Der Kampf der italienischen Kommunisten um die Hegemonie (Teil 2)

Revolutionäre Strategie

Im ersten Teil beschäftigten wir uns mit den Kämpfen, die zur Bildung der Kommunistischen Partei Italiens (IKP) führten. Antonio Gramsci und seine Genossen rangen innerhalb der Partei um den Leninismus und die Durchsetzung einer Strategie, die auf die Gewinnung der Massen gerichtet ist. Ab 1922 stand der Kampf gegen die faschistische Diktatur Mussolinis im Mittelpunkt.

Gramsci leitete aus seiner Analyse der faschistischen Herrschaft strategische Überlegungen ab. Er verband den Kampf für den Sozialismus mit der Verteidigung beziehungsweise der Eroberung der Demokratie. Die Arbeiterklasse müsse ihre „politische Hegemonie“ auf der Grundlage der Freiwilligkeit und Überzeugung erringen. Dazu brauche sie Masseneinfluss, der ohne die Überwindung des Sektierertums nicht zu erreichen sei. Auch müsse sie die Eigenständigkeit der Bündnispartner respektieren.

Den Kern der Bündnispolitik bildete seine These vom „Historischen Block“, die er später aus dem Kerker heraus vervollständigte. „In keinem Land ist das Proletariat in der Lage, allein die Macht zu erobern und aus eigener Kraft zu behaupten. Es muss sich also Verbündete schaffen, das heißt, es muss eine solche Politik betreiben, die es ihm erlaubt, sich an die Spitze der anderen Klassen, die antikapitalistische Interessen haben, zu stellen und sie in den Kampf zum Sturz der bürgerlichen Gesellschaft führen.“ Ausgehend vom Bündnis der Arbeiter und Bauern entwarf Gramsci ein System von Bündnissen der Arbeiterklasse mit den Mittelschichten und der Intelligenz, in dem er dem Zusammengehen mit den katholischen Volksmassen einen hohen Stellenwert beimaß. Er ging von Lenins Hinweisen für die italienischen Kommunisten auf dem III. KI-Kongress aus, dass die Partei im revolutionären Kampf „die Massen“, die „Mehrheit der Arbeiterklasse“ gewinnt.

Gramsci hielt fest, dass die bürgerlichen Bündnispartner des „Historischen Blocks“ eigene politische Ziele verfolgen, was seitens der KP Zugeständnisse erfordere. In seinen Gefängnisheften präzisierte er später, es müsse sich um einen „ausgeglichenen Kompromiss“ handeln, bei dem die Zugeständnisse der KP „nicht das Wesentliche“, nämlich „die ökonomischen Aktivitäten der führenden Kraft“ betreffen dürften. Er verstand darunter die Beseitigung der kapitalistischen Gesellschaft und die Errichtung einer sozialistischen Ordnung. Das zu verstehen war und ist für das Proletariat besonders schwierig, weil es sich um Schichten handelt, die zwar die politische Macht verloren hatten, aber weiterhin eindeutig über bessere Lebensbedingungen und sogar skandalöse Privilegien verfügten.

Zur Grundlage dieses antifaschistischen Bündnisses wurde das 1934 mit der ISP geschlossene Aktionseinheitsabkommen, wofür Gramsci mit der Ablehnung der 1928 vom VI. KI-Kongress aufgestellten Sozialfaschismus-These die Voraussetzungen geschaffen hatte. Die IKP hatte der These zunächst, wenn auch sehr zögernd, zugestimmt, sie aber in der Praxis nicht angewandt.

Palmiro Togliatti, der seit Gramscis Verhaftung im November 1926 amtierender Generalsekretär und nach dessen Tod 1937 sein Nachfolger wurde, setzte diese Strategie um. Auf dieser Basis wuchs der antifaschistische Widerstand. Während des gemeinsamen Kampfes zur Verteidigung der Spanischen Republik erneuerten Kommunisten und Sozialisten ihr Aktionseinheitsabkommen. Das beeinflusste die Haltung des bürgerlich-oppositionellen Lagers, mit der 1942 beginnenden Krise des Faschismus auch herrschende Kreise des Lande. Im Herbst des Jahres bildeten antifaschistische Gruppen mit der IKP und ISP ein Komitee der nationalen Einheit.
Nach dem Sturz Mussolinis schlossen sich die bürgerlichen Parteien dem von der IKP initiierten Nationalen Befreiungskomitee (CLN) an, das IKP und ISP dominierten. Mit der im April 1944 mit den CLN-Parteien gebildeten Nationalen Einheitsregierung (Wende von Salerno) wurde Gramscis „Historischer Block“ in einer größeren Dimension verwirklicht, als sein Theoretiker ihn konzipiert hatte. Dabei folgte Togliatti Stalin, der nach dem Überfall auf die UdSSR die Parteien der Komintern im Interesse einer Antihitlerkoalition angewiesen hatte, „die Frage der sozialistischen Revolution nicht aufzuwerfen“. Das italienische Volk konnte sich eigenständig vom Faschismus befreien.

Teil 1: Ein Leninist klassischen Typs (UZ vom 22. Januar 2021)


Nicht zu vereinnahmen

Der Kampf um Gramscis theoretisches Erbe

Die sozialdemokratische Arbeiterbewegung und bürgerliche Diskussionszirkel versuchen immer wieder, Gramsci auf ihre Seite zu ziehen. Gerne wird verbreitet, Gramsci habe sich, ähnlich wie Rosa Luxemburg, von Lenin distanziert. Dies gelingt allerdings nur, wenn sein Werk selektiert und die „Sklavensprache“ der „Hefte aus dem Kerker“ ignoriert wird. Gramsci war „ein Theoretiker der III. Internationale, ein Leninist klassischen Typs, der Vertreter des Konzepts der Weltanschauungspartei“, mit dem er uns gerade heute noch „viel zu sagen hat“, schrieb Hans Heinz Holz 1991 anlässlich seines 100. Geburtstages. Das gilt auch heute noch.

Antonio Gramsci

Schon in der Gründungsphase der IKP wird versucht, Gramsci gegen Lenin aufzubauen. Er veröffentlichte 1920 in der „Ordine Nuovo“ das „Programm für die Erneuerung der Sozialistischen Partei“ und versuchte damit, die ISP in eine „Partei des revolutionären Proletariats“, die für „die Zukunft einer kommunistischen Gesellschaft“ eintritt, umzugestalten. Es war eine Kompromissformel, mit der er auf den von den Zentristen abgelehnten Namen „Kommunistische Partei“ verzichtete. Der Kern der Forderungen blieb jedoch der Bruch mit dem Opportunismus. Lenin billigte das Vorgehen Gramscis. In seiner Rede „über den Kampf innerhalb der Italienischen Sozialistischen Partei“ ging er von einer Lage in Italien aus, in welcher der Sturz des bürgerlichen Kabinetts und die Bildung einer linken Regierung eine reale Möglichkeit bildete. Für diesen „Sieg der Revolution in Italien“ sei unbedingt notwendig, dass „die Vorhut des revolutionären Proletariats in Italien eine wahrhaft kommunistische Partei wird“.

Gramsci wird oft nachgesagt, er habe die Trennung von den Reformisten als einen großen Fehler gesehen. Er sah im Misslingen der Umwandlung der ISP in eine revolutionäre Partei des Proletariats „den größten Triumph der Reaktion“. Gramsci hielt die Gründung der IKP dennoch für notwendig, denn sie hätte „mit ihrem Entstehen endgültig das historische Problem der Bildung der Partei des italienischen Proletariats gelöst“. In dieser Auffassung bestärkten ihn die Erfahrungen der Räterevolution in Ungarn, wo er im Zusammenschluss der Kommunisten und Sozialdemokraten einen Faktor sah, der zur Niederlage beitrug.
Lassen wir Gramsci auch selbst zu Wort kommen. In einer Einführung zu einer internen Parteischulung schreibt er 1925:

„Die drei Fronten des proletarischen Kampfes werden für die Partei der Arbeiterklasse zu einer einzigen, gerade weil sie alle Erfordernisse des allgemeinen Kampfes zusammenfasst und verkörpert. Man kann gewiss nicht von jedem Arbeiter aus der Masse verlangen, dass er eine vollständige Vorstellung von der Funktion hat, die seine Klasse im Entwicklungsprozess der Menschheit zu erfüllen hat; aber von den Mitgliedern der Partei muss man das verlangen. Vor der Machtergreifung im Staat kann man sich nicht vornehmen, das Bewusstsein der gesamten Arbeiterklasse vollständig zu verändern; das wäre eine Utopie, denn das Klassenbewusstsein als solches verändert sich nur, wenn die Lebensweise der Klasse selbst verändert wurde, das heißt, wenn das Proletariat zur herrschenden Klasse geworden ist und den Produktions- und ökonomischen Austauschapparat sowie die Staatsmacht zur Verfügung hat. Aber die Partei kann und muss dieses höhere Bewusstsein in ihrer Gesamtheit verkörpern; sonst wird sie sich nicht an der Spitze, sondern im Nachtrab der Massen befinden, dann wird sie sie nicht anführen, sondern von ihnen mitgezogen werden. Deshalb muss sich die Partei den Marxismus zu eigen machen, und zwar in seiner jetzigen Form, dem Leninismus.“

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"Revolutionäre Strategie", UZ vom 29. Januar 2021



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