In immer mehr Ländern Europas geht die Jugend auf die Barrikaden

Wer nichts zu verlieren hat

Albanien, Belgien, Britannien, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Niederlande, Österreich, Spanien, Portugal: Europas Jugend steht auf, in immer mehr Ländern. Sie malt Plakate, organisiert Demonstrationen, bestreikt Schulen und Universitäten. Sie leidet unter ganz ähnlichen Problemen: kaputtgesparte Bildungsstätten, Wohnungsnot, hohe Lebenshaltungskosten. Sie kritisiert explodierende Rüstungsausgaben, für die sie zur Kasse gebeten wird. Sie wehrt sich gegen reaktionär-militaristischen Staatsumbau und Polizeigewalt. Und lacht über die vorgebliche Alternativlosigkeit, mit der Regierungen jeden neuen Angriff auf sie „begründen“.

Ein Vorreiter dieser Jugendbewegung sind die Schulstreiks gegen Wehrpflicht in Deutschland, die im Dezember vergangenen Jahres begannen. Politische Jugendorganisationen in Europa spitzten die Ohren, beobachteten die Streiks und tauschten sich mit Aktiven aus. Zum Fanal gerieten die spontan entstandenen Streiks an Gymnasien in Frankreich. Die Bilder brutaler Polizeigewalt gegen Schülerinnen und Schüler, die für akzeptable Lernbedingungen eintreten, gingen um die Welt.

Das französische Beispiel inspiriert. In den Forderungen der dortigen Gymnasiasten finden Mitschüler aus anderen Ländern ihre eigenen Inte­ressen wieder. Die Schüler-und-Studenten-Bewegung hat dort innerhalb weniger Wochen ein Mobilisierungspotential gezeigt, das Vergleiche mit dem Mai 1968 in Paris befeuert. In Frankreich funktioniert, was in anderen europäischen Ländern noch ausbaufähig ist: die „convergence des luttes“, das Zusammenführen unterschiedlicher sozialer Kämpfe. Nicht nur Schüler und Studenten, auch Beschäftigte, Bauern, Arbeitssuchende und Rentner pfeifen auf dem letzten Loch. Sie alle und ihre Verbände haben erkannt, dass ihre Probleme auf dieselbe Ursache zurückzuführen sind. Das verleiht der Bewegung den Schwung, der notwendig ist, will sie konkrete Erfolge erkämpfen.

Frankreich dient aber auch der Gegenseite als Labor. Die dortige Polizei gilt als Weltspitze in Sachen Aufstandsbekämpfung und nutzt militärische Waffen. Die Regierung kriminalisiert die Bewegung. Deren berechtigte Forderungen möchte sie vergessen machen, indem sie rassistisch ablenkt, von „gewaltbereiten Migranten“ krakeelt und Schritte unternimmt, um linke Kräfte zu diskreditieren und kalt zu stellen. Berichte über Polizisten als Agents provocateurs häufen sich. Die Regierung soll gar den Geheimdienst dazu angehalten haben, die Partei La France insoumise zum Rädelsführer der Proteste umzulügen.

In Deutschland ruft ein Bündnis namens „Gen Z regelt“ zu Protesten am Samstag in 23 Städten auf. Wer sich dahinter verbirgt, ist unklar. Die Website stammt von einer Schweizer Agentur, das Impressum benennt einen Akram Selo als Verantwortlichen. Ein Gianni Matheja, der sich auf Instagram als Sprecher von „Gen Z regelt“ darstellte, erklärte am Sonntag, seine Funktion niedergelegt zu haben. Die Schulstreikkomitees sind skeptisch. Man stehe zwar inhaltlich hinter den Forderungen von „Gen Z regelt“, sagt etwa Golo Kirsch, Sprecher des Kieler Schulstreikkomitees. Zum Protest am 31. Oktober rufe man jedoch nicht auf. „Wir streiken am 20. November“, bekräftigt Kirsch. Es ist der fünfte Schulstreik gegen die Wehrpflicht – und der erste europaweite Aktionstag.

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"Wer nichts zu verlieren hat", UZ vom 30. Oktober 2026



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