Bei den Einheitsfeiern blieben die Eliten unter sich

Warme Worte und laue Lieder

Am 3. Oktober, dem „Sonntag der Einheit“, fuhren kurz nach 9 Uhr die schwarzen Limousinen mit dem „BD“-Kennzeichen der Fahrbereitschaft des Bundestags vor der Pauluskirche in Halle vor. Geladen war zur zentralen „Einheitsfeier“ im 31. Jahr nach der Annektion der DDR.

Gleich nachdem die scheidende Kanzlerin im Kreise der Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, des Bundes und des Bundestags sowie dem gastgebenden Ministerpräsidenten Aufstellung zum Gruppenfoto genommen hatten, begaben sich die Politgrößen zum ökumenischen Gottesdienst, der unter dem Bibelwort „Die Frucht der Gerechtigkeit wird der Friede sein“ stattfand. 180 handverlesene Gäste aus „Politik und Gesellschaft“ lauschten der Predigt des katholischen Bischofs Gerhard Feige. Dieser mahnte zu „Wärme und Menschlichkeit“, nur so könnten die gesellschaftlichen „Abgründe“ überwunden werden. Eine gelungene Überleitung zur gefühligen Abschiedsrede von Angela Merkel, die ihrer großen Sorge um den Zusammenhalt in Deutschland und den „Bestand von Freiheit und Demokratie“ Ausdruck verlieh.

Nicht ohne Anklänge an den Wahlkampfslogan des Kanzlerkandidaten Olaf Scholz forderte sie mehr „Respekt“ in der Bürgergesellschaft ein. Scholz, der sich wie auch sein Konkurrent Laschet zwischen den Sondierungsgesprächen des Sonntags einen Abstecher zum Gottesdienst in Halle erlaubte, wird es gern gehört haben.
Ministerpräsident Haseloff seinerseits trug ebenfalls Nachdenkliches bei und gab seine neu gewonnene Erkenntnis, dass „mental und strukturell die Einheit nicht vollendet“ sei, an die Zuhörer weiter. Ein paar Hundert Meter weiter, hinter einem Polizeikordon von 2.500 Einsatzkräften, ging es derweil weniger besinnlich zu. Das Bündnis „Halle gegen Rechts“ verhinderte mit 500 Demonstranten die Kundgebung von etwa 50 Neonazis.

Ansonsten geschah am Einheitssonntag wenig Spektakuläres. Die Initiative „3. Oktober – Deutschland singt“ unter Schirmherrschaft von Wolfgang Schäuble hatte bundesweit, wie schon im Jahr zuvor, „zum offenen Singen und Feiern in allen Städten und Dörfern“ eingeladen. Der Zuspruch war mäßig. Als einziger Sponsor aus dem Wirtschafts- und Bankenbereich konnte nur die Sparkasse Hessen-Thüringen gewonnen werden. Irgendwie wollte beim Feiern der Einheit keine rechte Freude aufkommen, auch die Initiative stellte resigniert fest: Es gebe „keine öffentliche Feiertradition der Bevölkerung“ und gerade die Jugend zeige Desinteresse.

Das mag auch an dem Musikprogramm liegen, das die Initiative vorgegeben hatte. Pünktlich um 19 Uhr sollten bundesweit zehn Lieder abgesungen werden. Von „Nun danket alle Gott“ über „Der Mond ist aufgegangen“ bis zum angestaubten Schlager „Über sieben Brücken“. In Frankfurt hatte man den „Chor der deutschen Bundesbank“ verpflichtet, die extra zum Anlass komponierte Einheitshymne „Die Hoffnung lebt zuerst“ zu intonieren. Begleitet durch Nieselregen und angesichts ihrer Kinderbuchlyrik blieb auch hier die Feierstimmung aus. Zitat aus dem Textheft: „Wenn nichts mehr läuft und nichts mehr geht, wenn uns mit einem Mal ein gnadenloser Wind entgegenweht, dann werfen wir den Mut nicht hin: Vielleicht wird dies für uns zuletzt ja noch ein Tag zum Niederknien. Ooh – oh – oh – o!“.

Über den Autor

Ralf Hohmann (Jahrgang 1959) ist Rechtswissenschaftler.

Nach seinen Promotionen im Bereich Jura und in Philosophie arbeitete er im Bereich der Strafverteidigung, Anwaltsfortbildung und nahm Lehraufträge an Universitäten wahr.

Er schreibt seit Mai 2019 regelmäßig für die UZ.

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"Warme Worte und laue Lieder", UZ vom 8. Oktober 2021



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