Erfolgreicher Kampf gegen Corona in Kerala

Mit Planung und Solidarität

Beatrice Lumpkin, People‘s World

Der indische Bundesstaat Kerala mit seinen 34 Millionen Einwohnern zeichnet sich durch eine hohe Alphabetisierungsrate, fortschrittliche Sozialleistungen, eine gute Ausbildung und andere günstige Bedingungen aus, die im Rest des sich entwickelnden Indiens einfach nicht zu finden sind. Er investiert auch mehr in die Gesundheitsversorgung als jeder andere Bundesstaat des Landes. Regiert wird Kerala von einer Koalition aus zwei kommunistischen Parteien und anderen linken Gruppen.

Am 18. Januar 2020 warnte die WHO vor der Verbreitung eines neuartigen Coronavirus in Wuhan, China. K. K. Shailaja, eine ehemalige Lehrerin, die jetzt das Ministerium für Gesundheit und Soziales in Kerala leitet, wusste, dass Kerala in Schwierigkeiten steckte. Ihre Reaktion erfolgte sofort. Am 24. Januar hielt Shailaja ein Treffen eines schnellen Reaktionsteams ab, richtete ein Kontrollzentrum ein und mobilisierte Überwachungsteams.
Kerala war besonders anfällig für die Ausbreitung des Virus. Es gibt eine dichte städtische Bevölkerung. Viele Einwohner von Kerala arbeiten außerhalb des Staates und pendeln, eine große Zahl von Wanderarbeitern kommt aus anderen Bundesstaaten. Außerdem wusste Shailaja, dass viele Studenten aus Kerala an der Universität Wuhan studierten und bald nach Hause zurückkehren würden.

Zum Glück hatte Shailaja bereits Erfahrung mit tödlichen Viruskrankheiten. Im Jahr 2018 hatte sie in Kerala geholfen, einen Ausbruch des Nipah-Virus schnell unter Kontrolle zu bringen, eines tödlichen Erregers, der von Tieren auf Menschen überspringt.

Am 27. Januar 2020 kehrte die erste Gruppe von Studenten aus Wuhan nach Kerala zurück. Einer wurde positiv auf Covid-19 getestet, Indiens erster bestätigter Fall. Traurigerweise liegt die Zahl der bestätigten Fälle in Indien mittlerweile bei 10 Millionen. Doch mit gezielten Tests, Kontaktverfolgung und Quarantänemaßnahmen hat die kommunistisch geführte Regierung von Kerala die Zahl der neuen Fälle innerhalb weniger Monate auf fast Null gesenkt und damit die Kurve viel besser abgeflacht als anderswo in Indien.

Eine ermutigende Statistik ist die niedrige Sterblichkeitsrate unter den bestätigten Fällen, 0,36 Prozent. Das ist eine der niedrigsten in der Welt. Es ist ein Erfolg, der durch frühzeitiges Handeln erreicht wurde.

Im März war Kerala der erste Ort in Indien, der Maßnahmen zum Schutz vor der Krankheit einführte. Die dortige Regierung handelte schneller als die nationalen Behörden, schloss Schulen und nicht benötigte Arbeitsstätten und schränkte öffentliche Versammlungen ein. Der Staat sorgte dafür, dass die Mittagsmahlzeiten, die Kinder normalerweise in der Schule erhalten, zu ihnen nach Hause geliefert wurden. Für Menschen, die mit der Isolation zu kämpfen hatten, wurden Hotlines für psychische Gesundheit eingerichtet.

Shailajas Leidenschaft für die Wissenschaft führte sie dazu, Physik- und Biologielehrerin zu werden. Der Klassenkampf in Indien zog Mitglieder ihrer Familie in die wachsende kommunistische Bewegung und den Kampf gegen die Unterdrückung der Kasten. Ihre Großmutter beteiligte sich an lokalen Bewegungen gegen die Unberührbarkeit und nahm die junge Shailaja manchmal mit. Später trat Shailaja einer der kommunistischen Parteien des Staates bei. Nachdem sie sich in ihrer Partei in Führungspositionen hochgearbeitet hatte, wurde Shailaja 2016 zur Ministerin für Gesundheit und soziale Wohlfahrt ernannt. Im Jahr 2018 sah sie sich mit dem Ausbruch des Nipah-Virus im Bundesstaat konfrontiert, der eine Sterblichkeitsrate von 50 bis 75 Prozent aufweist. Shailaja besuchte das am schlimmsten betroffene Dorf, um die Bewohner zu beruhigen und ihnen zu erklären, dass das Risiko einer Übertragung des Nipah-Virus von Mensch zu Mensch im täglichen Leben gering ist. Ihr Besuch verhinderte eine unnötige Massenflucht aus dem Gebiet.

Der Ausbruch des Nipah-Virus konnte durch die Rückverfolgung und Quarantäne von mehr als 2.000 Kontaktpersonen eingedämmt werden. Von den 19 bestätigten Fällen starben 17. Später kam die WHO zu dem Schluss, dass Keralas Reaktion auf das Nipah-Virus zwar früh, aber ungeplant war und das Gesundheitspersonal unzureichend ausgebildet war. Shailaja und ihre Mitarbeiter wussten also, dass sie beim nächsten Mal besser vorbereitet sein mussten. Der neue Plan umfasste verbesserte Überwachungs- und Kontaktverfolgungssysteme sowie bessere Krankenhausprotokolle. Sie nutzten die Pause zwischen den Epidemien, um Kapazitäten aufzubauen und besser auf „das nächste Mal“ vorbereitet zu sein.

Shailaja verließ sich auch auf ein anderes Grundprinzip der kommunistischen Parteien, die Einheit verschiedener Völker zum Wohle aller. Die Bevölkerung von Kerala umfasst Hindus, Muslime und Christen, die friedlich zusammenleben. Bei der Infektion mit dem Nipah-Virus wurden die ersten Todesopfer verbrannt. Aber die Einäscherung war für die muslimischen Familien nicht akzeptabel. Als eine Verwandte sie unter Tränen anrief, bat Shailaja die Ärzte, eine andere Lösung als die Einäscherung zu finden. Sie wechselten zu einer Tiefenbestattung, drei Meter unter der Erde, und wickelten den Körper zusätzlich in luftdichtes Plastik ein.
Keralas starke Sozialdienste haben geholfen; sie stellten 150.000 Wanderarbeitern Unterkunft und Essen zur Verfügung, um sie davon abzuhalten, zwischen ihrer Arbeitsstätte und den Heimatstaaten hin und her zu reisen und Covid-19 zurück nach Kerala zu bringen. Shailaja erklärte bereits im August, sie bereite sich auf eine mögliche zweite Welle vor, indem sie die Anzahl der Krankenhausbetten erweiterte und erneute Abriegelungsmaßnahmen empfahl. Ziel war es, die Zahl der Todesopfer niedrig zu halten und ältere Menschen zu schützen.

Die Häufung der Fälle in Kerala wuchs nach dem Erntedankfest Ende August. Im Oktober verzeichnete der Bundesstaat einen der größten täglichen Zuwächse an Fällen im ganzen Land. Vor kurzem empfahl Shailaja strengere Reisebeschränkungen. Sie räumte auch ein, dass Festivitäten und politische Proteste zu dem jüngsten Anstieg beigetragen haben. „Bis wir einen Impfstoff bekommen, werden wir alle auf einige Annehmlichkeiten in unserem Leben verzichten müssen“, fügte sie hinzu.

Shailajas Führung ist ein Beispiel für die demokratische Natur der Landesregierung von Kerala. Aufgrund ihrer Kompetenz und ihres Engagements, ohne Familienvermögen oder Unterstützung von Unternehmen stieg Shailaja, eine Frau und Gymnasiallehrerin, in ein staatliches Kabinettsamt auf.

Übersetzt und bearbeitet von Melina Deymann

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"Mit Planung und Solidarität", UZ vom 15. Januar 2021



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