Der 4. Fall von Sergeant Cooper führt in eine „Zeit der Finsternis“

Opfer der Apartheid

Von Bee

Malla Nunn

Zeit der Finsternis

Ariadne Kriminalroman

Übersetzt von Laudan & Szelinski

304 Seiten, 13,- Euro

Johannesburg im Dezember 1953. An einem Freitagabend wird eine junge Frau in einer dunklen Gegend entführt. Die Täter stellen sicher, dass sie weiß ist. Am gleichen Abend in einem Villenviertel, einige Meilen entfernt, betreten Detective Sergeant Emmanuell Cooper, Engländer, Ex-Soldat, und Lieutenant Walter Mason, Ex-Undercover, frömmelnder Evangelist, Schutzgelderpresser, den Tatort eines Raubüberfalls. Die Eheleute Brewster, er liberaler Schuldirektor, sie Sekretärin in der Landwirtschaftsbehörde, liegen schwer verletzt am Boden. Tochter Cassie hatte sich versteckt, ist unverletzt, aber verstört. Sie sagt aus, zwei schwarze Schüler ihres Vaters seien die Täter. Im Haus fehlt scheinbar nichts, das rote Cabriolet ist weg. Cooper weiß: sie lügt.

Die vermeintlichen Täter sind schnell gefunden. Einer hat ein Alibi, der andere, Aaron Shabalala, nicht. Er behauptet nur durch die Gegend gelaufen zu sein. Und Cooper weiß: er lügt. Aaron ist der Sohn von Constable Samuel Shabalala, langjähriger Partner und Freund von Emmanuel. Undenkbar, dass er ein solches Verbrechen begehen würde. Doch „weiße Mittelklasse-Opfer bringen mit Macht die Macht zum Vorschein“ und „Wenn ein weißes Mädchen einen Zulu-Jungen beschuldigt, gibt es kein Zweifeln“. Zielgerichtet wird der gestohlenen Wagen in den Slums von Sophiatown gesucht und, welch Wunder, auch gefunden, mit Aarons Schulabzeichen als Zugabe darin. Der Fall ist geklärt, die Beweise manipuliert und Cooper wird in den Urlaub geschickt.

Malla Nunn nimmt uns mit in ein Land auf dem Weg in die vollständige Rassentrennung. Anfang der 50er Jahre werden die entsprechenden Gesetze jedes Jahr verschärft. Das weiße Minderheitsregime legt anhand selbstgestrickter, absurder Kriterien fest, welcher Rasse jeder Bürger angehört. Die Segregation wird voran getrieben. Nichtweiße dürfen sich nur noch mit Arbeitserlaubnis in den Städten aufhalten und müssen ihr Passbuch immer mit sich tragen. Diese Gastarbeiter leben in Townships vor den Toren der Metropolen, die anderen in Locations, ähnlich den Reservaten in den USA. Das Zusammenleben von Weißen und Nichtweißen unter einem Dach ist strengstens verboten. Die weiße Oberschicht weiß diese Vorschriften zu umgehen, auf ihren riesigen Anwesen stehen Hütten für Bedienstete, Geliebte und deren Kinder.

Emmanuel Cooper wohnt in einer solchen mit Davida und dem gemeinsamen Töchterchen Rebekah auf dem Grundstück ihres reichen weißen Vaters. Davon darf natürlich niemand wissen und so lebt er in ständiger Angst um die beiden und vor Entdeckung seines Doppellebens. Denn er ist zudem Kind gemischtrassiger Eltern, sein Lebenslauf für die Polizei weist ihn jedoch als Weißen aus. Er muss dieser Angst trotzen. Shabalala, groß, stark wie ein Baum, Spurenleser, hat ihm mehrmals das Leben gerettet. Nun muss er die Unschuld seines Sohnes beweisen. Kein leichtes Unterfangen, denn die Menschen reden ungern, alle haben ihre Geheimnisse. Zusammen mit Dr. Zweigman, Arzt, Jude, Überlebender von Buchenwald, machen sie sich auf den Weg.

Die Suche beginnt in Sophiatown. Die Township ist der Gegenpol zu den weißen Villen und weißen Menschen von Johannesburg. Hier leben Schwarze, Farbige, Asiaten, Juden. Hier entsteht der afrikanische Jazz, Gegenkultur und Widerstand. Sophiatown vereinigt Heilige und Sünder. Hier gelten noch eigene Gesetze. Die Eingeborenenpolizei drückt so manches Augen zu, Banden konkurrieren um die Herrschaft, einer der Bandenchefs ist Coopers bester Freund aus Kindertagen. Es kommt ein wenig Licht ins Dunkle. Die drei geraten noch ein paar Mal in arge Schwierigkeiten. Sie müssen bis an die Grenzen ihrer körperlichen Fähigkeiten und darüber hinaus gehen, um die Täter zu stellen. Das entführte Mädchen behält die Autorin immer im Auge. Ihr Schicksal verfolgt der Leser in parallelen Kapiteln. Und kommt der Lösung damit etwas schneller näher als Cooper und seine Freunde. Im Veld finden sie die Antwort auf das „Warum: „Gier ist überall ein Motiv, in Südafrikas Savanne ist es auch Wasser.“

Malla Nunn wurde im südafrikanischen Swasiland als Kind eines gemischtrassigen Paares geboren Die Familie emigrierte in den 70ern nach Australien. Ihre eigenen Erfahrungen bewahren sie vor jeglichem Zynismus. Bei einer ihrer Lesungen brachte sie in Berlin auf den Punkt, was Unfreiheit bedeutet: „Wenn die Menschen die Wahl zwischen Stock und Messer haben, dann entscheiden sie sich für den Stock.“

Ihre Sicht auf die Verhältnisse ist analytisch klar, ihre Erzählweise präzise und packend. Sie lässt ihre Figuren einige Brutalitäten er- und überleben, aber sie kreiert keine Supermen. Ebenso wenig glorifiziert sie unbekannte Landschaften. Die Natur ist nicht wundervoll, sondern oftmals Gegner der Menschen, die von ihrem Ertrag leben müssen. Sie entblößt Rassismus als Mittel einer Klassengesellschaft, in der eine kleine Minderheit ihre Privilegien und Pfründe zu sichern sucht. Die Deformation jedes Einzelnen in einer solchen Gesellschaft kann man noch heute in Südafrika beobachten. Die Apartheid ist Geschichte, aber die Geschichte wirkt nach.

„Zeit der Finsternis“ ist ein in jeder Hinsicht gelungener Krimi. Spannend, realistisch, eindrücklich. Sehr hilfreich ist das umfangreiche Glossar am Ende des Buches.

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"Opfer der Apartheid", UZ vom 28. April 2017



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