Eine Reportage von Karin Leukefeld

Damaskus im September 2020

Es ist warm in Damaskus. Die Stromversorgung ist unregelmäßig. Es gibt kein Benzin, die Straßen um die staatlichen Tankstellen sind zu Parkplätzen geworden. Wenn die Tankstellen doch Benzin haben, verkaufen sie nicht mehr als 30 Liter pro Fahrzeug. Monatlich gibt es pro Fahrzeug nicht mehr als 100 Liter des billigen, staatlich subventionierten Benzins, das pro Liter rund 250 Lira kostet. Weitere 100 Liter so genanntes „freies Benzin“ können zum Preis von 500 Lira pro Liter gekauft werden. Wer mehr braucht, muss sich Benzin auf dem Schwarzmarkt besorgen. Dort wird es in 20-Liter-Mengen verkauft und kostet bis zum 20-fachen des normalen Preises.

Seit Anfang des Jahres hat die syrische Lira eine Talfahrt hingelegt. Kostete der US-Dollar im Januar noch rund 600 Lira, muss man für einen US-Dollar nun 2.200 Lira bezahlen. Die monatlichen Festgehälter für Arbeiter, Angestellte und Beamte reichen meist nicht länger als für die Hälfte des Monats. Das Leben ist teuer geworden, viele Menschen gehen am Abend hungrig zu Bett.
Der Energiemangel – es fehlt an Benzin, Heizöl und Strom – treibt die Preise in die Höhe. Fleisch, Huhn und Milchprodukte können sich nur noch die wenigsten Syrer leisten, selbst das Gemüse, das in Syrien angebaut wird, ist teuer geworden. Die Teuerung trifft vor allem die städtische Bevölkerung. „Die Transportkosten treiben die Kosten in die Höhe“, heißt es im Ministerium für Binnenhandel und Verbraucherschutz. „Die Händler wollen auf ihre Profite nicht verzichten“, sagen die Menschen in den Straßen.

Volksmärkte gegen den Hunger

Um die Belastung für die Bevölkerung zu reduzieren, hat das Ministerium in und um Damaskus so genannte „Volksmärkte“ eingerichtet. In verschiedenen Vierteln und Vororten können kleine Gemüsehändler ihre Waren anbieten, ohne Gebühren für ihre Stände zu bezahlen. Sie kaufen auf dem Großmarkt ein, der täglich von den Kleinbauern aus dem Umland von Damaskus, Deraa, Sweida oder Zabadani mit frischem Obst und Gemüse beliefert wird. Einen geringen Aufschlag von bis zu 100 Lira pro Kilogramm dürfen die Händler nehmen, um die Waren auf den „Volksmärkten“ zu verkaufen.

Die Märkte werden gut angenommen, wie die Autorin sich selber auf dem „Volksmarkt“ in Rukn’ Deen überzeugen kann. Äpfel aus Zabadani, Weintrauben aus Sweida, Kartoffeln aus Deraa sind bedeutend billiger als in anderen Geschäften. Nur der Knoblauch ist außergewöhnlich teuer, räumt ein Händler ein. „Es gibt ihn nur in Kisweh, das Monopol treibt den Preis in die Höhe.“

Hinter den „Volksmärkten“ steht die Idee, die Zwischenhändler auszuschalten, erläutert Jamal Al Din Shouaib, Vizeminister für Binnenhandel und Verbraucherschutz, im Gespräch. Für die wirtschaftlichen Probleme sieht Al Din Shouaib eine ganze Reihe von Gründen: „Der Wertverlust des syrischen Pfundes, Arbeitslosigkeit, Wirtschaftssanktionen der Europäischen Union und der USA, die Wirtschaftskrise im Libanon, die Kriegsfolgen, hohe Transportkosten, weil Syrien daran gehindert wird, auf das eigene Öl und Gas im Nordosten Syriens zuzugreifen“, zählt er auf.

Hinzu kämen die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie seit März des Jahres, fügt Minister Shouaib hinzu. Die Grenzen zum Libanon und nach Jordanien sind geschlossen. Beide Länder gehören zu den wichtigsten Abnehmern landwirtschaftlicher Produkte Syrien. Der Hafen von Beirut sei für Syrien wie das Tor zur Welt, sagt der Minister. „Von hier konnten auch während des Krieges Rohstoffe und Ersatzteile sowie wichtige Waren eingeführt werden, die Syrien nicht selber produziert.“ Die Explosionen im Hafen von Beirut trafen Syrien mindestens ebenso schwer wie den Libanon selber.

„Wir werden erstickt“

„Wir werden erstickt“, sagt Delal H., als sie mit der Autorin, Freunden und Verwandten in Damaskus zusammensitzt. „Wir haben US-amerikanische Militärbasen im Land, Israel bombardiert uns jede Woche“, zählt sie auf und streicht während der Aufzählung nervös ihren Rock glatt. „Sanktionen der Europäischen Union verhindern unseren Wiederaufbau, das Caesar-Gesetz bedroht jeden, der uns dennoch beim Wiederaufbau helfen will. Man stiehlt uns das Öl, zerstört unsere Raffinerie in Banias, die Explosion im Hafen von Beirut und jetzt mit Corona – wir werden erstickt.“

Die 60-Jährige ist Frauenärztin und strahlt normalerweise schon von Berufs wegen Optimismus aus. Doch dieses Mal wirkt sie im wahrsten Sinne des Wortes „außer sich“ und kann sich über die Lage in Syrien, im Libanon und in der Region gar nicht beruhigen. Ihre Anspannung erhöht sich, als zwei Nichten eintreffen, die gerade von ihrer Reise nach Hasakeh zurückgekehrt sind. Sie sind syrisch-orthodoxe Christinnen und stammen ursprünglich aus Qamishli an der Grenze zur Türkei. Die Familie der beiden Nichten lebt in Hasakeh, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Sie haben ihre schwer kranke Mutter besucht und nun erzählen die beiden Frauen aufgeregt davon, wie es ihnen ergangen ist. Immer wieder fallen sie sich gegenseitig ins Wort. Die kurdischen Streitkräfte hätten das Land übernommen, als seien sie Fremde, hätten sie sich an jedem Kontrollpunkt ausweisen müssen. Die Ortsnamen seien nicht mehr arabisch, sondern kurdisch, die Milizen hätten syrische staatliche Stellen für die Wasserversorgung und die Telekommunikation besetzt und die Angestellten ausgeschlossen. Selbst Schulen seien von den kurdischen Kämpfern besetzt worden, der Unterricht finde in kurdischer Sprache statt.

„Was soll aus unserem Land nur werden“, sagt Delal, steht auf und läuft nervös hin und her. „Wird Russland uns helfen oder China? Sie stehen selber unter Druck von den USA und Europa.“ Europa verdiene es, vergessen zu werden für das, was es Syrien und der Region angetan habe, meint sie zornig und enttäuscht. Doch vergessen geht nicht, ihre Nichten und Neffen leben in Schweden und Deutschland. „Werden sie zurückkehren?“ Delal schüttelt unmerklich den Kopf. „Vielleicht haben sie ihre Heimat schon vergessen?“

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"Damaskus im September 2020", UZ vom 30. Oktober 2020



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