Was wir an Kultur verloren haben und wieder erringen müssen (Teil 1)

Überflüssige Bedürfnisse?

Olaf Brühl

Karl Marx in der Oper sitzend, Marx, der besonders die Musik der kämpferischen Komponisten Beethoven und Händel liebte, Marx im Gespräch mit Heine, dem Dichter, Marx, der nach Bayreuth fahren will, um die Uraufführung von Wagners „Ring des Nibelungen“ zu erleben, der Homer und Shakespeare zitierte, der Goethe nicht nur als den größten deutschen Dichter, sondern den größten deutschen Menschen pries. Lenin, der sich von einer Freundin wochenlang Klaviersonaten Beethovens vorspielen lässt und Latein studierte, um Vergil im Original zu lesen, Karl Liebknecht, der seinen Sohn in einem Brief aus dem Luckauer Gefängnis drängt, sich unbedingt mit Noten und Aufführungen die Struktur der „Matthäuspassion“ Bachs zu erschließen … Rosa Luxemburg, die von Liedern Hugo Wolfs und den artifiziellen Dramen August von Platens schwärmt: sind das die Bilder, die uns zu unseren Vorkämpfern einfallen? Che, der auf dem Feldbett Goethe liest? Warum gehörte der Dichter Gorki zum engsten Umkreis Lenins? Dessen Außenminister Georgi W. Tschitscherin schrieb ein revolutionäres Mozart-Buch mit dem Motto: „Vorwärts zu Mozart!“

Wäre kommunistische Kunst und Kultur die der Arbeitertradition, Kampflieder und Protestsongs, sozialkritische Texte, wären es die engagierten Bilder und Plastiken, proletarische Filme? Ist unsere Theateridee nur die einer tagesaktuell eingreifenden Propaganda? Und darüber hinaus nichts? Was bedeutet „Drama“? Wer diskutiert das und wozu? Wieso hätte Brecht eine Platte mit diversen Käsesorten, die ihm französische Genossen mitbrachten, gern im Foyer des Berliner Ensembles ausgestellt, und zwar „damit die Berliner mal eine Idee von Kultur bekommen“? Weil Kunst ein Lebensmittel ist, weil Kultur den Grad des Menschseins bezeichnet?

Selbstverständlich sind drei Fragen die grundlegenden – immer werden sie von den Kommunisten politisch zuerst beantwortet: die Frage des Friedens, die Frage des Besitzes und die Frage der Kultur: „Es war Lenin, der in der schwierigsten Zeit der jungen Sowjetmacht im Jahre 1920 auf dem III. Kongreß des Kommunistischen Jugendverbandes Russlands darlegte, dass die proletarische Kultur nicht vom Himmel falle, sondern die Summe aller kulturellen Leistungen der Vergangenheit sei. Es war Lenin, der sagte, dass sich jeder Kommunist, dass sich die gesamte Arbeiterklasse und ihre Verbündeten alle Schätze der Weltkultur aneignen müssen. Dieses Aneignen ist ein Prozess im doppelten Sinne. Es bedeutet ein Sich-mit-der-Kunst-vertraut-Machen, zugleich aber und in allererster Linie bedeutet es die Inbesitznahme aller echten geistigen Werte durch die Arbeiterklasse …“ (Willi Stoph)

Kunst ist Lebensmittel

Die erfolgreichen sozialistischen Revolutionen eigneten sich das kulturelle Erbe kritisch an, es wurde auf breiter Basis aufgehoben und dem praktischen Leben der Massen zugeführt. Die Geschichte der UdSSR ist undenkbar ohne ihre Wissenschaftsolympiaden, Schachturniere, Poeten-Wettkämpfe, Bibliotheken, Museen, Lieder- und Tanzfeste, Ballette, Theater, Opern- und Konzerthäuser, nirgends auf der Welt liebten und kannten die Massen so ihre Künstler. Man hatte verstanden, was die Oligarchie der bürgerlichen Gesellschaft dem Proletariat vorenthält. Sofort als die Rote Armee Berlin befreit hatte, fanden Konzerte statt, bei denen sowjetische Künstler große Kunst der humanistischen Klassik aufführten. So das Freiluftkonzert des Alexandrow-Ensembles vor dem zerbombten Berliner Schauspielhaus, wo in Gegenwart des Stadtkommandanten Nikolai Bersarin der große Nikitin unter anderem das „Heideröslein“ von Goethe sang.

„Kultur ist kein geruhsamer Genuss, heute weniger als je.
Auf ihre alleräußerste Verteidigung sei jeder bedacht!“
Heinrich Mann, erster Präsident der Akademie der Künste der DDR

Ein Streichquartett-Abend mit Haydn und Schumann als nicht nur antifaschistisches, sondern revolutionäres Bekenntnis würde vermutlich Verwunderung in manch Parteiorganisation hervorrufen. Ist das nicht dekadente bürgerliche Elite-Kultur? Was ist mit den Sonaten von Paul Dessau oder Schostakowitschs Michelangelo-Liedern, mit Dichtungen Homers und Ovids, mit Shakespeares Werk, der Sowjetliteratur und der Malerei Goyas oder Turners? Was hat das mit Klassenbewusstsein zu tun? Alles! Es ist die Basis! Was sollen wir politisch und gesellschaftlich in der gegenwärtigen Lage tun, wenn nicht die kulturelle Bildung, das Geschichtsbewusstsein – als politische Aktion zu fördern? – Verlust unseres kulturellen Gedächtnisses? Preisgabe unseres Erbes?

Die DDR war eine Kulturrevolution

Das sozialistische Schulsystem vermittelte an die gesamte Schülerschaft eine einheitliche Allgemeinbildung, unabhängig von der Herkunft. Dazu gehörte selbstverständlich die Erschließung der Literatur und weiterer Kunstarten. Es gab keine DDR-Jugendlichen, die nie eine Theateraufführung erlebten, nicht Lessing, Victor Hugo oder Goethes „Faust“ diskutiert hatten – und Heinrich Manns „Untertan“. Alle waren in Sinfoniekonzerten, wussten, was eine Fuge, ein Streichquartett ist und kannten die Ursprünge des Jazz in der Musik der Plantagenarbeiter, alle hatten Museen besucht und Konzentrationslager besichtigt, vorbereitet durch entsprechende Geschichtskenntnisse. Es ist keine Legende, dass die DDR ein „Leseland“ war, wie alle sozialistischen Staaten. Die Werktätigen strömten aus dem ganzen Land zu den Kunstausstellungen. Den Arbeitskollektiven war der Zugang zu den Kulturgipfeln leicht, nicht nur durch die „Zirkel schreibender Arbeiter“. Markiert es nicht einen Höhepunkt menschlicher Kulturgeschichte, wenn vom Leuna-Kombinat Busse die Kollektive zu den Händel-Festspielen nach Halle fuhren, wo sie sich die Oratorien und Opern dieses Meisters anhörten, um vielleicht am nächsten Tag in der Betriebskantine darüber zu diskutieren, warum denn nun ein sterbender Feldherr mit Frauenstimme noch eine Koloratur-Arie singt? Manch Betagter erinnert sich dessen heute, möchte das Erlebnis nicht missen und wäre unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen niemals in eine italienische Barockoper gefahren! Umgekehrt prägte der viel verhöhnte „Bitterfelder Weg“ die Beschäftigung der Kulturschaffenden mit dem Arbeitsalltag der Werktätigen und ihren Lebensproblemen. Das bereicherte und verbesserte die Kunst des Landes sehr wohl. Diese Ära gedieh so üppig dank einer breiten Planung, Förderung und Diskussion, inklusive Fehlern und Ärgernissen. Allein die Kunsthöhe, auf der ein Film wie „Wege übers Land“ entstand, ist von der gesamten Medien-Produktion der BRD seit 1990 nicht einmal ahnungsweise berührt.

Kulturabbau ist Sozialabbau – Sozialabbau ist Kulturabbau!

Als die Deutsche Demokratische Republik abgeschafft wurde, wurde mit dem Lenin-Denkmal sofort deren Kultur demontiert. Der Kampf gegen das proletarische Klassenbewusstsein hatte seit der Nazizeit im kapitalistischen Deutschland, der späteren Bundesrepublik, nie aufgehört – und ist seit 1989 zu einer Intensität angeschwollen, die noch dreißig Jahre später in ihrer tagtäglichen Hartnäckigkeit an Infamie und Finesse um kein Gran nachgelassen hat. – Zuerst kamen die Arbeiterfestspiele weg, dann die Lehrstühle für Marxismus-Leninismus, den Begriff Antifaschismus strich man, es wurden die Namen von Antifaschisten und Kommunisten von den Straßen entfernt, die Kulturhäuser geschlossen. Nie wieder sollte eine Dresdner Kunstausstellung stattfinden, die eingedampften Leipziger Jazztage oder Dokumentarfilmwochen bleiben Zeugen dieses geistigen Raubs. Man kann nicht alles aufzählen, was beseitigt wurde, allein die vielen Zirkel in den vielen Kulturhäusern: für Fotografie, Malen und Zeichnen, Literatur, Mathematik, Theater, Singen, Dichten, Sprachen- und Instrumentalunterricht, die Bastelkreise, Sport- und Folkloregruppen.

Die Frage zur Lage der Kul­tur­­(-schaffenden) in der BRD seit 1990 wird folglich davon bestimmt, was vor allem im Osten von all den Schließungen ausgelöst wurde: Existenzzerstörungen, Langzeitarbeitslosigkeit, Metier-Wechsel, Zusammenbrüche, Selbstmorde und so weiter. Wie sich all das gesamtgesellschaftlich und auf das Proletariat auswirkt, können wir nicht zuletzt bei Pegida, AfD und auf wirren „Hygiene-Demos“ studieren. Waren in der Tat Kunst und Kultur in der DDR demokratisch und für alle habbar, Dank der SED-Politik – so sind sie den Massen nun von der Bourgeoisie entrissen – als elitäres Privileg der „Bessergestellten“ gegenüber „bildungsfernen Schichten“. Die Massen brav im zugewiesenen Getto: Popkultur, Unterhaltung, die Szenen der Kampf- und Protestkunst, überschüssige Energien toben sich aus im großen Ablenkungsmanöver Fußball wie in den Niederungen aus Spaß und Spannung. Die Frage „Sozialismus oder Barbarei?“ ist aufs Erste entschieden. Die Ermöglichung einer solchen Niederlage des Realsozialismus, die auch große Teile der DKP mitriss, hat der Faschismusforscher und Chronist des Revisionismus, Kurt Gossweiler, unmissverständlich charakterisiert: „Der Sozialismus ist nach einer historisch beispiellosen, 1945 triumphal bestandenen Bewährungsprobe gescheitert, weil danach der Marxismus-Leninismus als Kompass über Bord geworfen wurde.“

Statt Dialektik des historischen Materialismus bestallte die herrschende Klasse nun kirchliche Missionswerke, Lehrstühle der Theologie und Esoterik. Es startete die größte Büchervernichtungsaktion der europäischen Geschichte. Jahrelang wurden tonnenweise Bibliotheken, Büchereien und Verlagslager leergeräumt von den Druckerzeugnissen aus vier Jahrzehnten sozialistischer Bildungspolitik. Peu à peu schlossen Kinos und Theater ihre Pforten, Chöre und Musikensembles. So wird klar, was Volkseigentum de facto bedeutete: Studium ohne Gebühren, aber mit Stipendium und Vertragssicherheit – freier Zugang zu einem umfassenden Gesundheits- und Erholungssystem, das im Notfall auch Katastrophen gewachsen ist. All das bedeutet: Volkseigentum, und vieles mehr aus dem real-sozialistischen Füllhorn.
Beispielhaft dafür jene lange Szene in dem DEFA-Film „Die Legende von Paul und Paula“ (1973), wo in einer Freiluftaufführung Beethovens Violinkonzert gespielt wird: Metapher für Paulas Gefühle, markiert es zugleich den hohen kulturellen Anspruch des Humanismus, aufgehoben im Selbstverständnis des Realsozialismus. Andererseits wird so die aus bürgerlicher Sicht noch unstatthafte Neigung zwischen der ledigen jungen Arbeiterin und dem Familienvater durch den Glücksanspruch Paulas geadelt; der Sequenz folgt die berühmte Liebesszene mit dem Puhdy-Song „Geh zu ihr und lass‘ deinen Drachen steigen“.

Der 2. Teil des Essays folgt in der kommenden Ausgabe der UZ

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"Überflüssige Bedürfnisse?", UZ vom 19. Juni 2020



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