Wie in einer Metallbude der Faktor Angst überwunden wurde

Tarifabschluss erkämpft

Auf dem 23. Parteitag der DKP berichtete Jürgen Bäumer, Mitglied des Parteivorstandes, über seine Erfahrungen mit einem erfolgreichen Klassenkampf von unten.

Ich komme aus Ruhr-Westfalen und berichte aus dem Metallbetrieb, in dem ich bis vor Kurzem gearbeitet habe, und das 15 Jahre lang.

Diese Firma war vor 15 Jahren mit etwa 300 Beschäftigen nicht im Tarif, hatte keinen Betriebsrat, es gab sieben oder acht IG-Metall-Mitglieder. Das waren die Ausgangsvoraussetzungen. Am Schluss hatten wir ungefähr 180 IG-Metaller. Wir haben nun einen Betriebsrat, wir haben seither einen gut funktionierenden Vertrauenskörper und eine Vertrauenskörperleitung. Und wir haben einen Erzwingungsstreik hingelegt, um die Geschäftsführung und die Besitzer zu zwingen, mit uns einen Tarifvertrag abzuschließen.

Es wurde nun eine Übergangsregelung vereinbart. Wir hatten über 20 Prozent Rückstand zum Tarif. Wir hatten kein Weihnachtsgeld, die 40-Stunden-Woche und verschiedene andere Dinge nicht.
Das Ergebnis war jetzt, im Dezember letzten Jahres: 6 Prozent mehr Lohn, im Februar 2020 eine Stunde weniger arbeiten, bei vollem Lohnausgleich, und die vertragliche Zusicherung, dass alle Tarifverträge pauschal übernommen werden. Dazu werden jedes Jahr nochmals Verhandlungen geführt, damit wir uns Schritt für Schritt dem Tarif annähern.

Das hört sich erst mal gut an. Aber dazwischen war ja auch ein langer Prozess. Wenn man die Ausgangsbedingungen beschaut und was am Ende dabei rausgekommen ist, ist ja was passiert in dieser Firma.

Vor allen Dingen ist etwas passiert mit den Menschen, die dort arbeiten. Und das ist für mich auch ein Punkt, über den wir zu wenig nachdenken.

Wir sagen zwar immer, wir müssen Klassenbewusstsein in die Arbeiterklasse hineintragen, was wir ja auch immer versuchen, aber letztendlich ist das ein Prozess, der sauschwer ist. Meine Erfahrung ist: Es dauert unheimlich lange, bis solche Dinge überhaupt reifen, bis die Menschen in einer Firma Vertrauen haben, auch zu einem Kommunisten. Am Ende war es so, dass von allen Aktiven im Betrieb nur einer in einer Partei organisiert war, und das war ich.

Aber dazwischen war eine Entwicklung, die wir natürlich Zug um Zug aufgebaut haben und uns immer verständigt haben, welche Akzente gesetzt werden, in welcher Schrittfolge wir vorwärts gehen. Also welche Aktionsformen wir wählen, welche Gremienarbeit wir entwickeln, welchen Stellenwert Vertrauensleutearbeit und welchen Stellenwert Betriebsrätearbeit haben und inwieweit sich dies natürlich auch wieder verändert. Wir haben in den Gremien und in der Belegschaft diskutiert, was heißt Stellvertreterpolitik und wie können wir das für uns kreativ umsetzten.

Und für mich war das größte Hindernis – und das sollte man sich auch mal bewusst machen, wenn man so etwas diskutiert: Das größte Hindernis war in der Tat der Faktor Angst. Die Angst in der Belegschaft, jetzt etwas zu machen, was man vorher nie gemacht hat.

Ich kann mich noch gut an die erste „spontane“ Demo erinnern. Natürlich waren auch spontan Flugblätter und Transparente da, aber für die Kollegen war es eine spontane Aktion.
Dann sind wir auf dem Werksgelände mit etwa 80 Kollegen nur aus der Produktion durch die Gegend gegeistert. Dabei habe ich mich wohl verirrt und bin aus der Firma gelaufen, und alle Kollegen sind mir hinterhergetrabt. Am Ende sind wir mit Polizeibegleitung durch das Stadtviertel gezogen und haben dann auch den Hintereingang zur Firma gefunden und sind da wieder reingerauscht.

Aber ungefähr eine Stunde waren wir draußen. Und ich kann mich noch gut erinnern, dass die Kollegen sagten: Guck mal, wir gehen auf der Straße, nicht auf dem Bürgersteig. Das war also ein Aspekt. Schritt für Schritt mussten die Kollegen lernen, dass sie eigentlich was darstellten, was sehr wichtig ist, und die Geschäftsleitung hat natürlich am Rad gedreht.

Und wir haben viele Diskussionen führen müssen. Ich habe zum Beispiel einem Kollegen gesagt: Du hast Angst. Als Reaktion kam die Frage, durch welches Nasenloch er mich einatmen sollte, denn natürlich habe er keine Angst. Wir haben dann darüber diskutiert. Du bist ja der Lautsprecher in dieser Abteilung, aber wenn die Vorgesetzten hier auflaufen, veränderst du dich vollkommen, du redest anders und du verhältst dich anders. Dann hat der Kollege überlegt und gesagt: Ja, du hast recht. Ich habe daraufhin gefragt: Wie kommt denn das? Das Fazit war: Ich will meinen Job behalten, ich habe Familie und ich brauche diese Arbeit. Also muss ich mich entsprechend verhalten.

Das war auch für den Kollegen eine große Erfahrung, dass er reflektiert hat, was eigentlich in der Firma abläuft. Und am Schluss hatten wir dann den Streik mit 94 Prozent Zustimmung, der dann über drei Wochen gelaufen ist.

Da haben wir in der Firma mit den Kollegen Diskussionen geführt, die mussten ja jeden Tag kommen, sonst kriegten sie kein Streikgeld. Wir haben darüber gesprochen, warum eigentlich, verflucht noch mal, hat dieses Arschloch da vorne eigentlich ein Recht, hier den Besitzer zu spielen?

Wir haben die Firma jahrelang gesponsert, indem wir zu wenig Lohn gekriegt haben. Wir haben das modellhaft ausgerechnet, für einen Kollegen im Monat, in einem Jahr, und dann hundert Kollegen, und wie viele Jahre machen wir die Scheiße schon. Ergebnis war, dass eigentlich die Firma schon zur Hälfte uns gehört.

Genauso war die Frage: Wieso kann dieser Vollidiot entscheiden, dass wir eventuell die Produktion verlagern oder Teile der Produktion ausgelagert werden? Oder überhaupt entscheiden, was wir hier produzieren? Wir haben festgestellt: Wir haben die Expertise, wir wissen das. Der kommt mit seinem Porsche angerauscht, geht in die Geschäftsleitung und entscheidet, wir machen dies und jenes.
Das Ende vom Lied war, als der Streik lief und er nicht mehr durchkam mit seinem Mist, hat er die Bude an einen Investor verkauft. Das war auch das Ende des Streiks. Denn der Investor wollte natürlich eine laufende Produktion und schönen Profit machen, der hat nicht zig Millionen investiert, damit die Bude stillsteht.

Es wurde eine neue Geschäftsleitung eingesetzt, die natürlich sofort verhandeln wollte. Da suchte man noch ganz kurz den Ausweg, nur mit dem Betriebsrat zu verhandeln. Den Zahn haben wir ihm gezogen. Danach ist ein Abschluss rausgekommen, dem die IG-Metaller in der Urabstimmung mit 96 Prozent zustimmten.

Wenn wir unserem Anspruch gerecht werden wollen, Klassenkampf zu machen, wenn wir dem Anspruch gerecht werden wollen, in der Arbeiterklasse zu wirken, in den Betrieben, in den betrieblichen Kämpfen – in diesem Fall war es ja nur ein Lohnkampf –, müssen wir eines immer im Kopf haben: Wir wollen diesen Kampf durchstehen und gewinnen, damit wir uns auf „Augenhöhe“ bewegen.
Gleichzeitig müsst ihr immer bedenken, die Menschen haben Angst. Und Hartz IV hat das noch massiv verstärt. Sie haben Angst vor der Arbeitslosigkeit, der möglichen Zerstörung ihrer Existenz durch Enteignung nach einem Jahr. Das ist ein wichtiger Punkt, der oft bei uns in der Partei zu kurz kommt.

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"Tarifabschluss erkämpft", UZ vom 20. März 2020



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