Raffael war einer der großen Künstler der Renaissance

Zeit der Riesen

Der italienische Maler und Architekt Raffaello Sanzio da Urbino, bekannt unter dem Kurznamen Raffael, starb vor 500 Jahren, am 6. April 1520. Er lebte in der Zeit der Hochrenaissance, einer der fortschrittlichsten Perioden der Geschichte – wie Friedrich Engels in seiner „Dialektik der Natur“ schrieb: „Es war die größte progressive Umwälzung, die die Menschheit bis dahin erlebt hatte, eine Zeit, die Riesen brauchte und Riesen zeugte, Riesen an Denkkraft, Leidenschaft und Charakter, an Vielseitigkeit und Gelehrsamkeit.“ Die Hochrenaissance 1500 bis 1530 war ein Höhepunkt für die bildenden Künste. Selbst in den Wirren der italienischen Kriege von 1494 bis 1559 verlor die Kunst nicht an Bedeutung. Florenz, die Kulturmetropole der Medici ab 1450, wurde erst im 16. Jahrhundert von Rom abgelöst. Als die Kunst der Renaissance ihren Höhepunkt erreichte, begann der wirtschaftliche Niedergang Italiens. Das Bürgertum zog sich in das Bankwesen und den Wucher zurück, investierte sein Kapital in Land. Dies führte schließlich zu einer Wiederbelebung feudaler Verhältnisse in Italien und der entstehende Absolutismus löste die Zeit der Stadt-Republiken ab.

Die fortschrittlichen Denker und Künstler des 16. Jahrhunderts blieben jedoch alle der Verteidigung des Volkes verpflichtet. Ihre Werke erschienen in der Volkssprache und betonten nationale und demokratische Ideale. Dies machte die italienische Hochrenaissance zu einem bedeutenden und beispiellosen Ereignis.
Raffael wurde 1483 in Urbino geboren. Mit 17 Jahren begann er seine Lehre in der Werkstatt von Perugino, einem bekannten Maler seiner Zeit. Hier lernte er erstmals, psychologischer Feinheit Ausdruck zu verleihen, die mit der Entdeckung der Menschen als diesseitige Individuen durch die Renaissance entsteht.

Von 1504 bis 1508 arbeitete Raffael in Florenz. Als Raffaels Ruhm sich ausbreitete, rief ihn Papst Julius II. nach Rom. Michelangelo malte zu dieser Zeit die Decke der Sixtinischen Kapelle und Leonardo war auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Leonardo und Michelangelo hatten die Anatomie des menschlichen Körpers und seine Bewegungen studiert, was ihre Kompositionen aus der Aktion und Interaktion von lebenden Körpern und bewegten Gesichtern informierte.

So ging Raffael also nach Rom auf Geheiß von Julius II., genannt „il papa terribile“. Während der Renaissance waren die Päpste nicht nur kirchliche Führer, sondern auch Fürsten römischer Territorien. Julius nahm persönlich an Feldzügen teil und erklärte, dass er den Geruch von Schießpulver dem von Weihrauch vorzog. Darüber hinaus versuchte er, prachtvolle Gebäude zu errichten, als Zeugnis seiner Macht und der Kirche. 1509 beauftragte er Raffael, einige Räume des Vatikans mit monumentalen Fresken an Decken und Wänden zu dekorieren. Am berühmtesten wurde die „Stanza della segnatura“.

Die Schule von Athen

Das berühmte Fresko „Schule von Athen“ ist in einer großen architektonischen Illusion angesiedelt und stellt eine ganz und gar männliche Antike dar. Obwohl es sich um ein Auftragswerk des Papstes handelt, gibt es keine modernen, christlichen Denker. Viele der Figuren, die verschiedenen Zeitaltern angehörten, werden zusammen als Teil der Athener Schule gezeigt. Die beiden Hauptfiguren des Werkes, die im Fluchtpunkt des Freskos zentriert sind, stellen zwei Schulen dar: Platon, dem Raffael die Gesichtszüge Leonardos gibt, weist nach oben in den Bereich der Ideen, sein Schüler Aristoteles zeigt auf irdische, körperliche Erfahrung. Beide Philosophen halten ihr Buch in Händen, das ihr Denken repräsentiert: Platon den „Timaios“, Aristoteles seine „Ethik“, beides im modernen Einband der Zeit Raffaels. Ihre Kleidung unterstreicht ihre Position: Platon ist in die Farben von Luft und Feuer gekleidet, Aristoteles in die von Erde und Wasser. Das Gemälde teilt sich entlang dieser Linien in zwei Hälften. Philosophen, Dichter und Denker auf der Seite Platons, Physiker, Wissenschaftler und empirische Denker versammeln sich auf der Seite von Aristoteles.

Auf der linken Seite sieht man neben Platon den griechischen Philosophen Sokrates mit seiner markanten Nase im Gespräch mit den Athenern. Sokrates hat sein philosophisches Denken bekanntlich im Dialog mit anderen entwickelt. Er war Platons Lehrer. Alexander der Große, König von Mazedonien und Schüler von Aristoteles, wird gezeigt, wie er Sokrates aufmerksam zuhört, der die Argumente an seinen Fingern aufzählt. Im Vordergrund sitzt Pythagoras, der vor Sokrates lebte, mit einem Buch und einem Tintenfass, umgeben von Schülern. Epikur hingegen, der später lebte, ist der mollige Mann mit einer Krone aus Weinblättern. Er lehrte, dass das Glück im Vergnügen liegt, das aus der Freiheit von Angst und Schmerz hervorgeht.

Diogenes, der Zyniker, der von der Nächstenliebe lebte, liegt glücklich auf den Stufen mit seiner Trinkschale, wobei sein Körper auf die aristotelische Seite des Bildes weist. Rechts vorne erscheint Euklid, der die Gesetze der Geometrie mit einem Kompass erklärt. Er demonstriert die Messbarkeit konkreter Dinge; darum ist er auf Aristoteles Seite dargestellt. Sein Gesicht ist dem großen Architekten Bramante, einem Freund Raffaels, nachempfunden. Bramantes Entwurf des Petersdoms basiert auf einem geometrischen Muster aus Kreisen und Quadraten. Raffael wurde nach Bramantes Tod 1514 mit der Fertigstellung dieses Gebäudes betraut, dem größten westlichen kirchlichen Bauprojekt. Interessanterweise gestattete der Papst deutschen Dominikanern den Ablasshandel, um zu seiner Finanzierung beizutragen, was wiederum entscheidend zur Reformation von 1517 beitrug.
Auch die klassischen Statuen auf beiden Seiten des Bildes verstärken die beiden Philosophien. Auf Platons Seite haben wir Apollon, den Gott der Sonne, der Poesie und der Musik; Athene auf Aristoteles’ Seite ist die Göttin der Weisheit, der Medizin, des Handels, des Handwerks, der Künste im Allgemeinen und später des Krieges – eher irdische Anliegen.

Der Vordergrund ist weniger bevölkert als der Rest des Gemäldes und macht Platz für die beiden Philosophen. Zwei Figuren sind hier jedoch isoliert platziert, Diogenes und Heraklit, letzterer der erste große europäische Dialektiker in der Kleidung eines Steinmetzes. Raffael scheint ihm die Züge Michelangelos verliehen zu haben.

Der große Mathematiker und Astronom Ptolemäus im gelben Gewand hält einen Globus in der Hand. Ihm gegenüber steht der Perser Zarathustra mit einer Himmelskugel. Der junge Mann, der zwischen diesen Wissenschaftlern steht und als einzige Figur den Betrachter direkt anschaut, ist Raffael selbst. Dieses Selbstporträt in ein Werk von solcher Geistesgeschichte einzubauen, war für den Künstler eine selbstbewusste Haltung. Sich selbst und die Porträts einiger seiner zeitgenössischen Künstler in diesem Fresko zusammen mit den größten Denkern der europäischen Geschichte einzureihen, unerstreicht die Bedeutung der Kunst in der Hochrenaissance.

Die Sixtinische Madonna

Die Sixtinische Madonna

Raffael ist einer der großen Entdecker des Weiblichen in der Malerei. Seine lebenslange Beschäftigung mit der Madonna führte ihn zum Thema menschlicher Mutterliebe, man könnte sogar sagen, dass die alten Mutterkulte in diesem Thema weiterleben. Um 1512/1513 schuf er seine drei großen Marienaltäre, darunter die „Sixtinische Madonna“. Neben den Fresken des Vatikans gilt die „Sixtinische Madonna“ (1512/1513) als Hauptwerk Raffaels. In diesem Werk setzt Raffael seine Bemühungen fort, Maria mütterlicher und menschlicher erscheinen zu lassen. Als Vorbild wird Margherita Luti, Tochter eines römischen Bäckers, angenommen. Margherita war in den letzten zwölf Jahren seines Lebens die Geliebte Raffaels.

Ihre Person drückt eine Tiefe aus, die in keiner anderen Madonna Raffaels zu finden ist. Sie kommt barfuß und trägt ihr Kind wie eine Bäuerin. Ihr linker und sein rechter Arm sowie ihr fließender Schleier bilden einen Schutzkreis um das Kind. Der ängstliche Gesichtsausdruck der Mutter wird vom Kind aufgegriffen, das sich an sie schmiegt. Es ist eine zutiefst menschliche und diesseitige Darstellung. Die beiden Engel am unteren Bildrand scheinen den himmlischen Heerscharen im Hintergrund entkommen zu sein, sehen aber auch überaus menschlich aus. Die sehr originelle Schar geisterhafter Engelsgesichter, die den Hintergrund bevölkern, tragen zum Vorwärtsdrang der Madonna bei, die direkt aus dem Bild herauszugehen scheint.

Raffael starb an seinem Geburtstag im Alter von nur 37 Jahren am 6. April 1520 nach acht Tagen Krankheit an einer Lungenentzündung und wurde am folgenden Tag im Pantheon begraben.

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"Zeit der Riesen", UZ vom 10. April 2020



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