Was uns „Die letzten Tage der Menschheit“ heute sagen

Wenig Seife gebrauchen

Je plumper die tägliche Kriegspropaganda ausfällt, umso mehr Online-Kommentare oder persönliche Gespräche befassen sich mit der Frage, woher es kommt, dass denkende Menschen zunehmend den Eindruck bekommen, in einer Parallelwelt zu leben. Dieses Empfinden kann so weit führen, dass Vernunft und Verstand scheinbar nicht mehr so selbstverständlich miteinander harmonieren, wie wir es gewohnt sind. Mag sein, dass das gewollt ist; und die laufenden Debatten drehen sich entsprechend auch darum, wie sehr die medial veröffentlichte Meinung der Regierung und/oder des Kapitals (und dabei wiederum, welcher jeweiligen Linie der auf die eine oder andere Weise Herrschenden) Einfluss auf die Haltungen der Menschen hat. Auch bei der Frage, inwieweit die von oben verbreiteten Informationen im konkreten Fall bewusste oder unbewusste Fakes sind, müssen wir im Spekulativen bleiben. Dadurch ist uns nie wirklich klar, was in den Mitmenschen, den Mitbeeinflussten, vorgeht. Um politisch erfolgreich zu sein – in diesem Fall meint Erfolg nicht mehr und nicht weniger als den Weltkrieg zu verhindern –, ist diese Frage enorm wichtig. Halten die Zeitgenossen für wahr, was man ihnen zu glauben vorschlägt? Glauben sie überhaupt oder denken sie lieber? Haben sie angesichts der Vielzahl von absurden Behauptungen, die Medienschaffende – die sich für Journalisten halten – und Parlamentsabgeordnete – die sich für Politiker halten – beweislos als Wahrheiten kolportieren, nicht vielmehr schon resigniert? Würden sie sich im Ernstfall vor deren Karren spannen lassen? Was bedeutet das Verhalten von Propagandaopfern für unsere persönliche Sicherheit? Gewiss scheint nur, dass die Herrschenden äußerst unsicher sind, was die Gefolgschaft angeht. Sonst würde das, was zu demokratischen Zeiten „argumentativer Diskurs“ hieß, nicht mit dem Volksverhetzungsparagrafen verfolgt.

Man ist geneigt, Parallelen in unseligen Zeiten zu suchen, um Folgen der Verhetzung von oben vorherahnen und ihnen möglichst frühzeitig begegnen zu können. Überspringen wir dabei den deutschen Faschismus und seine Art der Meinungsmache und schauen wir noch einen Krieg weiter zurück. „Die letzten Tage der Menschheit“ sollte ich einmal lesen, wenn ich sehen wolle, wie frappierend ähnlich die Art der Argumentation in Kriegszeiten immer wieder ist, meinte ein Freund und Genosse in einer der erwähnten Diskussionen. Ein 1918 veröffentlichtes Drama des Österreichers Karl Kraus, dem der Autor zur Erklärung (und weil er ahnte, dass irgendwann nicht mehr geglaubt würde, was zwischen 1914 und 1918 die einen Menschen sagten und die anderen erlebten) voranstellte: „Die unwahrscheinlichsten Taten, die hier gemeldet werden, sind wirklich geschehen (…) Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen worden.“

In der Tat: Immer ist es der Gegner, dem die Munition ausgeht. Schwere Niederlagen und Millionenverluste erleiden Russen, Franzosen, Engländer, während die Wiener und Berliner Zeitungsjungen „Sieg über Sieg“ für die eigenen Truppen ausrufen. „In Frankreich gibt es Gefängnisstrafen für die Verbreitung der Wahrheit“, darf man sich empören, wie etwa über die eigene Wahrheit, dass die vom deutschen Militär bombardierte Kathedrale von Reims in Wirklichkeit ein militärischer Stützpunkt gewesen sei. „Es gilt zu siegen!“, lautet indes die Losung, denn es ist natürlich ein mutwillig heraufbeschworener Verteidigungskrieg, den man auszufechten hat. Und wie immer gibt es solche, die weich werden oder ausscheren, so wie heute hundertfünfzig UN-Mitgliedstaaten die Sanktionen gegen Russland nicht mittragen – die Italiener. Und so wie hierzulande der Eis-Snack „Moskauer Art“ heute „Kiewer Art“ heißt und in Spanien der „Ensalada Rusa“ (Kartoffelsalat) da und dort nicht mehr unter diesem Namen verkauft wird, so heißen Makkaroni in Wien 1918 kurzerhand Treubruchnudeln.

Überhaupt heißt es sich gegen üble gegnerische Propaganda zu wehren, die kommt, da der Feind „uns auf dem Felde nicht besiegen“ kann. Man hätte gern für Satire gehalten, was Kraus zitiert: Es wurde „Befehl gegeben, Kriegsgefangene (…) niederzumachen und Verwundete zu erschießen, wie die Lügenpropaganda unserer Feinde behauptet“. Wer anderes als die eigene Sicht verbreitet, ist des Teufels, dem Wahnsinn verfallen oder Agent des Feindes. In den „letzten Tagen der Menschheit“ tritt auch ein Irrsinniger vor einer Ärzteversammlung auf, der Verhandlungen befürwortet. Wer trotz der unweigerlich bevorstehenden Siegesfeiern solchen Defätismus von sich gebe, was soll der sein als wahnsinnig? Oder wenigstens doch „von der Entente bezahlt“. Ja, denn der Wahrheit verpflichtet sind gewiss allein die Gottesfürchtigen, und „Gottes Ebenbild ist nur der Deutsche“, weshalb – egal, was passiert – „Gott mit uns“ ist. Nicht an der Front mittun zu können beim Massenmorden ist demnach nicht Glück, sondern eine Zumutung, findet ein Händler: „Für das Opfer, für das Vaterland kein Opfer bringen zu können, müssen einen die geschäftlichen Erfolge entschädigen.“ Wie auf die Übergewinnsteuer antwortet der andere: „Die Kriegsgewinnsteuer! Das vergessen die Leute immer.“

Fast nicht zu glauben ist diese „Qualität“ von Sätzen deutscher oder österreichisch-ungarischer Politiker und Militärs, die Kraus auffing und niederschrieb – und die eins zu eins von Steinmeier, Hofreiter, Strack-Zimmermann, Baerbock, Merz, Klingbeil oder der „Tagesschau“-Redaktion sein könnten. Gerade so, als wollten sie Franz Grillparzer zitieren, einen anderen und noch älteren Österreicher: „Der Weg der neuern Bildung geht von Humanität durch Nationalität zur Bestialität.“ Sie werden aufschreien, denn wie bei Karl Kraus‘ „letzten Tagen“ sind die heutigen Entscheidungsträger doch Ehrenhafte, die „den Krieg so wenig wollten wie Wilhelm II., ihn aber zum Leidwesen der Völker nach Kräften beförderten“. Heute ist „Wilhelm II.“ die „NATO“, und alle sind Demokraten.

Karl Kraus fand, mehr als ein Nestbeschmutzer sei er ein Vogel, der sein Nest schmutzig findet und es reinigen möchte. Dass angesichts der knappen Ressourcen ein Kretschmann heute exakt wie die Oberen damals mahnt, „Gut ist, wenig Seife gebrauchen“ – es konnte den Nestreiniger Kraus nicht besser bestätigen.


Karl Kraus
Die letzten Tage der Menschheit
Suhrkamp Verlag, 284 Seiten,
10 Euro
Erhältlich im UZ-Shop


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"Wenig Seife gebrauchen", UZ vom 16. Dezember 2022



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