Der Antifa-Schinken „Und morgen die ganze Welt“

Vielleicht auch doch nicht

Tabea Becker

Bietet immerhin Anlass zur Diskussion:
Der „Antifa“-Film von Julia von Heinz

Warum nimmt ein Film über die „Antifa-Szene“ seinen Titel ausgerechnet aus einem strammen Nazi-Lied? Das erfährt man auch nicht, wenn man ihn ansieht. Wahrscheinlich soll er provozieren – irgendwie. Auch sonst ist man nach dem Film von Regisseurin Julia von Heinz nicht viel schlauer als vorher. Was ist er denn nun, eine aufregende Romanze oder ein inhaltlich schlechter Film, der Vorurteile gegen linke Aktivisten aufnimmt und widerspiegelt?

Ich gebe es gerne zu, ich schaue mir gerne romantische Liebesgeschichten an, immer in dem Hoffen, dass die Protagonisten zueinander finden. Aus diesem Blickwinkel wirkt der Film wie eine aufregende Geschichte junger Aktivisten, die im gemeinsamen Kampf gegen Nazis Höhen und Tiefen durchmachen. Die junge Protagonistin Luisa (Mala Emde) verliebt sich in Alpha (Noah Saavedra), einen militanten Aktivisten, der in seiner Freizeit für den Straßenkampf trainiert und zusammen mit einer kleinen Gruppe „radikalere“ Aktionen verfolgt. Durch sein distanziertes, hartes, machomäßiges Auftreten wirkt er auf die noch nicht allzu erfahrene Luisa sehr anziehend. Die junge Jurastudentin wird also vom harten Kerl angezogen und entscheidet sich so für gewaltsame Aktionen. Die Option, dass Luisa selbst zu dem Schluss kommt, dass man sich in der Frage Rassismus und Faschismus nicht auf den Staat verlassen kann, lässt der Film nicht zu.

Aufhänger des Films ist ein Paragraph aus dem Grundgesetz: „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“ Damit wird Jurastudentin Luisa direkt am Anfang des Films konfrontiert. Durch die Parallelen zur aktuellen politischen Situation, Erstarken der Rechten und Rechtsruck, kann sich der Zuschauer in die Protagonistin hinein versetzen. Nazidemonstrationen und Kundgebungen von AfD (hier Liste14), die begleitenden Proteste und Verstrickungen von Exekutive und Nazis durch V-Männer sind nichts Neues. Der Film verkürzt jedoch Antifaschismus darauf, einfach nur gegen Nazis zu sein, und reproduziert und fördert die Spaltung von Protesten in gute (friedliche) und schlechte (radikale). Luisa muss sich immer wieder entscheiden zwischen ihrer Freundin Batte, die auf lautstarken und symbolischen Protest setzt, und Alpha mit seinem Freund Lenor auf dem gewaltbereiten Weg.

„Und morgen die ganze Welt“ wird von vielen Filmkritikern gerade in den Himmel gelobt, die inhaltliche Kritik an der Verharmlosung von Nazigewalt, an Klischeebildern von Linken und Kriminalisierung von Jugendbewegungen kann aber nicht durch die Dreiecksromanze der jungen Wilden ausgeglichen werden. Dafür bleibt der Film selbst in seiner Liebesgeschichte zu schwach und in Klischees verstrickt.

Alles in allem kann man sich den Film durchaus mal ansehen, um sich zu vergegenwärtigen, wie linke Aktivisten stigmatisiert und kriminalisiert werden. Er unterhält und bietet Anlass zur Diskussion und zeigt nochmal, wie die Extremismustheorie ihren Einsatz findet.

„Und morgen die ganze Welt“,
Regie/Drehbuch: Julia von Heinz
Im Kino (wenn es offen ist)

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"Vielleicht auch doch nicht", UZ vom 20. November 2020



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