Rentendebatte: Eintrittsalter steigt, Lebenserwartung hält nicht mit

Mehr arbeiten, weniger leben

Die Lebenserwartung in Deutschland ist dank des medizinischen Fortschritts im Laufe der letzten Jahrzehnte gestiegen. Das ist eigentlich eine gute Nachricht – aus der Sicht neoliberaler Ökonomen jedoch eine Katastrophe. Denn statt nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben „sozialverträglich abzuleben“, belasten immer mehr Versicherte das Rentensystem unnötig lange. Dem muss gegengesteuert werden. Anders lassen sich die jüngsten Äußerungen aus Wirtschaft und Politik nicht interpretieren.

„Wir werden alle länger arbeiten müssen, auch weil wir bei besserer Gesundheit immer älter werden“, so die Botschaft von Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer des Unternehmerverbandes BDA, an die Regierung Merz. Der Kanzler ließ sich das nicht zweimal sagen und erklärte auf der Euro Finance Week in Frankfurt, dass sich die Deutschen auf längere Lebensarbeitszeiten einstellen müssten. Er fügte hinzu, man müsse das Verhältnis zwischen Arbeitszeit und Ruhestand neu austarieren. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hatte bereits im September 2025 mit Blick auf ein Papier ihres Beraterkreises ausgeführt: „Wir müssen angesichts einer höheren Lebenserwartung länger arbeiten.“

Dabei ist die Realität längst eine andere. Tatsächlich ist die Regelaltersgrenze zwischen 2012 und 2030 ungefähr doppelt so schnell gestiegen wie die Lebenserwartung. Dies geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken hervor. Zuletzt hatten 65-Jährige Aussicht auf weitere 19,4 Lebensjahre. Dieser Mittelwert der Jahre 2022 bis 2024 lag nach einigen Schwankungen auf demselben Niveau wie zehn Jahre zuvor. Die gesetzliche Altersgrenze für eine abschlagsfreie Rente wurde hingegen seit 2012 schrittweise um mehr als ein Jahr angehoben. Auch der tatsächliche Rentenbeginn verschob sich – nach Daten der Bundesregierung – binnen zehn Jahren im Schnitt um gut 1,3 Jahre nach hinten.

Dabei unterscheidet sich die Lebenserwartung regional deutlich. So hatten 65-jährige Frauen in Baden-Württemberg im Jahr 2024 noch eine Lebenserwartung von 21,5 Jahren, im Saarland waren es mit 20,2 Jahren deutlich weniger. 65-jährige Männer in Baden-Württemberg hatten statistisch noch 18,6 Jahre vor sich; in Sachsen-Anhalt waren es nur rund 16,6 Jahre. Insgesamt lag die Lebenserwartung für Männer in Westdeutschland mit 17,8 Jahren durchweg etwas höher als in Ostdeutschland mit 17,2 Jahren.

Hinter den regionalen Unterschieden verbergen sich soziale Unterschiede. Es ist der Wissenschaft schon länger bekannt, dass niedrige Einkommen und ein niedriger Bildungsstand sowie schlechte Arbeitsbedingungen und eine schlechte Wohnsituation die Gesundheit und damit auch die Lebenserwartung erheblich beeinflussen. Daher ist zu erwarten, dass eine weitere Erhöhung des Rentenalters, wie von Kapitalverbänden gefordert und von der Regierung geplant, die Schieflage weiter verschärfen wird.

Dies wird durch eine aktuelle Studie des EPoS Research Centers an der Universität Mannheim und der Universität Barcelona untermauert. Bereits ein um ein Jahr verschobener Renteneintritt erhöht das Sterberisiko im Alter zwischen 60 und 69 Jahren um 4,2 Prozentpunkte. Betroffen sind vor allem Beschäftigte in Berufen mit hoher körperlicher Belastung, vielen Arbeitsunfällen oder starkem psychischen und sozialen Stress, so die Studie. Besonders kritisch ist aus Sicht der Wissenschaftler, dass Menschen, denen Erfolgserlebnisse und Anerkennung im Job fehlen, durch den späten Ruhestand stärker gefährdet sind.

Begleitende Untersuchungen zeigen, dass die Anhebung des Renteneintrittsalters auch zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustands bei den Betroffenen führt. Das betrifft sowohl psychische Erkrankungen wie Stimmungsstörungen als auch körperliche Leiden wie Übergewicht, Arthrose und Rückenprobleme. Zusammengefasst: Jede weitere Verlängerung der Lebensarbeitszeit hat einen signifikanten Einfluss auf den Gesundheitszustand und damit auch auf die Mortalitätsraten der Betroffenen. Ob diese Erkenntnis zu einem Umdenken im neoliberalen Lager führt, darf bezweifelt werden. Dort zählen nur Profitraten.

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"Mehr arbeiten, weniger leben", UZ vom 17. April 2026



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