Zu fehlenden Ausbildungsplätzen

Zukunft statt Profite

Die Anzahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge liegt bei weniger als 500.000 – und damit so niedrig wie seit 30 Jahren nicht. Dies ist nicht in erster Linie eine Folge der Corona-Pandemie, sondern eine Folge der stärksten Wirtschaftskrise seit dem zweiten Weltkrieg. Einen Rückgang gab es auch in der Wirtschaftskrise 2007/2008. Danach hat die Anzahl der Ausbildungsplätze das Vorkrisenniveau nicht mehr erreicht. Im Vergleich zu Kündigungen müssen Großkonzerne beim Abbau von Ausbildungsplätzen weniger Gegenwehr befürchten – und sie nutzen diesen „Vorteil“.

Vertreter aus Kapitalistenverbänden und Politik behaupten, dass real keine Ausbildungsplätze fehlten, da beispielsweise in der Gastronomie, im Reinigungsgewerbe und im Handwerk Stellen unbesetzt blieben. Das ist blanker Hohn, denn gerade diese Branchen glänzen mit einer Ausbildungsvergütung, die nicht zum Leben reicht. Ausbildungsfremde Tätigkeiten und Überstunden sind dort normal. Das sind Ergebnisse des DGB-Ausbildungsreports.

Der DGB fordert staatliche Prämien für ausbildende Betriebe. Sie hätten zur Folge, dass sich auch Kleinbetriebe, die keine Kapazitäten für eine ausreichende Ausbildungsqualität haben, die Prämien einsacken, und dass noch mehr Steuergelder im Schlund der Großkonzerne verschwinden. Zweitens fordert der DGB die Übernahme des österreichischen Modells. Jugendliche, die im Nachbarland keinen Ausbildungsplatz finden, kriegen einen in einer außerbetrieblichen Ausbildungsstätte. Soll unsere Ausbildung mit den von den Werktätigen gezahlten Steuern finanziert werden? An wen richtet sich in diesem Fall die Forderung nach Übernahme? Wie sieht es mit der Ausbildungsqualität aus? Und wie mit der gewerkschaftlichen Organisation?

Die Frage, wie viele Jugendliche eine Ausbildung machen können, kann nur beantwortet werden, wenn sie zum Gegenstand von Tarifauseinandersetzungen wird. Sie muss als Angelegenheit der gesamten Belegschaft erkannt werden. Beispiele sind die Tarifrunde bei VW oder die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), die in den letzten Monaten für bessere Arbeits- und Ausbildungsbedingungen gekämpft hat. Solche Ansätze müssen kämpferische Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter verfolgen und dazu die Kampffähigkeit in den Betrieben erhöhen. Die Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich bietet einen Weg aus der Defensive und erhöht den Druck auf die Konzerne, mehr auszubilden.

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"Zukunft statt Profite", UZ vom 14. Mai 2021



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