Dem Liedermacher Hannes Wader zum 80. Geburtstag

Auf dem Poetenweg durch die Zeit

Das konnte Hannes schon immer: Anekdotisches in die Zeit binden. Da lesen wir zu Beginn seiner Autobiografie „Trotz alledem“, wie er am 23. Juni 1942 auf der Geburtsstation dem diensthabenden Arzt ins Gesicht schifft. Und nur dreizehn Druckzeilen nach jenem fröhlichen Lebensauftakt beschreibt er sich in das Jahr der Wannseekonferenz hineingeboren, diesem bürokratischen Auftakt zur Tötung von Millionen jüdischer Menschen. Auf die Welt gekommen in einem Land der Schlächter, aufgewachsen im Ländlich-Beschaulichen am Nordhang des Teutoburger Waldes und doch umgeben von konsumbeseelter westdeutscher Schuldverdrängung, mit alten Nazis an den Nachkriegshebeln von Wirtschaft und Politik, einem Gesellschaftsmief, den die 68er auslüften wollten, setzt er nun, sein bisheriges Leben überschauend, diese Klammer um die Bewusstwerdung von Geschichte.

Kindheitsort und Metapher

Hannes‘ Elternhaus stand im Poetenweg seiner Heimatgemeinde. Als er hinauszog, blieb „Poetenweg“ eine gute Metapher für die kommenden Lebensrouten. Da war die ererbte einfache Freude an der Musik. Irgendwann kamen Lust und Raum dazu, sich mit den politischen und sozialen Verhältnissen auseinanderzusetzen, sich für den Drang zu künstlerischer Äußerung Maßgaben zu bilden. Dabei waren Hannes Waders Wege keine geraden Strecken. Sie mäanderten. Er probierte viel aus, lehnte sich an wahre Freunde und verzweifelte an falschen, sang groschenzählend für Hut-Gage auf der Straße und teilte später die Bühnen mit den Großen seiner Zunft. Er ging durch Täler beruflicher und privater Enttäuschungen, hatte Schulden am Hals und die übliche berufliche Ausgrenzung, sobald er sich bei den Kommunisten engagierte. Währenddessen schuf und sang er Lieder von bleibender Geltung.

In der DDR kannten ihn die Song-Affinen aus seinen von Hand zu Hand wandernden Platten, durch Sendungen von DT64, in denen auch sein Engagement in der westdeutschen Friedensbewegung aufschien. Live erlebten wir ihn bei Festivals des politischen Liedes. Oder zum Internationalen Friedenskonzert, das die FDJ im Juni 1988 in Berlin-Weißensee veranstaltete, an der Seite von Brian Adams, bots, City oder Heinz Rudolf Kunze. Als zu jener Zeit Bauarbeiter bei frühem Schichtbeginn im Hotel „Stadt Berlin“ dem nach musikalischer Knochenarbeit ausschlafenden Barden Bohrstaub ins Gesicht rieseln ließen, erklärte der sich das augenzwinkernd mit ungeniertem Selbstbewusstsein der hier führenden Klasse. Na ja: Anekdotisches in die Zeit binden!

Gültige Ermutigungen

Zur Vorbereitung jenes Juni-Konzerts hatte ich Hannes Wader in seiner Struckumer Mühle besucht. Er richtete schnell ein Bett her und dann ging es zu später Stunde in die Kneipe, wo er den Einheimischen auf die nordfriesischen Schultern klopfte. Die waren, wie es schien, froh, dass nun endlich alle Vertrauten beisammen saßen. Hannes‘ Gesten der Ankunft deutete ich als ein Gefühl von Ruhe und Geborgenheit, das ihm wohl allemal nach rastlosem Herumziehen guttat. Eine Bescheidenheit und Einfachheit darin, wie sie auch seinen Bühnenauftritten eigen war. Damals schenkte er mir sein Liederbuch „Dass nichts bleibt wie es war“ und wieder las ich die von mir so geliebten Ermutigungen. Nach Hikmets Motiv: „Leben einzeln und frei/wie ein Baum/und dabei/brüderlich wie ein Wald – diese Sehnsucht ist alt./Sie gibt uns Halt/in unserem Kampf/gegen die Dummheit, den Hass, die Gewalt.“ Oder die Verse voll Freiligrathscher Beharrung: „Trotz Misstraun, Angst und alledem,/es kommt dazu trotz alledem,/dass sich die Furcht in Widerstand/verwandeln wird trotz alledem!“

Auch die nicht tümelnden Volkslieder, die Shanties und plattdeutschen Gesänge, die Arbeiterlieder, die Friedens- und Solidaritätssongs aus seinem Repertoire passierten Revue. Die meisten waren schon im Gedächtnis. Und dort stehen sie noch immer. Das markant Eigene in den größeren Reigen einer Weltmusik gestellt, wo die Widersprüche der Zeit, die kleinen Genüsse und die großen Sehnsüchte der „einfachen Leute“, ihre Kämpfe für Gerechtigkeit und humanen Fortschritt aufgehoben sind. Auch diese Facette künstlerischer Solidarität ist Hannes eigen: Lieder aus sinnesverwandten Federn behandelt er wie Eigenes. Er gibt ihnen seine Stimme, weil auch sie sein Denken erklären.

Bei seinen Liedvorträgen auf der Burg Waldeck lernte er Kollegen kennen, die Freunde wurden: Franz Josef Degenhardt, Dieter Süverkrüp oder Reinhard Mey. Die Festivals auf der Burg waren lockere, in demokratischer Liedkultur siedelnde Veranstaltungen, und er fühlte sich auf diesen Pfingstfeiern „der Atheisten, Nihilisten und Gammler“ („Rheinischer Merkur“) sehr wohl. In der Tradition des Folk- und Protestsongs, die bald in eine lauter werdende Friedensbewegung hineinragte, war die Hinterfragung der gesellschaftlichen Verhältnisse latent angelegt. Das brauchte Reifezeit.

Suche nach Festigkeit

Am 3. Juni 1967, einen Tag nach den tödlichen Schüssen auf Benno Ohnesorg, stand Hannes konsterniert am Tatort und erlebte, wie das von „Bild“ gezündete „gesunde Volksempfinden“ grassierte. Kein Taxifahrer wollte für den langhaarigen Gammler mit dem Gitarrenkoffer unterm Arm anhalten. Als dann die Kugeln Rudi Dutschke getroffen hatten, reihte sich der Liedersänger mit seiner Freundin in eine Anti-Springer-Demo ein. Über die Blessuren machte er seinen Vers: „Mir schlugen die Bullen vorm Springer-Hochhaus/Achtundsechzig in Berlin die Zähne aus/Aber Susanne – sie war damals mein Schatz – /Sie lieh mir das Geld für den Zahnersatz.“

Hannes räumt ein, dass er damals an der 68er-Bewegung nicht alles verstand. Aber gegen den amerikanischen Vietnamkrieg oder die „profaschistische Durchseuchung des Justizapparates“ (Wader) musste man sich vehement auflehnen. Im Hamburger Studentenspruch „Unter den Talaren – der Muff von tausend Jahren“ sah er ein wohl lange nachwirkendes Fanal von Zorn und Unrast. Die in jenen Talaren ertappte Justiz verdächtigte Hannes alsbald, die RAF unterstützt zu haben. Er wurde verhaftet und erfuhr, wie endlos ein solches Stigma alle längst erbrachten Unschuldsbeweise überlebte. Zivilfahrzeuge umrundeten noch lange seine Mühle.

Drinnen indes reifte Nachdenken. Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Veränderungen, schrieb Hannes später, hätte ihn sein Defizit an politischem Durchblick gequält. Er fühlte sich unsicher in seiner von ihm selbst so empfundenen „schwammig linken“ Gesinnung. Der Lektüre des „Kommunistischen Manifests“ folgten Hamburger Gespräche mit Genossen der Deutschen Kommunistischen Partei. Beeinflusst von Günter Amendt, den er auf einer Fete zu Udo Lindenbergs 30. Geburtstag kennenlernte, trat er 1977 in die DKP ein. Er beteiligte sich an ihren Aktionen, verteilte Flugblätter vor bestreikten Betrieben, verkaufte die Parteizeitung „Unsere Zeit“ und trat auf deren fulminanten Pressefesten auf. Er engagierte sich auch beim Zusammenschluss „Künstler für den Frieden“, sang auf der großen Friedens-Demo im Bonner Hofgarten im Oktober 1983 vor 500.000 Teilnehmern.

Aber Hannes bedrückten auch Vorgänge in der realsozialistischen Welt, die sich mit seinem Idealbild von der neuen Gesellschaft nicht in Einklang bringen ließen. Alle Hoffnungen, die Widersprüche würden sich im Vorwärtsgehen auflösen, waren mit dem Zerfall des sozialistischen Lagers in Europa obsolet. Seit 1991 parteilos, betonte er doch stets das Fortbestehen seiner sozialistischen Grundüberzeugung.

Maßstäbe für die deutsche Songkultur

Hannes‘ Weg habe ich als aufrichtige Suche nach Festigkeit in den Aufbrüchen und Brüchen der Zeit verstanden. Seine Hinwendung zur Heimat- und Naturliebe, die manche als Lust auf Abschied vom Politischen interpretierten, empfand ich als Erkenntnis, dass sich unsere so bedrohte menschliche Existenz samt allen Ismen an den noch intakten Strünken der natürlichen Umwelt festklammern muss. Hannes‘ Leben und sein Oeuvre, das für die deutsche Songkultur Maßstäbe setzte, sind nur als Ganzes zu denken. Heute sagt er: „Die alten Lieder selbst sind jung, dass ich in der Erinnerung/an ihnen, wenn ich alt bin, Rosen im Dezember habe.“ Nicht Eitelkeit, sondern ehrlich gespendete Anerkennung legt ihm eine solche Erwartung auf die Zunge. Es war schön zu hören, dass Hannes nach überwundener Krankheit die Gitarre erneut zur Hand genommen hat und an einem Spätsommerabend im vergangenen Jahr wieder ein Konzert gab, das – Kindheitsort und Metapher künstlerischer Lebensstationen – mit dem Titel „Poetenweg“ unter die Leute kam. Möge hinter der passablen 80, die jetzt zu feiern ist, dieser Weg noch einen weiten Horizont haben. Denn Arbeit genug ist übrig. Und schmerzhaft geprüfte Hoffnung will sich nicht verkrümeln, weil sie doch an dem Credo festhält: „Mit uns kämpft die Vernunft und die Zeit.“

Der Geburtstagsgruß von Hartmut König für Hannes Wader erschien zuerst in den „Mitteilungen“ der Kommunistischen Plattform der Partei „Die Linke“ (Heft 5/2022).


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"Auf dem Poetenweg durch die Zeit", UZ vom 17. Juni 2022



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