr der Brücke auf der Titanic kurz nach Sichtung des Eisberges ähnelt, offensichtlich nicht in der Lage, wie der immer unübersichtlicher werdende regionale Flickenteppich panischer Maßnahmen zeigt. Das hat einen simplen Grund: Im Lande des heiligen Privateigentums an Produktionsmitteln ist an Verboten alles erlaubt – nur kein Verbot der Profitmacherei in den industriellen Kernen der Mehrwertproduktion. Also ist es nicht möglich, wirklich flächendeckend und nicht nur für Verwaltungsberufe, die auch von zu Hause arbeiten können, das Virus durch Isolierung der sich stattdessen weiter in den U-Bahnen und an den Arbeitsplätzen ballenden Menschen auszuhungern. Die heilige Mehrwertproduktion soll nun durch Maskenpflicht, größere Abstände und ausgefeilte erweiterte Schichtmodelle an den Maschinen über den Winter gerettet werden, weil – wie die FAZ am 16. Oktober titelte – „die Lockdown-Angst“ in der Wirtschaft umgeht und alles getan werden müsse, um diesen Lockdown zu vermeiden. Der am selben Tag festgestellte „düstere Tag für die Börsen“ wird wohl so nicht der Letzte bleiben.

Aber eher werden weitere Tote in Kauf genommen als dass dieses System bereit wäre, von den Roten zu lernen. Trösten kann die Hiesigen da nur noch die Tatsache, dass dieses Virus eine Todesrate von unter einem Prozent der Infizierten erzeugt.

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"Lieber tot als rot", UZ vom 30. Oktober 2020



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