Der Begriff der „geschlossenen Heimatfront“ und die Ideologien des Individualismus und der Spaltung

Ungesellige Geselligkeit

Bei Rückmeldungen aus der Arbeit mit der Bildungszeitung war häufig der Begriff der „geschlossenen Heimatfront“ ein Thema. So tauchte die Frage auf, wie dieses Streben nach Geschlossenheit sich mit der Propagierung von Individualismus und Spaltungsideologien verträgt. Es lohnt sich, dieser Frage nachzugehen. Sie hilft, die Wichtigkeit des Begriffs der „geschlossenen Heimatfront“ für das Verständnis sowohl der Argumentation der Bildungszeitung als auch der monopolkapitalistischen Herrschaft zu begreifen.

Das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum ist ein zentrales Thema für den Marxismus. Die bürgerliche Ideologie des Individualismus und der Herrschaftsbedarf an einer geschlossenen Heimatfront sind eng damit verwoben. Immanuel Kant schrieb 1784 über die „ungesellige Geselligkeit“ der Menschen. Er erläuterte diese als „den Hang derselben in Gesellschaft zu treten, der doch mit einem durchgängigen Widerstande, welcher diese Gesellschaft beständig zu trennen droht, verbunden ist“. Was Kant zu einer Zeit, als sich Kapitalismus und bürgerliche Gesellschaft gerade erst etablierten, aufmerksam wahrgenommen hatte, konnte er nur aus der vorgeblichen „menschlichen Natur“ erklären. Es war Marx, der rund 75 Jahre später die „ungesellige Geselligkeit“ als historisch-gesellschaftliche Bedingung des Lebens in der bürgerlichen Gesellschaft entschlüsselte: Wir produzieren und reproduzieren unsere Lebensmittel und damit unser Leben und uns selbst in der Gesellschaft, nämlich arbeitsteilig. Die Mittel, die wir für unser Leben brauchen, werden von anderen Menschen produziert, so wie auch die Produkte unserer Arbeit von anderen konsumiert werden. Was Kant den Hang, in Gesellschaft zu treten, nennt, begründet sich darin, dass die Menschen ihr Leben in Gesellschaft produzieren. Dieser Aspekt des gesellschaftlichen Verhältnisses zielt – seinem Inhalt und nur seinem Inhalt nach – auf Kooperation und Überwindung der Klassenherrschaft ab. Wo dieser Inhalt sich den Menschen in ihrem Bewusstsein abbildet, entwickelt sich Solidarität und – tendenziell – sozialistisches Bewusstsein. Dieser gesellschaftliche Prozess findet in der bürgerlichen Gesellschaft aber stets im Rahmen und unter den Bedingungen des Kapitalismus statt. Dadurch erhalten die gesellschaftlichen Beziehungen eine ihrem Inhalt widersprechende Form. Denn als Grundprinzip des Kapitalismus fungiert die Maxime der Ungeselligkeit, nämlich des privaten Nutzens. Die von Kant beobachtete „ungesellige Geselligkeit“ begründet sich also nicht aus einer unhinterfragten „menschlichen Natur“, sondern sie ist Erscheinungsform des Grundwiderspruchs des Kapitalismus: gesellschaftliche Produktion und private Aneignung.

Der Individualismus lässt sich auf dieser Grundlage unschwer als Ausdruck des bürgerlich-kapitalistischen Prinzips der privaten Nutzenmaximierung erkennen. Als Ausdruck des Grundprinzips, nach dem wir im Kapitalismus unser reales Leben produzieren, drängt er sich uns als herrschender Gedanke dieser Epoche auf. Ja, er erscheint sogar als ehernes Gesetz: dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei. Individualistisches Bewusstsein ist die spontane Widerspiegelung unseres in der kapitalistischen Gesellschaft gelebten Seins. Es braucht keine besondere Propaganda, um Individualismus als Ideologie hervorzubringen und ebenso reicht es nicht, solche Propaganda zu unterbinden, um zu verhindern, dass er als Ausdruck der herrschenden Realität weiterbesteht.

Wenn die Herrschenden dennoch auf die vielfältigen Werkzeuge der Propagandamaschinerie zurückgreifen, dann geschieht dies gewöhnlich, um dem Auftreten von kooperativen, solidarischen Bewusstseinsinhalten entgegenzuwirken. Dass solche Bewusstseinsinhalte in der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft punktuell vorkommen, erklärt sich aus dem bereits angeführten gesellschaftlichen Charakter der Produktion des Lebens. Die Bedingungen, unter denen diese Produktion in der kapitalistischen Gesellschaft nur möglich ist, schließen aus, dass solche Bewusstseinsinhalte auf dieser Basis sich spontan zu mehr als nur vorübergehenden und isolierten Erscheinungen entwickeln. Hierzu muss der reale Lebensprozess eine andere Basis erhalten, also das kapitalistische System überwunden sein, oder sich mit dem bewussten und organisierten Kampf zur Überwindung des Kapitalismus verbinden.

Individualismus reproduziert sich also als spontane Ideologie auf Grundlage der kapitalistischen Realität. Bei der „geschlossenen Heimatfront“ handelt es sich um etwas elementar anderes. Hier geht es nicht um eine Ideologie, die spontan aus den Widersprüchen des Kapitalismus erwächst oder zweckgerichtet produziert und verbreitet wird. Die „geschlossene Heimatfront“ ist ein gesellschaftlicher Zustand, der vom imperialistischen Monopolkapital angestrebt werden muss. Der gesellschaftliche Charakter der Produktion hat durch die Entwicklung der Produktivkräfte eine neue Dimension angenommen. Sie verlangt dem Monopolkapital ab, möglichst sämtliche Handlungen und Abläufe der Gesellschaft und all ihre Glieder darauf auszurichten, dass sie den imperialistischen Zwecken der Monopole dienen. Dieser Zwang vermittelt sich den Monopolen durch die fortgesetzte Konkurrenz zu anderen Monopolen, Monopolgruppen und imperialistischen Staaten – bei Strafe des Untergangs.

… wenn die Spaltungsideologien wie Standortlogik oder Rassismus versagen, bereitet sich das Monopolkapital darauf vor, seine Interessen mit Gewalt durchzusetzen. (Foto: Henning Schlottmann / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0)

Erkennbar wird dieser Zwang aktuell im Bestreben, „gestärkt“ – also schneller und besser als die Konkurrenz – aus der Pandemie herauszukommen. Fragen, die deutlich über die unmittelbar ökonomischen Interessen des Kapitals hinausreichen, werden relevant. Unser Freizeitverhalten, mit wem wir uns treffen, wohin wir reisen, wie wir feiern – all dies wird zum Gegenstand des Klasseninteresses des Monopolkapitals. Der hier erkennbar werdende Bedarf der Monopole, die Aktivitäten der ganzen Gesellschaft und möglichst all ihre Glieder so ausrichten zu können, dass sie sich in ihre imperialistischen Zwecksetzungen einfügen, haben wir als Streben nach einer „geschlossenen Heimatfront“ bezeichnet. Es bedeutet die Ausrichtung der ganzen Gesellschaft auf die Ziele und Zwecke, die ihr vom Imperialismus vorgegeben werden. Das Monopolkapital ist gezwungen, diesen Zustand anzustreben, auch wenn es ihn nie vollständig herstellen kann.

Im Bemühen um die Herstellung dieses Zustands wird auf die vielfältigen Möglichkeiten der Manipulation des Massenbewusstseins zurückgegriffen. Standortlogik, Rassismus und Nationalismus haben sich zur Spaltung einer zum solidarischen Kampf neigenden Arbeiterklasse bewährt. Mit diesen Ideologien wird jetzt die gemeinsame Verfolgung des als „Gemeinwohl“ deklarierten Ziels propagiert, dass „wir“ gestärkt aus der Krise hervorgehen. Von diesem „Gemeinwohl“ dürften wir uns nicht durch Rücksichten auf anders gerichtete Interessen, auf die Rechte „Fremder“ oder auf Moralvorstellungen abhalten lassen.

In einigen Diskussionen tauchte die Annahme auf, der Begriff „geschlossene Heimatfront“ beschreibe lediglich ein Mittel, mit dem das Monopolkapital die Durchsetzung kriegerischer Handlungen bezwecken will. Es geht um mehr. Es geht um die Herstellung eines Zustands, in dem alle Gesellschaftsglieder ihre Aktivitäten und ihre gesellschaftlichen Beziehungen so einrichten, dass diese den vom Imperialismus gesetzten Zwecken zuträglich sind. Dass unser Begriff sich aber auch mit seiner militärischen Konnotation als passend erweist, entspricht der Militarisierung der Gesellschaft, die wir auf vielen Ebenen erkennen müssen: zum Beispiel in der Sprache, im Einsatz der Bundeswehr im Innern, in der Umgehung der Parlamente zur Pandemiebekämpfung in einer Art und Weise, als befänden wir uns im Kriegszustand.

„Geschlossene Heimatfront“ und Individualismus bedeuten für das Monopolkapital keinen Widerspruch. Nicht etwa, weil es in der Lage ist, den inhärenten Widerspruch der „ungeselligen Geselligkeit“ aufzuheben, sondern schlicht, weil im Kapitalismus weder der Anspruch auf Individualität (die etwas anderes ist als Individualismus) und gleiche persönliche Würde noch der Anspruch auf bewusste Realisierung der gesellschaftlichen Beziehungen einen Platz haben. Für beides gibt es erst im Sozialismus einen Ort. Der Kampf zwischen beiden Systemen entscheidet sich in der Frage, wessen Interessen die inhaltlichen Zielsetzungen der Gesellschaft definieren.

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"Ungesellige Geselligkeit", UZ vom 2. April 2021



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