Die Fragen nach Kolonialismus, Neokolonialismus, nach antikolonialen Befreiungsbewegungen, der nationalen Frage und der nach dem Verhältnis von Antikolonialismus und Antiimperialismus sind für Kommunisten entscheidende. Mit der Serie „Antikolonialismus gestern und heute“ geht UZ diesen Fragen nach. Zuletzt schrieb dazu Valentin Zill in der Ausgabe vom 1. Mai
In der Stadt Panama fand vom 22. Juni bis zum 15. Juli 1826 der „Congreso Anfictiónico“ statt. Dazu eingeladen hatte Simón Bolívar am 7. Dezember 1824 in Lima. Der große Befreier konnte selbst nicht an diesem „Kongress von Panama“ teilnehmen, da er sich noch in militärischer Mission in den Anden aufhielt. Das Ziel einer Vereinigung der schon weitgehend von der Spanischen Krone befreiten amerikanischen Gebiete wurde nicht erreicht – die politische Entwicklung in Amerika wäre anderenfalls völlig anders verlaufen.
Dass Bolívar die Tagung von Vertretern der ehemaligen Vizekönigreiche „Anfiktionischer Kongress“ nannte, war der Bezugnahme auf das antike Griechenland geschuldet: „Wäre doch der Isthmus von Panama das, was für die Griechen der Isthmus von Korinth war“, hoffte Bolívar in seinem berühmten „Brief aus Jamaica“ vom 6. September 1815, in dem er eine Einheit der „Patria Grande“ aufgeworfen hatte. In Griechenland hatten sich Nachbarstädte in Versammlungen abgesprochen, wenn es um Belange übergreifenden Interesses ging.
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Nach dem erfolgreichen Aufstand in Haiti gegen die Kolonialmacht Frankreich im Jahr 1804 war die antikoloniale Entwicklung auch in Spanisch-Amerika angekommen. Die Ereignisse der Jahre 1809 und 1810, als die örtlichen Statthalter der Spanischen Krone in den Vizekönigreichen für abgesetzt erklärt wurden, zogen gut eineinhalb Jahrzehnte andauernde militärische Auseinandersetzungen nach sich. Spanien war seit 1808 als Konsequenz der napoleonischen Kriege französisch besetzt; am 18. September des Jahres bildete sich in Santiago de Chile ein Rat, der gegen die Entmachtung von Spaniens König Fernando VII. durch Napoleon rebelliert, sich dann auflöst und eine Republik mit eigenem Heer einführt. Auch im späteren Argentinien gab es zunächst nur eine Ablehnung der französischen Herrschaft über Spanien, bevor am 25. Mai 1810 das Vizekönigreich La Plata dann doch offiziell gestürzt wurde. Im Vizekönigreich Quito gab es am 10. August 1809 unter Carlos de Montúfar den ersten „Grito de Independencia“ (Schrei nach Unabhängigkeit), dem die „Capitanía“ von Caracas unter Francisco de Miranda am 19. April 1810 folgte. Im Vizekönigreich „Nueva Granada“ (Bogotá) wurde die spanische Vertretung am 20. Juli 1810 abgesetzt, im größten Vizekönigreich „Nueva España“ (das aus weiten Teilen Nordamerikas, Mexiko, der Karibik und Mittelamerika bestand) begann der Aufstand mit dem „Schrei von Dolores“ des mexikanischen Pfarrers Miguel Hidalgo ab September 1810.
Spanien setzte sich gegen den Verlust seiner Kolonien zur Wehr und bekämpfte besonders nach der Restaurierung der monarchischen Herrschaft Fernandos VII. ab 1814 die Aufständischen mit seinen Truppen fast überall zunächst erfolgreich, ehe sich die aufständischen „Criollos“ durchsetzen, die Nachkommen der spanischen Eroberer. Mit der Schlacht von Ayacucho waren die Spanier am 9. Dezember 1824 auch in Peru, ihrer letzten Bastion in Mittel- und Südamerika, besiegt worden, nachdem sich die dortigen Aufständischen am 28. Juli 1821 von Spanien losgesagt hatten; die Umsetzung des Ende 1821 begonnenen Peru-Feldzugs, der von „Río de la Plata“ (später Argentinien und Uruguay) und von Chile gar nicht und von Limas Unabhängigkeitsbewegung nur partiell unterstützt wurde, dauerte durch das Zögern des Parlaments in Bogotá bezüglich des angeforderten Nachschubs erheblich länger als geplant. Im August 1825 befreite die Armee von Antonio José de Sucre noch „Alto Perú“ (Hochperu), das nach Bolívar in Bolivien umbenannt wurde. In der Karibik dauerte Spaniens Präsenz noch bis 1898.
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Nach den militärischen Siegen und der Unabhängigkeit von der Spanischen Krone war es dringlich, ein Konzept für die folgende Zeit zu haben. Die Gebiete der späteren Staaten Kolumbien, Panama und Venezuela waren 1819 vom „Kongress von Angostura“ zu Großkolumbien gemacht worden; ein riesiger Schritt für Bolívars Vision, der Präsident der Einheit wurde. Die historische Begegnung Simón Bolívars mit dem Argentinier José de San Martín, der zu den Befreiern des Río de la Plata-Vizekönigreichs gehörte und Schutzherr Perus war, am 27. Juli 1822 in Guayaquil war dafür wegweisend. Gleichzeitig zeigten sich die Probleme, vor denen die lateinamerikanische Integration stand, wenn die Grenzziehungen nicht festgelegt würden. Guayaquil, das heute zu Ecuador gehört, war nach der Befreiung des Vizekönigreichs Quito (mit der Schlacht von Pichincha am 24. Mai 1822) eine selbstständige Einheit gewesen, die am 13. Juli durch Bolívar Großkolumbien zugeschlagen worden war, zu dem seit Mai schon Quito gehörte. Die peruanisch-ecuadorianischen Konflikte von 1828/29, aber sogar noch deren Kriege 1941 und 1995 drehten sich auch um die Frage Guayaquils.
Simón Bolívar und José de San Martín hatten ähnliche Vorstellungen zur lateinamerikanischen Einheit; San Martín übergab die politische Führung an Bolívar. Bolívar lud im Namen Großkolumbiens im gleichen Jahr die „Vereinten Provinzen von Río de la Plata“, Chile, Peru und Mexiko zu einem Vereinigungskongress ein, der aber nie stattfand; so kam es zum zweiten Versuch mit der Einladung vom Dezember 1824.
Simón Bolívar setzte seine militärische und auf eine „Nation von Republiken“ gerichtete Politik bis zur Gründung Boliviens 1825 fort. In der bolivianischen Verfassung war von einem aus Großkolumbien, Peru und Bolivien konföderierten Staat die Rede.
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Soweit die militärische Ausgangslage, die mit der außenpolitischen dahingehend deckungsgleich war, dass Bolívar dabei die Zügel in der Hand hielt; Bolívar hatte ein immens großes Gebiet, das vom Süden Costa Ricas bis inklusive Bolivien reichte, unter seiner Herrschaft. Bolívar war ab Oktober 1821 bis 1830 Präsident von Großkolumbien, 1824 von Peru und ab 1825 auch von Bolivien sowie 1823 für zwei Tage auch von Costa Rica, das sich kurz Großkolumbien angeschlossen hatte. Um seine Ziele entsprechend zu untermauern, schloss Bolívar bilaterale Verträge „über Freundschaft und Konföderation“ ab, die die Einheit vorbereiten sollten: Zuerst mit Peru (6. Juli 1822), dann mit Chile (23. Oktober 1822), mit Mexiko (3. Oktober 1823) und mit Zentralamerika (15. März 1825). Mit den „Provinzen des Río de la Plata“ gab es außerdem einen „Freundschafts- und Verteidigungsvertrag“, der allein auf den Erhalt der Unabhängigkeit angelegt war (8. März 1823).
Simón Bolívar lud zu dem Kongress nach Panama „die Regierungen der Republiken Kolumbien, Mexiko, Río de la Plata, Chile und Guatemala“ ein, also fast ganz Spanisch-Amerika. Es fehlten auf der Liste nur dessen karibischer Teil (Kuba und Puerto Rico standen noch unter spanischer Kontrolle, das damalige Santo Domingo war seit 1805 von Haiti besetzt) und Paraguay, das unter José Gaspar Rodríguez de Francia früh einen völlig eigenständigen Weg ging. Guatemala stand dabei stellvertretend für Zentralamerika, das sich im Juni 1823 zu einer Konföderation zusammengeschlossen hatte und offen für Bolívars Pläne war. Mexiko, Zentralamerika und Großkolumbien akzeptierten die Einladung Bolívars; Chile lehnte ab, während „Río de la Plata“ allenfalls über Handelsfragen diskutieren wollte; seine Delegierten kamen jedoch in Panama nicht an. Letztlich nahmen je zwei Bevollmächtigte aus Peru, Mexiko, Zentralamerika und Großkolumbien teil, hinzu kamen Beobachter aus den Niederlanden und Großbritannien, die beide selbst Kolonien in der Karibik hatten.
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So war zum Zeitpunkt der Einladung zum „Anfiktionischen Kongress“ bereits klar, dass die verschiedenen militärischen Führer im Süden Südamerikas eine Einheit mit Bolívars Provinzen nicht wollten. Und der Umstand, dass man mit den europäischen Mächten und den USA würde auskommen müssen, bot den alten Mächten (und der neuen im Norden) Möglichkeiten zur Störung des Integrationsprozesses. Als zentraler Problempunkt erwies sich für Bolívar dabei sein eigener Stellvertreter in Bogotá.
Francisco Paula de Santander, Vizepräsident von Großkolumbien, vertrat die Idee von einzelnen Nationalstaaten und entwickelte immer mehr Widerspruch zu Bolívar. Santander konnte den Umstand, dass von allen neu entstandenen Einheiten – ob Konföderation oder schon größerer Zusammenschluss – nur Großkolumbien über diplomatische Beziehungen in der Welt verfügte, ebenso für eine eigenständige Politik nutzen wie die Abwesenheit Bolívars wegen der jahrelangen Feldzüge in den mittleren Anden. Dazu gehörte, dass er auch Delegierte der USA nach Panama einlud, was nicht Simón Bolívars Plan war. Denn anders als es angesichts der aktuell hohen Aggressivität der USA gegen Kuba durch die Erinnerung an die „Monroe-Doktrin“ vom Dezember 1823 zuweilen suggeriert wird, gab es bei Bolívar weniger eine Ablehnung der USA als vielmehr die Sorge, der strategische Partner Großbritannien könne verärgert sein, würde man die USA einladen. Die ein Jahr vor der Einladung zum Kongress von Panama veröffentlichte Doktrin des US-Präsidenten James Monroe hatte sich eben nicht in erster Linie gegen die lateinamerikanische Unabhängigkeit, sondern gegen eine Einmischung Frankreichs, aber auch Großbritanniens ausgesprochen. Bolívar versuchte aus den europäischen Widersprüchen Kapital zu schlagen: Großbritannien als der Garant Bolívars in Europa gegen die Versuche der „Heiligen Allianz“ (1815 aus der Taufe gehobenes Bündnis Russlands, Österreichs und Preußens), Spanien bei einer „Reconquista“ in Amerika zu helfen, durfte auf keinen Fall düpiert werden; Bolívar bot den Briten für ihre Unterstützung sogar Teile Nicaraguas an.
Santander aber lud Vertreter der USA ein. Wenn auch diese nicht in Panama eintrafen, so verfolgten die noch aufstrebenden (und dafür ebenfalls innereuropäische Widersprüche nutzenden) USA verdeckte Interessen in Lateinamerika. Ein geeintes Hispanoamerika hätte man zwanzig Jahre später weniger leicht überfallen können als ein allein dastehendes Mexiko, dem die USA 1847/48 mit 2,3 Millionen Quadratkilometern mehr als die Hälfte seines Staatsgebiets raubten und mit dessen Gold sie ihren Kapitalismus entwickelten. Ein halbes Jahrhundert später waren die USA ein imperialistisches Land, dessen Politik fast alle lateinamerikanischen Staaten auf die eine oder andere Weise irgendwann zum Opfer fielen.
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Das in der Innenpolitik der beteiligten jungen Republiken vermutlich entscheidende Motiv für das Scheitern des Kongresses, der letztlich nur eine Erklärung („Vertrag über ewige Einheit, Freundschaft und Konföderation“) zum militärischen Beistand verabschiedete, die jedoch von den Regierungen der Zentralamerikanischen Konföderation und Perus später abgelehnt wurde, waren die mit den Ideen Bolívars unvereinbaren Interessen der Handels- und Großgrundbesitzerschichten: Diese wollten zum einen verlässliche Beziehungen zu Europa und den USA und sahen zum anderen durch Bolívars soziale Visionen ihre eben erst gewonnene ökonomische Emanzipation von Madrid gefährdet.
Der nicaraguanische Historiker Aldo Díaz beschrieb es in seinem Standardwerk über den Kongress so: „Der Kongress war eine Totgeburt; er wurde von dem dialektischen Prozess der Geschichte getötet, dem seine Darsteller nicht entkommen: Während der Libertador für sein Ziel der Unabhängigkeit des ehemals spanischen Amerika Fakten schaffte, indem er Völker befreite, Republiken gründete und Institutionen ausdachte, die mittels ihrer strategischen Einheit ihre historische Dauer garantieren sollten, widmeten sich die jeweiligen (lokalen) Führer der Konsolidierung der Unabhängigkeit ihrer eigenen Nation.“ Bolívar selbst schrieb am 8. August 1826: „Der Kongress von Panama, der bewundert werden würde, wäre er effektiver gewesen, ist nichts anderes als jener verrückte Grieche, der glaubte von einem Felsen aus die vorüberfahrenden Schiffe lenken zu können. Seine Macht wird ein Schatten sein, seine Dekrete reine Ratschläge; sonst nichts.“
Es kam, wie von Bolívar befürchtet: 1826 putscht der venezolanische General José Antonio Páez nach gezielten Provokationen gegen die Zentralregierung in Bogotá; 1828 greift Peru Bolivien an. Am 25. September 1828 scheitert ein Attentat gegen Bolívar. Das Problem um Guayaquil führt 1829 zu Spannungen zwischen Peru und Großkolumbien. Im Januar 1830 erklärt Venezuela seine Unabhängigkeit von Großkolumbien; im April tritt Bolívar zurück. Ecuador verlässt Großkolumbien im Mai.
Im Dezember 1830 stirbt Simón Bolívar in Santa Marta. Die Idee lebt weiter.









