Sein Werk bleibt hochaktuell. Zum 30. Todestag des schwulen Schriftstellers Ronald M. Schernikau

Optimismus trotz radikaler Kritik

Er war, wie am 29. Oktober auf diesen Seiten stand, „so schön (…) wie der Staat, den er liebte“, obwohl sein Literaturinstitutsleiter nach der Lektüre der „tage in l.“ feststellte, „dass die Liebe zur DDR ihn nicht blind gemacht hat“. Seiner treffenden, beißenden und konsequenten Kritik lag eine Haltung zu Grunde, die Gorki mit dem großen Wort „Stolz“ fasst.

Bekannt wird Ronald M. Schernikau 1980 mit der „kleinstadtnovelle“. Selbst Teile des Bildungsbürgertums interpretieren Einblicke in die Denk- und Gefühlswelt des 19 Jahre jungen Abiturienten. Weil sein Blick auf die Dinge unbefangen ist, außer wenn es um die Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse geht. Er beschreibt die heteronormative Beklemmung im schulischen Alltag direkt:

„das anrempeln beim mannschaftsspiel und das verhöhnen der kleinen in der runde, was das äußerste ist an aufmerksamkeit. und das gemeinsame duschen wird zur qual, weil handtücher um jungenlenden nur der vorhang sind zum schauspiel: wer hat den größten und wer verbirgt am brutalsten seine scham? der mit der größten klappe kann es sich schon mal erlauben, einem anderen zwischen die beine zu fassen, schmerzhaft und scherzhaft! natürlich, und verdammt männlich. so müssen es die imperialistischen armeen und folterer getrieben haben: miteinander ohneeinander, berührung erst erlaubt nach verweis auf fehlende weiber.“ („kleinstadtnovelle“ Seite 29)

Ein Jahr später lässt er sich in Hamburg die Geschichte seiner Mutter und seiner frühen Kindheit erzählen. Die Interviews erscheinen später als „Irene Binz. Befragungen“ und wären später fast in Leipzig aufgeführt worden. Als er die Binz über die Homosexualität ihres Sohnes sprechen lässt, wird kein Aufsehen darum gemacht, wer wen liebt.

Was heute noch nicht normal ist, war es damals noch weniger. Sechs Jahre später demonstrieren Schwule und Verbündete in Bayern gegen das Vorhaben der CSU, sie in Lagern zu konzentrieren. In der Diskussion um Aids-Zwangsmaßnahmen gibt Peter Gauweiler im „Spiegel“ 8/87 zum Besten: Ein „hamsterhaftes Sexualleben“ oder ein „suchtartig gewordenes Sexualverhalten“ seien schuld an Aids. In seinem „Siegessäulen“-Beitrag „fickt weiter!“ antwortet Schernikau indirekt, schon im November 1984, auf solch reaktionäre Züchtigungsphantasien:

„wenn ich mich auf eine bank lege und mich von fünf männern ficken lasse, will ich fünf männer. Ich weiß, der mensch ist sterblich: aber vielleicht ich nicht? der einzige grund, geschlechtsverkehr mit vielen zu haben, ist: einen abend, einen monat, ein leben lang nichts anderes mit der welt zu tun haben wolln, als daß sie mich fickt.

ach wissen sie, seit meine frau in der loge den regenschirm hat stehen lassen, gehen wir ja nicht mehr in die oper.

wer auf der welt bleiben will, muß eben diese nehmen. wer sich um die welt kümmern will, kann eben an politik nicht vorbei; wer an politik nicht vorbeikommt, kommt an kommunisten nicht vorbei; wer an kommunisten nicht vorbeikommt, muß eben diese nehmen (dies als ein allererstes beispiel). wir haben keine wahl.
die kommunisten, die krankheiten, die welt, die habe ich mir nicht ausgesucht.“ (in: „Königin im Dreck“, Seite 161)

Ab 1986 kann er in Leipzig studieren, 1989 erhält er die DDR-Staatsbürgerschaft. Als im März 1990 der Schriftsteller-Kongress tagt, hält er eine berühmt gewordene Rede, in der er unter anderem sagt: „Der Westen hat, und das ist so ein alter Trick, die Moral eingeführt, um über Politik nicht reden zu müssen.“ Über die Situation im noch real-existierenden Arbeiter-und-Bauern-Staat sagt er:

„Kaum ist Honecker gestürzt, da lösen die Universitäten den Marxismus auf, da wirbt die DEWAG für David Bowie (immerhin), da druckt die FF dabei Horoskope und die Schriftsteller gründen Beratungsstellen für ihre Leser oder gleich eine SPD. Wo haben sie ihre Geschichtsbücher gelassen? Die Kommunisten verschenken ihre Verlage, die ungarische Regierung richtet in ihrem Land einen Radiosender der CIA ein, und der Schriftstellerverband der DDR protestiert gegen die Subventionen, die er vom Staat erhält. Sie sind allesamt verrückt geworden.“ Und „Sie wissen noch nichts von dem Maß an Unterwerfung, die der Westen jedem Einzelnen seiner Bewohner abverlangt.“ (in: Königin im Dreck, S. 225 f.)

Als Kontrast dazu eine Szene aus seinem „kundschafterroman“, in dem sich Kapitalismus und Sozialismus als nicht vereinbar beweisen. Er schreibt über „die bayerischen schüler, die im rudel die funktionsweise der ddrbezahlautomaten in den straßenbahnen verstehen: daß da garnicht kontrolliert werden kann, ob da wirklich geld eingeworfen wurde; und die nur noch lachen, lachen über diesen mangel, über ein land voller vertrauensseliger, lachen über ein land voll mit idioten.“ („Die Tage in L.“, Seite 102 f.)

Gegen dieses blöde Lachen schreibt er an und organisiert er sich in SDAJ und DKP. Organisation macht stark, nicht immer glücklich. In der „legende“ schreibt er über die Partei: „wir bezahlen auch schon mal beiträge mit, damit die kasse stimmt. denn manche genossen kommen ja fast gar nicht mehr.“ (Seite 649)

Doch nicht die Partei bestimmt die Geschicke in der Legende, sondern die vier Götter. fifi, kafau, stino und tete sind Ulrike Meinhoff, Therese Giehse, Max Reimann und Klaus Mann. Als sich in diesem Land kaum jemand erhob, da erheben sich die vier über die Verrücktgewordenen. Im RIAS-Gespräch mit Erika Runge sagt Schernikau im September 1991: „Ich denke, es ist auch kein Zufall, dass mir so ne Konstruktion eingefallen ist. Also die Götter als die Verkörperung – im wahrsten Sinne des Wortes – von Utopie, von etwas Gutem. Die in eine schlechte Welt kommen und damit erstmal zurecht kommen müssen.“ E. R.: „Identisch mit den Schwulen, oder?“. R. M. S.: „Identisch mit den Schwulen. Identisch mit den Kommunisten. Also es ist eine Metapher für eine Situation, in der viele Leute sein können.“

Sehnsüchte entstehen beim Ertragen der Realität und Utopie ist mehr als Negation des Bestehenden. So wie Ronald M. Schernikau schwul war, so war er auch Kommunist.

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"Optimismus trotz radikaler Kritik", UZ vom 19. November 2021



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