Kultur soll die Bomben auf Gaza feiern, wenn sie nicht als antisemitisch gelten will. Buchmesse sagt Preisverleihung für palästinensische Autorin ab

Beifall für den Massenmord

Die deutsche Staatsräson, die Israels massenhaften Mord an Palästinensern als „legitime Selbstverteidigung“ bezeichnet, dringt nicht so weit durch die Bevölkerung, wie sich Medien und Politik das vorstellen. Da wagen es doch trotz Verboten und Repressionen immer noch Menschen, für ein Ende der Blockade und Bombardierung Gazas zu demonstrieren, tragen immer noch einige Palästinensertücher und wagen es immer noch, nach dem Völkerrecht zu fragen. Das, so Medien und Politik, kann natürlich nur am weit verbreiteten Antisemitismus liegen, der natürlich heute kein deutscher mehr ist, sondern ein immigrierter.

Nicht ganz neu ausgemacht als Hort des Antisemitismus: die Kulturlandschaft in Deutschland. Warum, so fragt sich unter anderem der „Deutschlandfunk“ besorgt, gibt es keinen proisraelischen Aufschrei in der deutschen Kulturszene? So gibt sich zum Beispiel Stella Leder vom „Institut für Neue Soziale Plastik“, das laut Eigenwerbung Antisemitismus im Kulturbetrieb entgegentreten will, im „Deutschlandfunk“ besorgt darüber, dass es Künstler und Institutionen gebe, die „sich nie äußern, weil sie es nicht als ihre Aufgabe sehen“ und gleichzeitig – sehr zu Lederers Schrecken – Aktivisten, „für die die Solidarität mit den Palästinensern eine große Rolle spiele“. Sie kommt zu dem Schluss: „Anscheinend fehlt die Empathie, wenn Israelis oder Juden ermordet werden“. Schuld daran ist laut mehreren Beiträgen übrigens unter anderem die „documenta 15“.

Sie soll den Antisemitismus in der deutschen Kunstszene wieder salonfähig gemacht haben.

Es ist schon eine besondere Form des Abkanzelns unliebsamer Meinungen (hierzulande gern von häufig nicht sehr sympathischen Figuren auch Cancel Culture genannt), die seit den Angriffen der Hamas und der Bombardierung und Aushungerung Gazas stattfindet. In Berliner Schulen wird das Palästinensertuch verboten, weil es für die Auslöschung Israels und damit für Antisemitismus stehe (die Ironie, dass Jassir Arafat so eines bei der Unterzeichnung der Osloer Verträge trug, entgeht natürlich der Berliner CDU-Bildungsministerin Katharina Günther-Wünsch). Künstlerinnen und Künstlern, die sich auch sonst nie zu Politik äußern, wird vorgeworfen, dass in diesem Fall ihrem Schweigen nicht etwa Prinzip, Desinteresse oder Unlust zugrunde liegen, sondern fehlende Empathie für getötete Juden und damit Antisemitismus.

Das Totschlagargument Antisemitismus hängt, dem berühmten Schwert über Damokles’ Kopf gleich, inzwischen nicht mehr nur über Linken, sondern über allen: Wehe, du bist nicht solidarisch mit einem Land, das Krieg führt. Nachdem wir bis zum 7. Oktober alle Ukrainerinnen und Ukrainer seien mussten, sind wir nun alle Israelis (ob man davon nun eine Identitätskrise bekommt oder nicht). Denn wer in dieser Situation kein Israeli ist, ist was Schlimmeres als ein Putin-Freund. Da macht es auch nichts, dass sich in Israel die Stimmen gegen die Bombardierung Gazas und gegen die Siedlungspolitik mehren. Sind wahrscheinlich auch alles Antisemiten.

Besondere Blüten dieses Abkanzelns brachte die Frankfurter Buchmesse hervor, die am vergangenen Sonntag zu Ende gegangen ist. Die Verleihung des LiBeraturpreises an die palästinensische Autorin Adana Shibli für den Roman „Eine Nebensache“ wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Preisverleiher äußern auf ihrer Webseite: „Aufgrund des durch die Hamas begonnenen Kriegs, unter dem Millionen Menschen in Israel und Palästina leiden, hat sich der Organisator Litprom e. V. entschlossen, die geplante Preisverleihung des LiBeraturpreises auf der Frankfurter Buchmesse abzusagen. Litprom sucht nach einem geeigneten Rahmen der Veranstaltung zu einem späteren Zeitpunkt. Die Preisvergabe an Adania Shibli stand zu keinem Zeitpunkt in Frage. Die in Teilen der Presse erhobenen Vorwürfe und Diffamierungen gegen die Autorin und den Roman weist Litprom entschieden und als inhaltlich nicht begründet zurück.“ Warum dann die Verschiebung? Weil es grade nicht in den Mainstream passt, eine Autorin und ihren Roman zu ehren, dessen Ausgangspunkt die Vergewaltigung und Ermordung eines Beduinenmädchens durch israelische Soldaten ist?

Es scheint fast so, wenn man die Eröffnung der Buchmesse betrachtet. Gastland war in diesem Jahr Slowenien. Der Philosoph Slavoj Žižek eröffnete am Dienstag vergangener Woche als, wie etwa „Spiegel Online“ meint, „prominentester slowenischer Intellektueller“ die Buchmesse. In dieser Eröffnungsrede hat er – so könnte man meinen – alle erforderlichen Formeln eingehalten, sprach er doch vom „Terror der Hamas“, den er „verurteile“. Žižek betonte sogar, er billige das Recht des israelischen Staates auf einen militärischen Gegenschlag. Trotzdem verließ die Stadtobrigkeit Frankfurts empört den Raum, stürmte der hessische Antisemitismusbeauftragte noch empörter die Bühne. Denn Žižek hat darauf hingewiesen, dass man den Palästinensern zuhören müsse. Das war der Punkt, an dem die Empörung ausbrach. Und das ist auch der Grund, warum die Preisverleihung an Adania Shibli auf unbekannte Zeit verschoben wurde. Denn Palästinensern zuzuhören passt nicht in die deutsche Staatsräson. Sonst erfährt man noch von ihrem Leid.

Im Nachhinein werfen die empörten Mainstreammedien Žižek vor allem aber eine weitere Stelle seiner Eröffnungsrede vor: „Aber ich habe etwas Merkwürdiges festgestellt: Sobald man sagt, es ist notwendig, den komplexen Hintergrund zu analysieren, wird man verdächtigt, den Terror der Hamas zu unterstützen oder zu rechtfertigen.“ Es gebe kein Analyseverbot, schallt es aus dem aufgeregten Blätterwald. Nein, verboten ist es nicht, die Situation im Nahen Osten zu analysieren. Nur, wer auf die Situation der Palästinenser aufmerksam macht und ihre Rechte einfordert, wird als Antisemit verunglimpft. In der Hoffnung, kritische Stimmen an der Staatsräson so zum Schweigen zu bringen.

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Über die Autorin

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Beifall für den Massenmord", UZ vom 27. Oktober 2023



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