Die Seele zerstört, das Leben kaputt – davon wird am „Veteranentag“ wohl nichts zu hören sein

Was ein Krieg mit Menschen macht

„Schattige Plätzchen“ ist der Titel eines Kinderbuches, das in Kooperation von Bundeswehr und Evangelischer Militärseelsorge entstanden ist. Der Vater ist nach seiner Rückkehr aus Afghanistan völlig verändert. Schreckhaft, traurig, aggressiv. „Mein Papa hat PTBS!“ stellt das Bübchen fest. Vorher war er „ein superstarker Soldat. In einem fremden Land bewacht er Straßen und Schulen …“ Das Buch erzählt, wie Papa ins Krankenhaus kommt und alles wieder – nicht ganz, aber ziemlich – gut wird. Dafür steht sinnbildlich der Witz: Was ist ein Keks unter einem Baum? – Ein schattiges Plätzchen! – und dabei liegen Papa und Sohn entspannt auf einer Wiese im Wald.

Da hat der Papa aber mächtig Glück gehabt. Man erreiche nur einen geringen Teil der psychisch erkrankten Soldaten mit Therapiemaßnahmen, erfahren wir von Oberstarzt Dr. Peter Zimmermann vom Psychotraumazentrum der Bundeswehr in einem Interview mit dem NDR. „Wir können mit 10 bis 20 Prozent, selbst wenn es dann im Verlauf mal 30 werden, nicht zufrieden sein.“ Zimmermann erzählt die Geschichte des Bübchens von der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) für Erwachsene – auf dem Bundeswehr-YouTube-Kanal „Nachgefragt“. Traumatisches Erleben ziehe nicht immer eine Erkrankung nach sich, so der Oberstarzt. „Selbst bei den schlimmsten traumatischen Situationen – beispielsweise Krieg oder Vergewaltigungen – bleiben noch 50 Prozent der Betroffenen gesund.“

Als Mörder zurückgekehrt

Während des Vietnamkriegs stürmte im März 1968 eine Einheit von US-Soldaten unter Leutnant William Calley das Dorf My Lai und richtete unter alten Männern, Frauen und Kindern ein Blutbad an. Die Mutter von Paul Meadlo, einem der beteiligten Soldaten, klagte Militär und Regierung an, ihr Sohn sei als netter Junge nach Vietnam gegangen und als Mörder zurückgekehrt. Er ließ sich im Fernsehen interviewen. „Ich tötete vielleicht zehn, fünfzehn Männer, Frauen, Kinder und Babys. Ich habe es gemacht, weil ich glaubte, Befehle ausführen zu müssen.“ – „Sind Sie verheiratet?“ – „Ja.“ – „Kinder?“ – „Zwei.“ Nach dem Kriegseinsatz war er ein psychisches Wrack.

Ein anderer Soldat: „Unser Captain Medina sagte uns: Ihr geht da jetzt rein, brennt alles nieder und tötet jeden: Frauen, Kinder, Babys, Kühe, Katzen, alles. Als wir aus den Hubschraubern heraussprangen, haben wir sofort angefangen zu schießen.“

US-Journalist Seymour Hersh: „Nachdem sie das Schießen eingestellt hatten, aßen die Soldaten zu Mittag, ganz in der Nähe der Wassergräben, in denen die Leichen lagen.“

Eine Armee von ­Teenagern

Etwa 2,7 Millionen US-Amerikaner waren als Soldaten in Vietnam, davon 1,6 Millionen im Kampfeinsatz. Wer die finanziellen Mittel hatte, konnte sich dem Militärdienst zum Beispiel durch ein Studium entziehen. Von jenen, die ihren Wehrdienst ableisteten und in Vietnam kämpften und starben, waren viele arm, schlecht gebildet und schwarz. Es war eine Armee von Teenagern – mehr als 60 Prozent starben im Alter von 18 bis 21 Jahren, das Durchschnittsalter der US-Truppe war 19.

In der Folge dieses Krieges begingen mehr Veteranen Selbstmord als Soldaten in Vietnam gefallen waren. In der Heimat fanden sich viele im Zivilleben nicht mehr zurecht. 500.000 bis 800.000 von ihnen litten und leiden unter einem Posttraumatischen Belastungssyndrom (PTBS).

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Was die Bundeswehr heute als Funsport verkauft, war in Vietnam (Foto) ­grau­same Realität. (Foto: gemeinfrei)

Die Berichte aus dem Vietnamkrieg sind zahlreich und gut dokumentiert. Doch auch deutsche Berichte kann lesen, wer wissen will, wie zum Beispiel auf der Internetseite „magazin-loyal“ des Reservistenverbandes: „Als Alexander P. in Deutschland zurück war, ging der Krieg weiter. Vor dem inneren Auge lief ein Film in Dauerschleife. Er zeigt die Rakete, die auf sein Auto zufliegt, einen roten Schweif hinter sich herziehend. Alexander P. litt unter Angstzuständen. Er schlief schlecht, war gereizt, hatte das Gefühl, verfolgt zu werden. Das sind die typischen Symptome für eine Posttraumatische Belastungsstörung. Das wusste er damals aber noch nicht. Er war äußerlich zwar gesund, fühlte aber, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Er fürchtete sich davor, in den Dienst zurückzukehren. Er wollte keine Schwächen zeigen und hatte Angst, wegen der immer schlimmer werdenden psychischen Probleme in seiner Einheit stigmatisiert zu werden.“

Im Juni 2025 berichtete die medizinische Fachzeitschrift „The Lancet Regional Health Europe“ über alarmierend hohe Zahlen von PTBS und anderen psychischen Erkrankungen unter ukrainischen Soldaten. Unterstützung bekommen sie fast keine. Viele kampferprobte ukrainische Soldaten würden bereits an PTBS leiden und es komme zu Alkohol- und Drogenkonsum, vor allem mit Cannabis und Amphetaminen. Der Handel mit Drogen bringt gigantische Gewinne. Auch in der Zivilbevölkerung nehmen Angststörungen und in der Folge Alkohol- und Drogenkonsum zu.

Im Vietnamkrieg wurden Ampheta­mine von der Militärführung offiziell ausgegeben, teilweise als „Go-Pills“ bezeichnet, um die Truppen bei langen Patrouillen oder Kampfeinsätzen wach und leistungsfähig zu halten.

Schwierige Therapie

Die Therapie traumatisierter Menschen ist schwierig, langwierig und erfordert hochqualifizierte Therapeuten, die weder bei der Bundeswehr noch in der Gesellschaft im notwendigen Maße zur Verfügung stehen. PTBS ist uns fast allen bekannt als Folge des Erlebens großer Verkehrsunfälle, von Amokläufen, Brandkatastrophen. Von diesen Ereignissen wissen wir auch, wie wichtig schnelle psychologische, seelsorgerische Hilfe ist – Hilfe, die Soldaten im Kampfgeschehen nicht zuteil wird.

Traumatische Erfahrungen werden in zwei Typen unterteilt, wobei Typ I durch einmalige traumatische Ereignisse ausgelöst wird, die plötzlich und unvorhergesehen auftreten. Beispiele sind Unfälle und Naturkatastrophen, aber auch Erkrankungen wie ein Herzinfarkt, sowie von Menschen gemachte Ereignisse wie Terroranschläge und Überfälle.

Typ-II-Traumatisierungen sind mehrmalige traumatische Ereignisse, die chronisch-kumulativ auftreten oder durch eine Serie von Einzelereignissen gekennzeichnet sind. Dazu gehören technische Katastrophen, langdauernde Naturkatastrophen oder durch Menschen verursachte Traumatisierungen wie wiederholte sexualisierte Gewalt, Kriegserleben, Folter, Flucht und politische Inhaftierung.

Es zeigen sich charakteristische Symptome, vor allem das Wiedererleben des traumatischen Ereignisses (Flashbacks, Albträume, Angstattacken, Horror) und zwar mit den gleichen intensiven Emotionen wie während des traumatischen Ereignisses. Diese Attacken passieren ohne Vorwarnung, sind begleitet von Herzrasen, Schweißausbrüchen, Zittern. Davor bewahrt auch nicht die häufig gezeigte Vermeidung von Gedanken und Erinnerungen an das Ereignis.

Ein weiteres Charakteristikum ist die andauernde Wahrnehmung erhöhter gegenwärtiger Gefahr. In der Folge kommt es zu übersteigerter Wachsamkeit oder verstärkter Schreckhaftigkeit. Viele Betroffene beschreiben Vermeidungsverhalten: Wechseln der Straßenseite bei entgegenkommenden Personen, die als bedrohlich empfunden werden; Vermeidung von Menschenansammlungen; keine Teilnahme an mit Lärm verbundenen gesellschaftlichen Ereignissen (Volksfest). Soziale Isolation ist häufig die Folge, ebenso Gewalt in der Familie, Scheidung. Körperliche Erkrankungen treten oft in der Folge auf: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfälle, Magengeschwüre.

Alle Symptome einer PTBS können nicht nur bei den unmittelbar Betroffenen auftreten, sondern auch bei Menschen, die mittelbar betroffen sind, beispielsweise Familienangehörige von Gefallenen.

Frag nach!

Von all diesen erschütternden Tatsachen erzählt kein Pistorius, kein Jugendoffizier an den Schulen. Davon erfährt man nichts an den Ständen der Bundeswehr bei den „Jobmessen“ für Schülerinnen und Schüler. Davon wird nichts erzählt bei den Ferienlagern der Bundeswehr für 16- bis 20-Jährige mit Namen wie „Heli Guardians“ oder „Edelweißcamp“. Es werden keine Berichte von Traumatisierten bei den Veteranentagen zu vernehmen sein.

Mag der eine oder andere der heftig Beworbenen sich noch besorgt überlegen, wie sich ein Bauchschuss anfühlt – die seelische Verkrüppelung und das unsägliche Leid kann sich ein Jugendlicher kaum vorstellen. Für sie vor allem ist dieser Artikel gedacht. Aber auch als Argumentationshilfe gegen die Holzköpfe, von denen man immer wieder gesagt bekommt, ihnen habe „der Bund auch nicht geschadet“.

Und zum Schluss noch ein Hinweis, besonders an junge Frauen: Der Jahresbericht 2026 über die Bundeswehr dokumentiert alltägliches Fehlverhalten in der Bundeswehr. Unter deutschen Soldaten sind Misshandlungen und Schikanen offenbar gang und gäbe. Laut Zeugenaussagen gibt es in der Bundeswehr „eine allgemeine Tendenz des Soldaten zu verbaler und körperlicher Distanzlosigkeit vor allem gegenüber neu hinzuversetzten Soldatinnen“.

Den Wehrbeauftragten Henning Otte sorgt dabei insbesondere, dass der massive Missbrauch in den Streitkräften der Rekrutierung schade. Nicht zuletzt deshalb äußert Otte deutliche Zweifel an der Realisierbarkeit der geplanten Erweiterung ohne die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Sollte das Freiwilligenmodell „nicht zu einem ausreichenden Wachstum führen, wäre die Rückkehr zur Wehrpflicht der logische nächste Schritt“, schreibt er.

2412 Buch - Was ein Krieg mit Menschen macht - Bertolt Brecht, Kriege und Konflikte, PTBS, Veteranentag - Hintergrund

Bertolt Brechts „Kriegsfibel“ ist in der mittlerweile siebten Auflage bei der Eulenspiegel Verlagsgruppe erschienen. Brecht hatte 1938 im dänischen Exil begonnen, Fotos aus Zeitungen und Zeitschriften zu sammeln. Nicht die großen Kampfgeschehen wollte er dokumentieren, sondern den Alltag der Soldaten und der Zivilbevölkerung sowie die Zerstörung und die Opfer des Krieges. Dazu verfasste er vierzeilige Epigramme, die die großformatigen Fotos „zum Sprechen bringen“ und den dargestellten Szenen und Motiven ihre wahre Bedeutung geben sollten – „Fotoepigramme“ nannte Brecht sie. Seine Mitarbeiterin und Freundin Ruth Berlau veröffentlichte 1955 erstmals dieses Buch. Dazu schrieb sie: „Ein großer deutscher Dichter wundert und schämt sich, dass sein Volk sich irreführen lässt, und bittet doch: ‚Wärmt sie, es ist ihnen kalt.’“

Barbara Brecht-Schall (Hrsg.), Bertolt Brecht: Kriegsfibel
208 Seiten, 38 Euro | Eulenspiegel Verlagsgruppe

Hinweis für den Gruppenabend
Unterlagen für einen Vortrag zum Thema „Was ein Krieg mit Menschen macht“ können angefordert hier werden.
Auch der Film „Soldaten und Trauma – Krieg im Kopf“ über posttraumatische Belastungsstörungen bei Soldaten eignet sich für DKP- oder SDAJ-Gruppenabende oder Informationsveranstaltungen gegen die Wehrpflicht. Er findet sich in der ARD-Mediathek.

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"Was ein Krieg mit Menschen macht", UZ vom 12. Juni 2026



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