Kriege gegen die Völker des Nahen Ostens bringen Terror hervor

Die Toten von Brüssel, Lahore und Iskanderija

Von Lucas Zeise

Drei Anschläge kurz hintereinander. Vergangene Woche schien sich zu bestätigen, dass der Terror zugenommen hat. In Brüssel wurden nach zwei Selbstmordattentaten am Flughafen und in einer Metrostation 35 Todesopfer gezählt. In Lahore, der größten Stadt Pakistans, wurden in einem Park mindestens 63 Menschen von einer Bombe zerrissen. Im irakischen Städtchen Iskanderija, etwa 50 km südlich von Bagdad, starben 41 Personen nach einem Bombenattentat in einem Fußballstadion. Wer sind die Täter? In Brüssel wurden zwei Brüder als Täter identifiziert, die von den Behörden als Kriminelle mit islamistischem Hintergrund bezeichnet wurden. In Lahore bezichtigen Berichte einen Einzeltäter, der einer Splittergruppe der pakistanischen Taliban angehört habe und die vielen Christen töten wollte, die im Park das Osterfest feierten. Im Irak wurde der „IS“, der „Islamische Staat“ als Urheber der Tat benannt.

Es ist verständlich, dass in Deutschland der Anschlag im nahen Brüssel im Zentrum der Berichterstattung stand. Weil die EU-Kommission in Brüssel residiert, vielleicht auch weil die NATO dort ihr Hauptquartier hat, wurden die Attentate als Angriff auf die „Hauptstadt Europas“ und daher auch auf Europa bezeichnet. „Der Terrorismus hat Belgien getroffen, aber Europa war das Ziel“, sagte der französische Präsident Francois Hollande. Die französische Regierung hatte nach Anschlägen in Paris bereits das Notstandsrecht eingeführt und zugleich verschärft, das zu Beginn des Algerienkrieges 1955 erfunden und erst einmal zuvor – bei den Unruhen in Pariser Vororten 2005 – angewendet worden war. In Deutschland überwog die Kritik am belgischen Staat und seiner Polizei. Innenminister Thomas de Maizière versprach eine Verschärfung des Integrationsgesetzes, das Immigranten den Wohnort noch strikter vorschreiben soll als ohnehin und das in der „Bild-Zeitung“als „knallhart“ gelobt wurde. Regierungsamtlich werden so Immigranten und/oder Muslime als potenzielle Täter identifiziert. Die mehr als tausend Brandanschläge, die in Deutschland im vergangenen Jahr auf Flüchtlingsheime verübt wurden – mit glücklicherweise bisher noch keinen Todesopfern – machte weder der Innenminister noch sonst jemand zum Thema eigener Anti-Terror-Maßnahmen.

US-Kriegsminister Ashton Carter handelt. Am 25. März informierte er die Presse in Washington, dass seine Leute den zweitwichtigsten Mann und mehrere „Top-Terroristen“ des IS getötet hätten. „Wir töten systematisch das Kabinett des IS“, sagte er. Das ist Krieg und individueller Terror zugleich. Die Kriege, die die USA und die NATO-Staaten – einschließlich der Bundesrepublik Deutschland – gegen Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien führen, haben in diesen Ländern unvergleichbar mehr Menschen – in der Mehrzahl Zivilisten – das Leben gekostet als die Terroranschläge in Europa. Der Eindruck täuscht, dass der Krieg, der gegen die Staaten und die Menschen im Nahen und Mittleren Osten geführt wird, erst jetzt nach Europa zurückkommt. Die verheerenden Anschläge von Madrid (2004) und London (2005) sprechen dagegen. Dass dieser Krieg aber die wichtigste Ursache für den Terror nicht nur in Europa darstellt, haben die Kriegsgegner auf den Ostermärschen noch einmal deutlich gemacht. Sie haben Recht. Dieser Krieg muss endlich gestoppt werden. Erst dann werden wir uns vor dem Terror sicherer fühlen.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Die Toten von Brüssel, Lahore und Iskanderija", UZ vom 1. April 2016



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Tasse aus.

    Vorherige

    ver.di begrüßt Übernahme

    Heinz W. Hammer – ¡presente!

    Nächste