Moral ist für den Pöbel

Jens Spahn ist weg. Hurra! Gestolpert ist der jetzt ehemalige Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU im Bundestag weder über dubiose Maskendeals noch über einen Millionenkredit für den Kauf einer Villa, die Verschleierung von Spender-identitäten noch seine Teilnahme an den „Dialog-Treffen“ des Klerikalfaschisten Peter Thiel. Was Spahn zum Rückzug zwang, war die Bekanntgabe der Vaterschaft seines Mannes. Das Kind wurde von einer Leihmutter ausgetragen.

Da war die Empörung aber groß in Deutschland. Schließlich hatte Spahn sich doch dafür ausgesprochen, dass Leihmutterschaft in diesem Land illegal bleibt. Und dann handelt er gegen hier geltende Gesetze. Da machte selbst Bundeskanzler Friedrich Merz eine Entdeckung: „Glaubwürdigkeit ist in der Politik das höchste Gut.“ Alle begrüßten den Rücktritt Spahns, Linken-Ko-Chef Luigi Pantisano fand, „endlich“ und attestierte dem Ex-Fraktionsvorsitzenden, er sei gestolpert über seine eigene rechte „Queerfeindlichkeit“.

Das ist natürlich ausgemachter Quatsch. Sich Frauenkörper kaufen zu können hat nichts aber auch gar nichts mit Queerfreundlichkeit oder dergleichen zu tun. Reiche Menschen, egal welcher sexuellen Orientierung, kaufen sich arme Frauen, um sie ein Kind austragen zu lassen. An dem Kind hat die Frau danach natürlich keine Rechte – egal, was Jens Spahn jetzt über „Familie“ faselt. In den USA werden Frauen zu Leihmüttern, weil sie dafür bezahlt werden. Zwischen 55.000 und 75.000 US-Dollar werden pro Schwangerschaft gezahlt, damit lässt sich eine Zwangsräumung verhindern oder medizinische Behandlung für Verwandte zahlen. Die Käufer müssen allerdings tiefer in die Kasse greifen. Für das „All inclusive Bundle“ werden etwa 260.000 US-Dollar fällig – Eizellen und „Lebendgeburtgarantie“ inklusive.

Und natürlich ist Jens Spahn auch weiterhin gegen Leihmutterschaft. Gehört sich schließlich nicht. Nur gelten für ihn und seine rechten Bros wie Peter Thiel eben andere Regeln als für Normalsterbliche. Moral ist für den Pöbel. In dieser Haltung zeigt sich die Dekadenz einer herrschenden Klasse vor dem Fall. Und es wundert nicht, dass Merz’ erste Reaktion keine Empörung war, sondern eine Gratulation an Spahn.

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"Moral ist für den Pöbel", UZ vom 24. Juli 2026



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