Ein Adolf Hennecke baute den Sozialismus auf – der andere Adolf Hennecke machte in den Westen

Söhne ihrer Klassen

Von Eva Petermann

Das Sommermagazin der Rostocker „Ostseezeitung“ vom 21. Juni lockt Urlauber ins Landesinnere zu einer „Nacht der nordischen (sic!) Guts- und Herrenhäuser“, zu 80 altehrwürdigen „Gemäuern mit Geschichte“. Als Paradebeispiel präsentiert der Redakteur das Gut Kurzen Trechow bei Bützow. Seit 14 Jahren hat es neue Besitzer, direkte Nachfahren der verblichenen Gutsherrn; zum Beweis deutet der Enkel auf den 268 Jahre alten Siegelring an seiner linken Hand.

Zwar seien die 2 500 Quadratmeter Wohnfläche noch nicht komplett saniert. Doch für die glückliche Familie aus Hamburg mit ihren vier Kindern, sechs Katzen, drei Hunden und fünf Pferden reicht der vorhandene Platz. Unsummen habe man in den Renaissance-Bau stecken müssen. Zum Glück gab es fast eine Million Euro an EU-Fördergeldern. Welchen Kaufpreis er der Gemeinde Bützow bezahlt hat, verrät der lachende Erbe nicht.

Offen bleibt auch, was genau mit dieser Burg Trechow vor 1991 passierte, außer dass sie „nicht nur die Mangelwirtschaft der DDR, sondern auch die beiden Weltkriege und gar den Dreißigjährigen Krieg überlebt“ habe. Und den Faschismus? Fehlanzeige.

Was wurde denn aus den früheren Besitzern – vor und nach der Befreiung und nach dem Anschluss der DDR? Immerhin findet sich ein Name: Von Plessen.

Nun ist in meinem Beitrag weder Raum noch Notwendigkeit, ausführlicher auf das Thema Geschichtsrevisionismus einzugehen. Hier geht es am konkreten Beispiel um eine nicht unwesentliche Facette dieser Neuschreibung der Geschichte: Um die Delegitimierung der DDR in Kombination mit der Rehabilitierung des alten Feudaladels, der „guten alten Zeit“ mit ihrer „alten Ordnung“. Da werden Schloss-Käufer zu Rettern und Neu-Eigentümer von Gutshöfen zu Wohltätern stilisiert, die Schönheit und Wohlstand in zunehmend verdorrende Landschaften bringen, mitunter begleitet vom Ruf nach Entschädigung für erlittenes „DDR-Unrecht“ und den Verlust der Heimat.

Doch wirkt in Zeiten von verbreitetem Wohnungsmangel und Zwangsräumungen der Einzug betuchter Käufer in Gemächer, die früher mehr als einem Dutzend Familien Platz geboten haben, etwa nicht provozierend? Oft waren in diesen Räumlichkeiten zentrale öffentliche Einrichtungen wie Kitas, Bibliotheken oder eine ganze LPG-Verwaltung untergebracht.

Dass wertvolle Kulturgüter erhalten und restauriert werden sollten, ist nicht das Problem. Dafür darf es je nach Lage der Dinge auch öffentliche Förderung aus Steuergeldern geben. Der Skandal ist, dass Millionen Steuergelder, incl. des jahrelangen „Solidaritätszuschlags“, in Domizile fließen, die danach einer öffentlichen Nutzung entzogen werden – durch Reprivatisierung. Diesen Prozess können wir seit 1990 insbesondere im Osten Deutschlands beobachten. Nie­drigzins-Politik und Immobilienboom haben der Entwicklung zusätzlichen Auftrieb gegeben.

Meine Recherchen zur Burg Trechow führten unverhofft auf eine Ost-West-Geschichte der anderen Art. Wie sich herausstellt, trug der einstige Gutsherr unter anderen die Vornamen Hennecke (eine Koseform von Johannes) und Adolf. Moment mal: Adolf Hennecke? War das nicht …? Richtig: So hieß der berühmte Held der Arbeit in der DDR. Es gab also zwei Adolf Henneckes, Zeitgenossen, deren Ost-West-geprägte Biografie allerdings nicht gegensätzlicher hätte sein können. Und doch ist sie gewissermaßen historisch spiegelverkehrt.

Lehrjahre

Der eine, Adolf Hennecke, geht von Westdeutschland, von einem kleinen Ort in Westfalen, in den Osten nach Oelsnitz. Der andere, Hennecke Adolf von Plessen, geht von Ostdeutschland, einem kleinen Ort in Mecklenburg, nach Westen, ins Westfälische.

Adolf Hennecke (3. v. r.) in einer Diskussionsgruppe in der Pionier-Republik „Ernst Thälmann“ Wuhlheide am 30. September 1951

Adolf Hennecke (3. v. r.) in einer Diskussionsgruppe in der Pionier-Republik „Ernst Thälmann“ Wuhlheide am 30. September 1951

( Bundesarchiv, Bild 183–12034-0016/CC-BY-SA 3.0)

In seinem Heimatort im Kreis Olpe gab es für den jungen Bergmannssohn in den krisengeschüttelten Zeiten der 1920er Jahre der Weimarer Republik keine Arbeit. Mit 14 fängt er eine Kaufmannslehre an. Doch schließlich bekommt er nur eine Stelle als Bergmann, im Beruf seines verstorbenen Vaters. Bildungshungrig, wie er war, hätte er gern studiert. Mit 45 Jahren dann erfüllt sich sein Traum: Der Kumpel Adolf Hennecke wird zum Studium an die Bergakademie Freiberg delegiert.

Abitur und Studium waren seinem Fast-Namensvetter auf Burg Trechow in die Wiege gelegt; Hauslehrer kümmerten sich um seine – mehrsprachige – Bildung. Eines Tages tritt auch er in die Fußstapfen seines Vaters und wird Gutsbesitzer. Seinem alten Herrn ist angesichts aufmüpfiger Landarbeiter die Lust an seinen zwei großen Gütern – Langen Trechow und Kurzen Trechow – vergangen.

Während von Plessen junior sich nunmehr mit störrischem Personal herumärgern muss, kämpft der Bergmann Hennecke in Sachsen gegen hundsmiserable Arbeitsbedingungen unter Tage bei schlechter Bezahlung. Anfang der 1930er Jahre schließt er sich der Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO) an.

Klassenkampf? Damit hat von Plessen nichts am Hut. Ihm schwebt eine neofeudale Volksgemeinschaft vor. Er entscheidet sich, der NSDAP beizutreten – als einer von ganz wenigen adligen Gutsherrn, welche ansonsten aus rechtskonservativem Standesdünkel von dem braunen Gefreiten Hitler zunächst skeptischen Abstand halten, was Komplizenschaft bekanntlich nicht ausschloss.

Seinem Gut widmet sich der neue Gutsherr nur kurze Zeit – wichtige politische Aufgaben und die Wehrmacht beanspruchen ihn. Am Ende flieht Hennecke von Plessen in den Westen, noch bevor der Krieg für die Nazis endgültig verloren ist. Vom Westfälischen zieht er schließlich nach Essen. Aus war’s – vorläufig! – mit Glanz und Gloria dieses Junkers.

Bald darauf steigt der engagierte Bergarbeiter vom Steinkohlebergwerk im Erzgebirge zum sozialistischen Vorzeige-Helden auf und genießt in der „Ostzone“ und DDR bis zu seinem Lebensende höchste Ämter und öffentliche Ehrungen. Adolf Hennecke war gleich nach Kriegsende zunächst in die SPD und nach der Vereinigung mit der KPD in die SED eingetreten. Seit seiner legendären Sonderschicht 1948 – vor 70 Jahren – wurde er zum Namensgeber der nach ihm benannten Aktivistenbewegung.

Ab in den Westen

Kaum bekannt ist, was den Ausschlag gab dafür, warum der 50-jährige von Plessen gegen Kriegsende Familie Haus und Hof verließ. War es nur die Angst vor „den Russen“ oder vor einer Bodenreform? Oder musste er Bestrafung fürchten?

Als Junker war er in den Führungsebenen der Nazi-Partei eher die Ausnahme. Erst recht, da ihm gleich zwei bedeutende Posten übertragen wurden: als Leiter eines „Amtes für ständischen Aufbau“ (was immer er dort machte) und als Wirtschaftsberater des Gaues Mecklenburg. Ihm oblagen unter anderem die ideologische „Kontrolle anderer Dienststellen der Partei, ihrer Gliederungen oder angeschlossenen Verbände“, wie Michael Buddrus in seiner bemerkenswerten Biografie darlegt.

Zu seinem Auftrag gehörte für ihn als obersten Gauwirtschaftsberater (von 1938  –1942) überdies „die Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben“ und somit diverse „Arisierungs“-Maßnahmen. Zwar ist für seinen persönlichen Schuldanteil wegen der Vernichtung von Aktenunterlagen vor Ankunft der alliierten Truppen ein endgültiger Beweis kaum zu erbringen. Doch spricht alles dafür, dass er in den Zwangsverkauf des Schweriner Kaufhauses Kychenthal involviert war. In der Reichspogromnacht 1938 war auch dieses Kaufhaus von den Nazis verwüstet und der Inhaber und seine beiden Söhne verhaftet worden. Im Gefängnis in Neustrelitz wurde Louis Kychenthal gezwungen, sein Geschäft zu einem Schleuderpreis zu veräußern. Der fast Achtzigjährige starb 1943 im KZ Theresienstadt.

Von Plessen jun. war zu dem Zeitpunkt an der Ostfront. Der erstaunlich schnell Beförderte hatte als erstes als „Nachrichten- und Abwehr-Offizier“ im besetzten Frankreich gewirkt. Neben der politischen und kulturellen Bildung der Truppen befasste er sich mit „gaullistischer und kommunistischer Wühlarbeit“ und mit Geiselerschießungen von Zivilisten.

Auf seinen Erfahrungen als „Abwehroffizier“ konnte er nach Verlegung seiner Division an die Ostfront 1941/42 aufbauen. Er selbst rühmte sich der Überführung von Feindspionage und Sabotageakten, das heißt der Verhaftung und Ermordung von Verdächtigen. Er habe „viel zu tun gehabt“, so in seinen „Erinnerungen eines Junkers“, zitiert von Buddrus. Bevor die Reste seiner Division in sowjetische Kriegsgefangenschaft gerieten, setzte er sich ab, vermutlich mit Hilfe seiner vielfältigen Beziehungen zu Nazi-Größen, zum Beispiel zu dem Hitler-Vertrauten Martin Bormann. Als nächstes durfte er sich wunschgemäß im „Wirtschaftsstab Ost“ u. a. mit der Verschleppung von Arbeitskräften ins Reich und der weitestmöglichen Ausplünderung der eroberten östlichen Gebiete beschäftigen. Wiederum gerade rechtzeitig entließ er sich 1944 selbst von dort, um den sowjetischen Truppen auszuweichen.

„Minder belastet“

Angesichts all dieser Verstrickungen in Kriegsverbrechen verblüfft es umso mehr, was er später vor dem Entnazifizierungsausschuss im westfälischen Höxter – weit entfernt von seinen früheren Wirkungsstätten – zum Besten gab: Verbindungen zu den Attentätern des 20. Juli habe er gehabt. Zumindest mit einem von ihnen – Adliger wie er selbst – war er tatsächlich bekannt. Mehr noch: Er habe aktiv am Widerstand teilgenommen. Nur: Belege dafür ließen sich damals wie heute beim besten Willen nicht auftreiben.

Unbeschadet dessen wurde er im Juni 1947 als „minder belastet“ entlassen. Merkwürdig wie seine sehr späte Festnahme durch die Briten 1946 ist auch, dass der wendige Herr von Plessen trotz seiner Funktion als Gau-Amtsleiter, ganz abgesehen von seinen „Aufgaben“ im Krieg, nicht einmal auf der zentralen Fahnungsliste der Westalliierten stand.

In Nordrhein-Westfalen versuchte er sich in verschiedenen Berufen und fasste schließlich Fuß in der Hauptverwaltung der „Rheinischen Stahlwerke“. Der ehemalige Rüstungsbetrieb, der heute zu Thyssen-Krupp gehört, konnte während der Nazidiktatur Rekordprofite einstreichen. Zügig stieg der gut vernetzte Heimatvertriebene in die Führungsetage auf und krönte 1954, nach nur einem Jahr Betriebszugehörigkeit, seine Nachkriegskarriere mit einer Nominierung für den Aufsichtsrat – als Arbeitnehmervertreter!

Im selben Jahr wurde der Arbeiter Adolf Hennecke in Berlin (Ost) in die DDR-Volkskammer gewählt. Mehrere Jahre vorher war er als anerkannter Antifaschist in den Verwaltungsrat der VVB (Vereinigung volkseigener Betriebe) Kohle entsandt worden. Hennecke stirbt 1975 in Berlin (DDR), nur 69 Jahre alt; die Arbeit unter Tage fordert ihren Tribut. Sein adliger Gegenpart wird 73 Jahre alt. Er stirbt 1968 in Essen (BRD), vor 50 Jahren.

Die Burg Trechow war der Wohnsitz Hennecke von Plessens bis 1945. Die Aufnahme entstand etwa im Jahr 1900.

Die Burg Trechow war der Wohnsitz Hennecke von Plessens bis 1945. Die Aufnahme entstand etwa im Jahr 1900.

( gemeinfrei)

Und was war aus seinem hochherrschaftlichen Besitz geworden? Fest steht, dass auf dem Gut Zwangsarbeiter beschäftigt und geschunden wurden. Von Plessens Gutsverwalter wurde deswegen vor Gericht gestellt. Ob die Erben wohl jemals an eine Wiedergutmachung für diese zur Sklavenarbeit Verschleppten gedacht haben?

Die ausgedehnten Räumlichkeiten des Gutes dienen nach 1945 zunächst als Lazarett der Roten Armee, später als Gefängnis für Soldaten des Nazi-Kollaborateurs General Wlassow. Danach ziehen Flüchtlingsfamilien ein, pro Familie ein Zimmer. Ab 1959 beherbergt der Herrensitz wie viele andere solcher Gutshäuser nacheinander oder gleichzeitig eine LPG-Leitzentrale, den Sitz des Bürgermeisters, eine Konsum-Verkaufsstelle, ein Kino, eine Kita, einen Kulturraum, Wohnungen u. a.

2004 ist es soweit: Triumphale Rückkehr der Erben. Enkel Christian darf endlich das Objekt erwerben. Für viele der knapp 8 000 Einwohnern der Kleinstadt Bützow mag das ein Glück sein; man hofft auf Arbeitsplätze und auf Touristen, endlich eine Zukunftsperspektive, „hell aus dem dunklen Vergangenen“. Nur ist die Vergangenheit ja nicht tot, bemerkte einst der US-Schriftsteller William Faulkner, sie ist noch nicht einmal vergangen.

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"Söhne ihrer Klassen", UZ vom 31. August 2018



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