Liefern am Limit

Christoph Hentschel im Gespräch mit Orry Mittenmayer

UZ: Du arbeitest als Rider (Fahrradkurier) bei Deliveroo. Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Orry Mittenmayer: Ich fahre meistens zwischen 40 und 50 Stunden die Woche und lege dabei im Schnitt 700 Kilometer mit meinem Fahrrad zurück. Meine Schicht fängt um 11.30 Uhr an. Dann logge ich mich über mein Handy mit einer speziellen Rider-App ein. Mit Hilfe eines Algorithmus wird dem nächsten freien Fahrer eine Order zugeteilt. Meistens handelt es sich dabei um Lieferungen von Restaurants an Büros. Kurz vor Schichtende bekommt man dann oft noch eine Order zugeteilt, so dass man noch in seiner Freizeit ohne Lohn fährt.

UZ: Wie kam es dazu, dass deine Kollegen und du euch entschieden habt, einen Betriebsrat gründen zu wollen?

Orry Mittenmayer

Orry Mittenmayer

Orry Mittenmayer: Ende letzten Sommer ist es dazu gekommen, dass wir kein Geld ausgezahlt bekommen haben. Es hieß, man würde uns gerne sofort den Lohn nachzahlen, aber leider müssten wir einen Monat warten, weil die Abrechnungsfirma strikte Strukturen hat und keine Ausnahmen macht. Wenn man dann darauf hingewiesen hat, dass man Miete zahlen muss, dann wurde lapidar gesagt, dass man nichts machen könne. Das haben wir als Fahrer eine Zeit lang mit uns machen lassen, dann ist es aber irgendwann doch eskaliert.

Man muss verstehen, dass wir zwei bis drei mal die Woche einen Platten haben und ein Rennrad braucht bestimmte Schläuche und Mäntel. Wenn du Pech hast und du zum Beispiel über Karneval fährst, dann gibst du 80 Euro die Woche für Schläuche und Mäntel aus, weil dir ständig Glassplitter reinkommen. Deliveroo hat gesagt, dass es unsere Verantwortung ist und nicht ihre. Dadurch haben wir aber einen enormen Gehaltsausfall.

Der Supergau war dann, als der Winter hier in Köln relativ früh gekommen ist. Es gab wieder überhaupt keine Winterklamotten. In einer Rundmail von Deliveroo hieß es, dass sie eine gute Nachricht für uns hätten, denn ab sofort könne man Winterequipment bei ihnen kaufen. Dann ist uns der Kragen geplatzt. Wir verdienen nur 9 Euro die Stunde, Trinkgeld ist auch nicht so geil, weil oft die Strecken zu lang sind und das Essen kalt beim Kunden ankommt, der dann auch abgefuckt ist. So kannst du nicht mal vom Trinkgeld leben. Ich hab mir privat dann Winterequipment für 350 Euro gekauft. Ich bräuchte eigentlich eine zweite Garnitur, die kann ich mir aber nicht leisten.

Wir haben uns beschwert, da hieß es immer nur, schreibt eine Mail an das Deliveroo-Hauptquartier in Berlin. Die haben uns einfach ignoriert. Ein Kollege von mir, Keno, hat dann WhatsApp-Gruppen eröffnet und paar Leute eingeladen. Wir haben viel diskutiert und dabei ist uns klar geworden, der große Knackpunkt ist, dass wir alle nur auf ein halbes Jahr befristet angestellt sind. Wir gehen zwar immer zwei bis drei Monate davor zum Kölner Deliveroo-Office und fragen, wie es aussieht. Eine Rückmeldung bekommen wir eine Woche vor Ablauf unserer Verträge. Dann heißt es: „Komm mal ins Büro, dann reden wir über deinen Vertrag.“ Wenn du dann Pech hast, stehst du ohne Job da und es ist zu spät, sich rechtzeitig beim Arbeitsamt arbeitslos zu melden.

Im September haben wir uns dann im Stadtgarten auf ein paar Bier getroffen und Keno hat uns von der NGG erzählt. Wir sind dann zur NGG gegangen und da gab es erst mal eine Infoveranstaltung. Am 1. Dezember hatten wir dann die erste Wahlversammlung zur Abstimmung für eine Betriebsratswahl. Ein Mitglied aus dem Office war dabei, versuchte uns einzuschüchtern, aber alle 30 anwesenden Fahrer haben dafür gestimmt, er hat sich enthalten. Keno, Kathrin und ich wurden in den Wahlvorstand gewählt und Keno wurde Vorsitzender.

UZ: Wie sind die Reaktionen vom Arbeitgeber, dass ihr jetzt einen Betriebsrat haben wollt?

Orry Mittenmayer: Vom ersten Tag an Ablehnung. Der CEO von Deliveroo Deutschland hat auf „HipChat“, die damals noch für alle Mitarbeiter zugänglich war, versucht die Kontrolle an sich zu reißen. Zuerst hat er mit Anwälten gedroht, dann hieß es, die Räumlichkeiten, die die NGG zur Verfügung stellt, nicht einer Veranstaltung von solcher Wichtigkeit angemessen wäre. Es wurde ein Hotel am Arsch der Welt vorgeschlagen. Da mussten wir echt konsequent sagen, das ist wieder eine Behinderung, das gibt eine Anzeige. Dann ist er eingeknickt und hat dann doch nichts gemacht.

Aber sie entsorgen Schritt für Schritt die ihnen unangenehmen Mitarbeiter. Unser erster Wahlvorstandsvorsitzender, Keno, ist aus dem Unternehmen gekickt worden, indem sie den Vertrag auslaufen ließen. Das gleiche ist jetzt seiner Nachfolgerin Katrin passiert. Sie hat jetzt Urlaub genehmigt bekommen und strebt eine Entfristungsklage mit Hilfe der NGG an.

Vor ein paar Wochen haben sie noch einen Bock geschossen. Wir wollten mit dem Office-Personal besprechen, welchen der Räume wir im Office für die Betriebsratswahl, die nächste Woche stattfinden soll, bekommen. Sie haben uns 20 Minuten in der Kälte vor der Tür warten lassen und dann nichts zugesagt. Letzte Woche waren Katrin und Angelo, der jetzt auch Wahlvorstandsmitglied ist, nochmal da und wieder nichts. Seit vorgestern bin ich Wahlvorstandsvorsitzender und hab auch nochmal eine Mail geschrieben und hab immer noch keine Antwort bekommen und die Frist hab ich auf Montag gesetzt und wenn es immer noch keine Reaktion gibt, dann müssen wir andere Schritte bedenken.

UZ: Wie wirkt sich euer Kampf im Unternehmen aus?

Orry Mittenmayer: Wir waren im Dezember noch 140 Mitarbeiter. Dann wurden effektiv die Mitarbeiterzahlen auf aktuell 48 reduziert, indem man Verträge auslaufen ließ. Seitdem ist aber die Anzahl von Freelancern gestiegen. Es gibt darunter auch deutschsprachige Freelancer, die verstehen, was man als Scheinselbstständiger alles selbst zahlen muss. Es gibt mittlerweile sehr viele Ausländer, aus Spanien oder Syrien, bei denen es leider so ist, dass sie kein Hintergrundwissen haben, was für Rechte aber auch welche Pflichten sie haben. Deliveroo erzählt ihnen dann vom schnellen Geld, aber nicht, dass sie ohne Versicherung auf den Straßen rumfahren, die Mehrwertsteuer immer selber berechnen müssen, dass sie alle Versicherungen immer selber bezahlen müssen. Wenn sie jemanden anfahren, unterstützt sie Deliveroo nicht und sie haben nicht mal eine Haftpflichtversicherung.

Das ist erst vor ein paar Wochen ans Licht gekommen. In der WhatsApp-Gruppe gab es eine richtig leidenschaftliche Diskussion. Wir haben über Stunden mit den Freelancern diskutiert und sie aufgeklärt. Dann waren viele Freelancer voll geschockt. Wir haben hinbekommen, ein paar Freelancer aufzufangen. Ich denke, Deliveroo holt sich mit Absicht Leute auf Gewerbeschein, die sich nicht wehren können.

UZ: Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) unterstützt euren Kampf. Wie sieht das konkret aus?

Orry Mittenmayer: Die waren von Anfang an mit dabei. Es fing an, dass sie ganz unverbindlich eine Informationsveranstaltung gemacht haben. Wir waren im kleinen Kreis von zehn Leuten. Wir waren mega unsicher, ob wir das überhaupt machen sollen. Die NGG hatte wirklich viel Geduld mit uns und hat jede Frage geduldig beantwortet und jedes einzelne kleine Detail erklärt. Die NGG ist in meinen Augen eine wertvolle Hilfe und sie unterstützt uns mit Räumlichkeiten, in rechtlichen Angelegenheiten.

Wir merken wirklich, dass die NGG auf einen enormen Erfahrungsschatz zurückgreifen kann. Wenn wir mal nervös waren und Angst bekommen haben, haben sie gesagt, beruhigt euch, Arbeitgeber sind nun mal so und wir bekommen das hin, wenn ihr die Nerven behaltet. Sie haben uns auch mal den Kopf zurechtgestutzt, wenn wir zu chaotisch waren. Sie haben das geschafft ohne uns zu bevormunden. Sie haben Empfehlungen ausgesprochen, aber uns überlassen, ob wir das machen wollen oder nicht.

Ich bin der NGG sehr dankbar, dass sie sich unserer Probleme angenommen hat, weil es ist eigentlich eine aussichtslose Sache in Unternehmen einen Betriebsrat durchzusetzen, wenn befristete Verträge existieren. Das ist echt ein Kampf David gegen Goliath. Wer auf dem Laufenden bleiben möchte, kann uns auf Facebook unter „Liefern am Limit“ folgen.

Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Liefern am Limit", UZ vom 16. Februar 2018



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Auto aus.

    Vorherige

    Runter und rauf

    1818 – Karl Marx – 2018

    Nächste