Zu Marlon Grohns Buch „Kommunismus für Erwachsene“

Von der Wahrheit zur Wirklichkeit

Christopher Tracy

Dass die sogenannten sozialen Medien kein Kampfplatz der Vernunft sind, hat kürzlich wieder die peinliche „Omagate“-Affäre des WDR gezeigt. Auch die winzigen marxistischen Zirkel auf Plattformen wie Twitter, Reddit und Facebook sind nicht besser.

Umso erfreulicher ist es, wenn auf dem digitalen Misthaufen einmal eine Blume blüht. Marlon Grohn, bekannt durch seinen seit 2008 betriebenen Blog „Lyzis‘ Welt“ und umtriebige Twitter-Aktivität, hat seine bislang bruchstückhaft formulierten Positionen in eine wissenschaftlich-kommunistische Struktur gebracht und mit „Kommunismus für Erwachsene“ eine Verteidigung der „Wirklichkeit des Sozialismus“ vor den Irrungen „linken Bewusstseins“ vorgelegt.

Diese geht aus von einer an Hegel geschulten Betrachtung des Widerspruchs von Eso- und Exoterik. Der These von der esoterischen, der Wahrheit verpflichteten Arbeit am Begriff steht die Antithese von der exoterischen, auf die Wirklichkeit gerichteten politischen Aktivität entgegen. Für sich genommen, führen sowohl die im elitären Zirkel der Eingeweihten verbleibende Esoterik als auch die prinzipienlose, voluntaristische Praxis der Esoterik ins Leere.

Grohns Sympathie liegt klar bei der esoterischen Seite des Widerspruchs: „Der esoterische Autor verteidigt die optimistische Position, dass in Zukunft einmal eine Masse an Menschen seinen Bildungsgrad und Kunstverstand erreicht haben wird, der exoterische den Pessimismus, die Leute seien auch morgen noch so dumm wie heute.“ Die Synthese von Eso- und Exoterik erfolgt schließlich im dialektischen Materialismus, der das wissenschaftliche Werkzeug zum Erkennen der Welt mit den politischen Mitteln zu ihrer Veränderung verbindet.

Der Anspruch „für Erwachsene“ zielt auf Leser, die es mit dem Kommunismus ernst meinen – und das heißt praktisch: mit der Errichtung, Entwicklung und Verteidigung des Sozialismus als langfristig notwendiger Übergangsgesellschaft. Dementsprechend viel Platz verwendet Grohn daher auf das Abarbeiten an linken, im Grunde antikommunistischen Strömungen wie Wertkritik, Antideutschtum, Rätekommunismus oder Anarchismus. Die entsprechenden Passagen sind eine wunderbare Mischung aus scharfer Analyse und Polemik, denen man das Vorbild Peter Hacks deutlich anmerkt. So wird etwa die „argumentidealistische Gruppierung ‚GegenStandpunkt“ nebenbei in einer Fußnote unter Verweis auf Marx’ und Engels’ Widerlegung der Bakuninisten erledigt.

Als Kur gegen die schon von Lenin diagnostizierten linksradikalen „Kinderkrankheiten des Kommunismus“ empfiehlt Grohn einen „richtigen Begriff des Stalinismus“. Statt den bürgerlichen Vorwurf des Stalinismus weiter abzuwehren (der ohnehin schon bei der kleinsten Forderung nach sozialstaatlicher Umverteilung erhoben wird), sollten die Kommunisten ihn sich zu eigen machen. „Stalinismus“ meint hier nicht alle konkreten Inhalte von Stalins Politik, sondern ihre grundlegende Form: die Bereitschaft, die Diktatur des Proletariats nicht nur mit Worten zu vertreten, sondern sie mit den nötigen Mitteln umzusetzen – im Wissen, dass die Alternative kein „dritter Weg“, sondern die Barbarei des Kapitalismus ist.

Angesichts dessen verwundert es, dass Grohns konkrete Maßnahmenvorschläge sich auf „das begriffsreiche stalinistische Pöbeln gegen andere Linke“, also weitere Polemik, beschränken. Zudem bezieht er sich im Hinblick auf die „Wirklichkeit des Sozialismus“ fast ausschließlich auf die UdSSR und die DDR – Strategien in Bezug auf existierende sozialistische Staaten wie China, Vietnam oder Kuba wären jedoch heute weitaus nötiger. Somit bleibt als große Stärke des Buchs die Zerstörung linksillusionärer Konzepte wie Pluralismus, Antiautoritarismus und Herrschaftsfreiheit. Es sei daher nicht nur Kommunisten, sondern auch radikalen Links- und reformistischen Rechtsabweichlern aller Schattierungen zur Lektüre empfohlen.


Marlon Grohn
Kommunismus für Erwachsene
Linkes Bewusstsein und die Wirklichkeit des Sozialismus
Verlag Das Neue Berlin
272 Seiten, 15,– Euro

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"Von der Wahrheit zur Wirklichkeit", UZ vom 14. Februar 2020



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