Marco Tschirpke muss keine Dresche fürchten

Wörter an ihrem Platz

An eine junge Aktivistin

Wenn ich mir was wünschen dürfte
Hättest du die Demos satt
Und erfreutest dich der Wirkung
Die ein Generalstreik hat.

Demonstrieren ist wie meckern
Ruht indes die Produktion
Steht auf einen Schlag der ganze
Apparat zur Diskussion.

Nenn mich einen Bolschewisten,
Nenne mich gar schizophren:
Komm und lass uns planwirtschaften
Oder planlos untergehn.

Marco Tschirpke

„Was leset ihr, mein Prinz“, fragt Polonius, und Hamlet antwortet: „Worte, Worte, Worte.“ Das hamletische Gefühl stellt sich ein, wenn die Wörter in Unordnung sind, wenn ihre Bedeutung verschwimmt und sie, aneinandergereiht sich weigern, einen nachvollziehbaren Sinn zu ergeben. Wenn man den Kommentator in der Heimatzeitung schon am Morgen dabei ertappt, dass er einen Verhau vor der Wirklichkeit aufbaut, statt sie durch Information durchschaubar zu machen. Das ist keine neue Erscheinung, in Texten werden Interessen vertreten, und eben eher die Interessen der Herrschenden als die der Lesenden.

Und dann gibt es die Texte, in denen die Wörter schlank und blank an dem Platz stehen, an dem kein anderes stehen dürfte, und keins zu viel. Das ist die Arbeit der Dichter (m/w/d), denn zu dichten heißt, Sprache zu ver-dichten, bis dahin, dass den Lesenden die Zeilen zwischen den Zeilen verständlich werden. Denn Erkenntnisgewinn und Genuss der Form, das ist der Sinn der Dichtkunst.

Marco Tschirpke kann das. Dass der Poet und sein Verlag mit dem Begriff „Kleinkünstler“ schäkern, ist wohl eher Stilmittel und verkaufsfördernde Untertreibung. Das Bändchen politischer Lyrik mit dem limitierenden Titel „Dichten, bis ich Dresche kriege“ besteht neben dem Werk von Peter Rühmkorf, Peter Maiwald oder Robert Gernhardt, Dichtern, die auf eine Pointe hin schreiben konnten, ohne im Sumpf der Plattheit einzusinken. Geschult hat sich Tschirpke am analytischen Blick Peter Hacks‘ und dessen Reimkunst, die einzelnen Verszeilen sind verzapft und nicht verschraubt, die Lücken zwischen den Wörtern verfugt – sauberes Handwerk. Das Konkrete und das Allgemeine sind in den Gedichten verbunden, ob im Zweizeiler oder der Ballade. ­Tschirpke reflektiert seine Jugend in einem vernünftiger gestalteten Staatswesen, er zeigt uns den Komponisten Georg Friedrich Händel als einen Mann von robustem Erwerbssinn, Kulinarisches kommt vor und der Grund, warum es die DDR nicht mehr gibt, und die acht Zeilen über das Grundgesetz des Freien Marktes ersetzen Bibliotheken von Fachliteratur zur Ökonomie des Kapitalismus. Er reflektiert über die „Neue Seidenstraße“ und darüber, wie aus Olaf Scholz der werden konnte, der er geworden ist, und über die Fährnisse der Zweisamkeit und das Glück, einem kleinen Menschlein beim Aufblühen zuzugucken. Und er schwebt nicht über den Verhältnissen, sondern ist parteilich, ein „sicherer Mann“ in dem Sinne, in dem André Müller seinerzeit dem Hacks den Ronald Schernikau empfahl.

Die in dem Bändchen versammelten Gedichte sind zum Teil schon früher in der Zeitschrift „konkret“, dem ideellen Lehrerzimmer der westdeutschen Linken, veröffentlicht worden. Letzterer verpasst Tschirpke quasi im Vorübergehen einen linken Haken, indem er sie darüber aufklärt, dass es nicht genügen kann, die Verhältnisse nur zu kritisieren.

Der Mann soll weiter dichten, und von wem auch immer die Dresche zu erwarten ist, von der er das Ende seines Dichtens befürchtet, ich erkläre mich auf Zuruf bereit, mich zu seinem Schutz im Halbkreis vor ihm aufzubauen. Ein kleiner Dank für das Vergnügen, das er mir bereitet hat, und ich bin sicher, dass weitere Leserinnen und Leser sich dazugesellen würden.


Marco Tschirpke
Dichten, bis ich Dresche kriege.
Politische Lyrik

Eulenspiegel Verlag, 96 S., 15,- Euro
Erhältlich unter uzshop.de
Auf der Webseite marco-tschirpke.de gewinnt man einen Eindruck von den Fähigkeiten des Dichters als Tonsetzer.


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"Wörter an ihrem Platz", UZ vom 18. November 2022



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