Eigentumsordnung wurde nicht angetastet, Enteignungen und Verstaatlichungen blieben aus

Die Pariser Arbeiterklasse an der Macht

Entscheidend für die Zuspitzung der Klassenkämpfe war der Deutsch-Französische Krieg. Im Sommer 1870 erklärte Frankreich dem Norddeutschen Bund und den süddeutschen Staaten den Krieg. Auch wenn die Kriegserklärung von Bismarck provoziert worden war, schätzten Marx und Engels ein, dass er zu Beginn ein Aggressionskrieg Frankreichs war, das die nationale Einheit Deutschlands zu verhindern versuchte. Dies änderte sich erst im weiteren Verlauf des Krieges, nachdem das deutsche „Große Hauptquartier“ die Annexion des Elsass und Lothringens beschlossen hatte.

Sehr schnell im Kriegsverlauf zeigte sich die Überlegenheit der deutschen Truppen. Anfang September kam es zur Schlacht bei Sedan, bei der neben 100.000 französischen Soldaten auch Napoleon III. in Gefangenschaft geriet. Das verschärfte die innenpolitische Krise in Frankreich und führte zum Sturz der Monarchie. Die neue, nunmehr bürgerliche Regierung stellte zur Verteidigung Einheiten der Nationalgarde auf. Da der Tagessold der Nationalgarde im Vergleich zu den kargen Arbeitslöhnen relativ hoch war, schlossen sich zahlreiche Arbeiter der neuen Formation an.

Seit September 1870 war Paris belagert. Die Nationalgarde verteidigte die Stadt nicht nur gegen die deutschen Truppen, sondern kämpfte gleichzeitig um ihre Rechte. Auf die Demütigung Frankreichs durch die deutsche Kaiserkrönung in Versailles (siehe UZ vom 18. Dezember 2020) folgte der Waffenstillstand Ende Januar 1871. Im Februar wurde eine neue Regierung unter Adolphe Thiers gewählt. Eine ihrer ersten Maßnahmen war die Einstellung der Soldzahlungen an die Bataillone der Nationalgarde. Die Soldaten setzten daraufhin ihre Offiziere ab, wählten sich neue Kommandeure und schufen eine gemeinsame Verwaltung, das „Zentralkomitee der Föderation der Nationalgarde des Départements Seine“. Der Versuch, diese Einheiten zu entwaffnen, schlug fehl. Daraufhin verließen die Regierung, viele Verwaltungsbeamte und die regulären Truppen am 18. März 1871 Paris und richteten sich in Versailles ein.

Auch in weiteren französischen Städten kam es zu Aufständen, die von den Truppen der Regierung schnell niedergeschlagen wurden. In Paris war die militärische Lage – aufgrund des Belagerungsrings der deutschen Truppen – eine andere und die revolutionären Nationalgardisten konnten ihre Herrschaft zunächst sichern. Am 26. März organisierten sie nach dem allgemeinen Männerwahlrecht Wahlen. Die politische Macht lag beim Kommunerat, als dessen militärischer Arm das Zentralkomitee fungierte.

Der Kommunerat nahm sehr zügig die Arbeit auf, um die unmittelbare Not der ärmeren Teile der Bevölkerung in der immer noch belagerten Stadt zu lindern. Man beschloss eine mehrmonatige Stundung von Mietzahlungen und die Beschlagnahmung und Verteilung leerstehender Wohnungen. Der Verkauf von Pfandgegenständen in den Pfandhäusern wurde verboten, Lohnabzug und die Verhängung von Geldstrafen durch die Unternehmer galten fortan als illegal. Parallel dazu wurde ein Festpreis für Brot eingeführt.

Das Schulwesen wurde dem Zugriff der Kirche entzogen und das Schulgeld abgeschafft. Das neu beschlossene Nachtarbeitsverbot für Bäckergesellen hatte nicht nur den Gesundheitsschutz zum Ziel, es sollte den Arbeitern darüber hinaus durch die Gewährung von Freizeit die Teilnahme an Bildungsmaßnahmen ermöglichen.

Hervorzuheben ist die Entscheidung des Kommunerats, die Wählbarkeit und jederzeitige Absetzbarkeit von Verwaltungsbeamten und Entscheidungsträgern einzuführen, deren Bezahlung sich am durchschnittlichen Arbeiterlohn orientieren sollte. Zusammen mit der Abschaffung des stehenden Heeres und der Einführung der allgemeinen Volksbewaffnung zielten diese Maßnahmen darauf ab, die Kontrolle der politischen Macht durch das Volk zu sichern und die Entstehung einer abgehobenen Elite zu vermeiden.

Auf dem Gebiet der Ökonomie –der Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel – blieben die Dekrete der Kommune unbestimmt und vorsichtig. Die Eigentumsordnung direkt infrage stellende Maßnahmen – zum Beispiel die entschädigungslose Enteignung von Fabriken oder die Verstaatlichung der Nationalbank – wurden nicht ergriffen. Zwar förderte man genossenschaftliche Organisationsformen, aber nur leerstehende, ungenutzte und keineswegs alle Produktionsstätten wurden in dieser Form umorganisiert.

Insbesondere in den späteren Dekreten ist eine radikalere Ausgestaltung der Politik der Kommune festzustellen. Diese äußerte sich in stark symbolbehafteten Aktionen. Zu nennen ist hier die öffentliche Verbrennung der Guillotine als bildhaftes Symbol für die Abschaffung der Todesstrafe oder der Sturz der von Napoleon I. errichteten monumentalen Vendôme-Säule als Zeichen des Nationalismus und Chauvinismus.

Im ersten Teil der Geschichte der Pariser Kommune haben wir uns in der UZ vom 26. März mit den revolutionären Kämpfen und der Herausbildung der französischen Arbeiterklasse beschäftigt.

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"Die Pariser Arbeiterklasse an der Macht", UZ vom 9. April 2021



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