Der deutsche Soziologe Jürgen Mackert und der israelische Historiker Ilan Pappe haben im vergangenen Jahr einen Sammelband mit dem Titel „Siedlerkolonialismus. Grundlagentexte des Paradigmas und aktuelle Analysen“ herausgegeben. Dieser umfasst neben einer hochpolitischen Einführung 14 Aufsätze, die sowohl theoretische Grundlagen als auch aktuelle Analysen und Studien umfassen. Zu Wort kommen u. a. die „Väter“ der Settler Colonial Studies, Patrick Wolfe und Lorenzo Veracini, sowie der ugandische Intellektuelle Mahmood Mamdani (dessen Sohn seit diesem Jahr Bürgermeister von New York City ist), der australische Historiker Dirk Moses und der deutsche Afrika-Historiker Jürgen Zimmerer. Die Fallbeispiele betreffen u. a. Palästina, Südafrika, Kanada, die USA und den Siedlungs- und Vernichtungskrieg der Nazis in Osteuropa.
Insgesamt liegt der Schwerpunkt der Aufsätze klar auf Palästina, der nach der Befreiung Südafrikas vom Apartheid-Regime letzten Siedlerkolonie, in der noch immer ein Befreiungskampf mit realistischer Perspektive geführt wird. Während die verschiedenen Fraktionen des palästinensischen Widerstands und große Teile der weltweiten Solidaritätsbewegung das Konzept des Siedlerkolonialismus längst übernommen haben, tut sich die internationale kommunistische Bewegung noch schwer damit. Das liegt wohl auch daran, dass die Erkenntnis, dass es in Palästina nicht um einen Konflikt zwischen zwei Nationen geht, sondern um einen Kampf zwischen Indigenen und europäischen Kolonialsiedlern, auch die Positionen hinterfragt, die das sozialistische Lager und die kommunistische Bewegung seit 1947 eingenommen haben – vom UN-Teilungsplan, den die Sowjetunion und die Volksrepubliken Osteuropas unterstützt haben, bis hin zur sogenannten Zweistaatenlösung, an der weite Teile der Bewegung bis heute offiziell festhalten. Der Analyse-Rahmen des Siedlerkolonialismus hilft, zu verstehen, wieso diese Lösungsversuche nicht funktioniert haben und nicht funktionieren konnten.
Allein das Vorwort der beiden Herausgeber ist in seiner Klarheit (im Marxschen Sinne des Wortes) „radikaler“ als so manche Rede auf einer deutschen Palästina-Demonstration: Mackert und Pappe benennen sowohl Israel als ein strukturell eliminatorisches siedlerkoloniales Projekt, als auch den Vernichtungskrieg im Gaza-Streifen als Genozid. Es wurden in der BRD Menschen schon wegen weniger vor Gericht gestellt, von Medien zerrissen oder aus ihren Jobs gedrängt. Umso begrüßenswerter ist es, dass der Nomen-Verlag die Wissenschafts- und Meinungsfreiheit offenbar ernst genug nimmt, dieses Buch zu verlegen, das ein intellektueller Angriff auf die „deutsche Staatsräson“ ist.
Allerdings liegt der Mehrwert des Buchs weniger in seiner zweifelhaften Bedeutung für das deutsche Bildungsbürgertum als viel mehr für jene Teile der Gesellschaft, die gerade keine hunderten Seiten auf Englisch lesen können, aber politisch etwas gegen Imperialismus, Krieg und Genozid tun wollen. Bedauerlich ist mit Blick auf diese Leserschaft allerdings, dass auch längere englische Zitate nicht übersetzt wurden. Ein klarer Kritikpunkt ist zudem der hohe Preis. Beides steht dem von den Herausgebern gesteckten Ziel im Weg, das Thema einem breiteren deutschsprachigen Publikum zugänglich zu machen.
Jürgen Mackert, Ilan Pappe (Hrsgb.)
Siedlerkolonialismus. Grundlagentexte des Paradigmas und aktuelle Analysen
Nomos-Verlag Baden-Baden 2024, 489 Seiten, 119 Euro









