Corona ist nicht die Ursache des wirtschaftlichen Zusammenbruchs

Der Krisenbeschleuniger

In den USA haben die gemeldeten Covid-19-Fälle die Millionengrenze erreicht. Fast 60.000 Menschen sind dort daran gestorben. In den letzten fünf Wochen haben sich 26,4 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet. Das sind 16 Prozent aller dem US-Arbeitsmarkt zur Verfügung Stehenden. Es gibt kilometerlange Schlangen vor den Essenausgabeplätzen. Der Ölpreis ist unter dem Mangel an Nachfrage und dem Druck der übervollen Lager zusammengebrochen und erreichte den Allzeitrekord von – minus (!) – 40,32 US-Dollar pro Barrel. Der Kongress legte ein viertes Hilfspaket von 483 Milliarden Dollar auf. Die Zentralbank (Fed) hat angekündigt, alles, bis hin zu Schrottanleihen (Junk Bonds), aufzukaufen. Die in Rede stehenden Stützungssummen, Kongress und Fed zusammengenommen, nähern sich rasch der 10-Billionen-Dollar-Marke. Die gesamtstaatliche Verschuldung des US-Imperiums, aktuell bei rund 120 Prozent des BIP, dürfte nun etwa ebenso schnell nach oben schießen wie die Konjunktur dabei ist einzubrechen. Die künstliche Beatmung der US-Ökonomie mit Hilfe zweistelliger Billionensummen, welche die Fed im letzten Jahrzehnt in den Markt pumpte und so für eine regelrechte Kreditexplosion sorgte, hatte für eine schwächliche Wiederbelebung des Pleite gegangenen Finanzzombies USA gesorgt. Der neoliberalen Kredit­explosion steht allerdings eine ebenso markante Reichtumsexplosion gegenüber. Von 1990 bis 2020 nahmen die Vermögen der US-Milliardäre um satte 1.130 Prozent zu. Mit dem Einstieg in den ebenso absurden wie kontraproduktiven Wirtschafts- und Technologiekrieg gegen die eurasische Kooperation, insbesondere gegen die Volksrepublik China, hatte die Monetarisierung der US-Wirtschaftspolitik allerdings ihre ohnehin fragwürdigen Fähigkeiten eingebüßt. Der ökonomische Crash 2020 ist nun ebenso tiefgreifend wie rasant, einer der schärfsten Zusammenbrüche seit der Großen Depression der 1930er Jahre.

Der IWF schätzt den Einbruch der US-Ökonomie im Jahr 2020 auf 5,9 Prozent des BIP. Dabei schwingt die Hoffnung mit, dass sich nach der Beendigung des „Lockdown“ die Dinge einigermaßen stabilisieren werden. Das ist alles andere als sicher. Das Congressional Budget Office (CBO) sieht die Nettoneuverschuldung 2020 bei 3,7 Billionen Dollar. Ein Wert, prozentual zum BIP, wie zuletzt im Zweiten Weltkrieg. Eine Untersuchung des „Pew Research Center“ kommt zu dem Ergebnis, dass 43 Prozent der US-Haushalte von Kündigungen oder Lohnkürzungen getroffen wurden. Ein großer Teil der US-Bürger kämpft buchstäblich um die Existenz. Die Ratingagentur Moody‘s sieht ein Drittel aller Immobilienkredite akut gefährdet. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) stehen für weit mehr als 60 Prozent der US-Realwirtschaft. Ein großer Teil von ihnen ist durch Nullzinspolitik des letzten Jahrzehnts massiv verschuldet und steht nun, ohne Einnahmen, unmittelbar vor dem Konkurs. Die Finanzhilfen des Kongresses und der Fed schützten, wenn sie denn tatsächlich ankämen, vielleicht vor der Insolvenz, aber dadurch entstehen keine Einnahmen, nur weitere Schulden. Es dürfte auch für die Gelddruckmaschinen der Fed nicht so leicht sein, die überschuldete und nun zum Stillstand gekommene US-Ökonomie komplett durch die Krise zu finanzieren. Die Frage ist: Wie sieht das, was dann überlebt hat, am Ende aus? Die Ratingagentur Fitch vermutet einen Anstieg der Konkursrate von derzeit 3 auf 19 Prozent zum Ende des Jahres. Es bedarf nicht sehr viel Phantasie zu der Annahme, dass es, wie immer in solchen Phasen, einen gewaltigen Akkumulations- und Konzentrationsschub geben wird. Viele werden sehr viel ärmer und einige sehr, sehr viel reicher werden.

Ebenfalls nicht herbei finanzieren lässt sich eine finanzkräftige Nachfrage nach den Produkten der ökonomisch wie ökologisch absurden Fracking-Industrie. Die Lager sind voll. Vor der Küste Kaliforniens liegt eine ganze Tankerarmada auf Reede. Das extrem finanzintensive und daher hochverschuldete Fracking-Business muss weiter produzieren, um seine teuren Quellen nicht zu ruinieren und zumindest irgendeinen Umsatz zu machen. Rentabel ist Fracking ohnehin nur bei Preisen jenseits der 75 Dollar/Barrel und bei Zinsen nahe Null. Das ist, trotz aller Einschränkungen der Förderkapazitäten durch die OPEC+ in den letzten Jahren, erkennbar nicht mehr der Fall. Die US-Fracker hatten ihr Produktionsvolumen, gewissermaßen gegenläufig zur OPEC+, immer mehr ausgeweitet. Nun ist es mit der vielbeschworenen „Energiedominanz“ des Weißen Hauses nicht mehr weit her. Eine Analyse von Goldman-Sachs sieht eine Erschöpfung der globalen Lagerkapazität in den nächsten drei bis vier Wochen. Dann dürfte der Ölpreis endgültig zusammenbrechen.

Noch ist es zu früh für abschließende Beurteilungen, aber jedes der oben zitierten Einzelphänomene wäre an sich schon alarmierend genug. Zusammengenommen formen sie eine beklemmende Perspektive auf die sich vor unseren Augen wieder zu voller Größe entfaltende Krise des neoliberalen Verwertungsmodus. Diese Krise, die 2007 begonnen hat und nur durch gigantische Summen verkleistert wurde, ist nun auf höherem Niveau wieder offen ausgebrochen. Sie wäre es auch ohne Corona. Die „Rettungsprogramme“ für die Finanzindustrie rechnen nun in Billionen. Die Milliarde ist hier keine relevante Größe mehr. Am Ende des Tages steht die Frage: Was bleibt von der „Energiedominanz“ bei Öl und Gas? Was bleibt von der Weltreservewährung Dollar? Was bleibt von diesem Imperium?

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"Der Krisenbeschleuniger", UZ vom 1. Mai 2020



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