Neues aus dem Kosmos

Unendliche Weiten …

In der vorigen Woche wurde publik, dass Forscher möglicherweise den ersten Planeten außerhalb unserer Galaxie entdeckt haben. In der unsrigen wurden bislang mehr als 4.860 entdeckt. Eigentlich ein großer Erfolg. Doch andere Nachrichten dürften diese Mitteilung in den Hintergrund gerückt haben: Vor allem die, wer da derzeit so alles in den Weltraum fliegt beziehungsweise den nahen Weltraum kurz mal „streift“.

Denn im Oktober war es endlich soweit: Aber statt in unendliche Weiten flog William Shatner, alias Kapitän Kirk von der „Enterprise“, für zehn Minuten ins All. Zum ersten Mal, mit 90 Jahren und gemeinsam mit dem frühere NASA-Ingenieur Chris Boshuizen, dem Unternehmer Glen de Vries sowie der stellvertretenden Chefin von „Blue Origin“, Audrey Powers. Anlass war ein Werbeflug für die Firma „Blue Origin“ des Amazon-Gründers Jeff Bezos. Er und seine Milliardärskollegen Elon Musk („SpaceX“) sowie Richard Branson („Virgin Galactic“) wetteifern schon länger darum, Spitzenreiter auf einem künftigen neuen lukrativen Geschäftsfeld, dem Raumfahrttourismus, zu werden. Solche Flüge ins All werden sich nur Reiche und Superreiche leisten können.

Auch deshalb nannte UN-Generalsekretär António Guterres den Weltraumtourismus der und für Milliardäre angesichts „epochaler Herausforderungen“ noch relativ freundlich eine „Hybris“, also Hochmut beziehungsweise Selbstüberhebung. Doch Raumfahrtstarts sind durchaus nicht umweltfreundlich, egal ob es sich um Weltraumtourismus handelt oder nicht. Und obgleich der CO2-Ausstoß dabei derzeit noch sehr gering ist: Schädliche Auswirkungen auf die höheren Atmosphärenschichten sind noch zu wenig erforscht. Raumfahrtspezialisten fordern deshalb Regulierungen: im Hinblick auf die Anzahl der Raketenstarts im Jahr, im Hinblick auf die Nachhaltigkeit (zum Beispiel der eingesetzten Treibstoffe) und einiges mehr. Die Starts von Satelliten, die notwendige Klima- und Wetterdaten liefern, von Sonden, die der Erforschung unseres Sonnensystems dienen, oder die von Zubringern für die Raumstationen im Orbit, die internationale Raumstation ISS und die chinesische Raumstation „Tiangong“, die der Erkundung der Erde dienen und auf denen wissenschaftliche wie technologische Experimente durchgeführt werden, sollten dabei Priorität erhalten.

Zu Merkur und Jupiter

Das sind Flüge wie die „Bepi-Colombo“-Mission von ESA und JAXA (Japan Aerospace Exploration Agency). Die Sonde war im Oktober 2018 zum Merkur gestartet. Interessant an der aktuellen Mission ist unter anderem, dass die Sonde auf ihrem Weg zum innersten Planeten unseres Sonnensystems neun Vorbeiflüge braucht, um Geschwindigkeit und Flugbahn entsprechend anzupassen, bevor sie 2025 schließlich ihre endgültige Umlaufbahn um den Merkur erreichen wird: einen an der Erde, zwei an der Venus und sechs am Merkur. 2020 hatte sie den ersten von zwei erforderlichen Vorbeiflügen an der Venus absolviert und Aufnahmen sowie weitere Daten über den Planeten geliefert, in diesem Jahr sandte sie erste Aufnahmen von der Nachtseite des Merkur aus einer Höhe von circa 200 Kilometern.

Im Oktober dieses Jahres startete eine weitere interessante Mission zur Erforschung unseres Sonnensystems: Erstmals ist eine NASA-Sonde, „Lucy“, zu den Asteroiden des Jupiter unterwegs, die dem Planeten „voraus beziehungsweise hinterher fliegen“. Auf dem Weg wird die Sonde auch den Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter passieren. Eigentliche Ziele sind die Jupiter-“Trojaner“ „Eurybates“, „Queta“, „Polymele“, „Leucus“, „Orus“, „Patroclus“ und „Menoetius“, die als „Fossile der Formierung der Planeten“ in unserem Sonnensystem gelten. Die Mission soll die Erkenntnisse über die Entstehung unseres Sonnensystems erweitern und wird zwölf Jahre in Anspruch nehmen.

Nachschub im All

Aber auch im Erdorbit gibt es „Neues“: Mitte Oktober erreichten drei chinesische Taikonauten die Raumstation „Tiangong“ („Himmlischer Palast“). Das Team soll sechs Monate im Kernmodul der im Bau befindlichen Raumstation verbringen. Vollständig in Betrieb gehen soll „Tiangong“ im kommenden Jahr. Insgesamt sind bis Ende 2022 elf Missionen zur Station geplant.

Schon am vergangenen Sonntag sollte der deutsche Astronaut Matthias Maurer mit dem Crew-Dragon-Raumschiff von „SpaceX“ zur ISS fliegen. Wegen schlechten Wetters am Kap Canaveral wurde der Start auf Mittwoch dieser Woche verschoben. Maurer soll etwa sechs Monate auf der Station bleiben. Geplant sind etwa 150 Experimente und ein Außeneinsatz. Maurer wird aber möglicherweise auch Touristen betreuen. Gibt es nichts Besseres zu tun?

Über die Autorin

Nina Hager (Jahrgang 1950), Prof. Dr., ist Wissenschaftsphilosophin und Journalistin

Hager studierte von 1969 bis 1973 Physik an der Humboldt-Universität in Berlin. Nach dem Abschluss als Diplom-Physikerin wechselte sie in das Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR und arbeite bis zur Schließung des Institutes Ende 1991 im Bereich philosophische Fragen der Wissenschaftsentwicklung. Sie promovierte 1976 und verteidigte ihre Habilitationsschrift im Jahr 1987. 1989 wurde sie zur Professorin ernannt. Von 1996 bis 2006 arbeitete sie in der Erwachsenenbildung, von 2006 bis 2016 im Parteivorstand der DKP sowie für die UZ, deren Chefredakteurin Hager von 2012 bis 2016 war.

Nina Hager trat 1968 in die SED, 1992 in die DKP ein, war seit 1996 Mitglied des Parteivorstandes und von 2000 bis 2015 stellvertretende Vorsitzende der DKP.

Hager ist Mitherausgeberin, Redaktionsmitglied und Autorin der Marxistischen Blätter, Mitglied der Marx-Engels-Stiftung und Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

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"Unendliche Weiten …", UZ vom 5. November 2021



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