Ägyptens schwieriger Kampf gegen Kolonialismus und US-Hegemonie

Die uralte Macht am Nil

Ägypten beherbergt eine der ältesten Kulturen der Menschheit. Funde von Steinwerkzeugen weisen auf die Existenz von Homines vor mehr als einer Million Jahren hin. Schon während der letzten Eiszeit, die vor 11.700 Jahren endete, ermöglichten der Fischfang und das wärmere, regelmäßig überschwemmte fruchtbare Land am Nil erste Formen von Sesshaftigkeit, Keramikherstellung und Viehhaltung. Vor 5.100 Jahren erreichte die erste Herrscherdynastie die Vereinigung Ober- und Unterägyptens. Palastbau, die Entwicklung von Schrift und Verwaltung, Bootsbau, Kupferverarbeitung und ausgedehnte Grabanlagen kennzeichnen diese Phase. 26 Dynastien später, 525 v. u. Z., wurde Ägypten vom persischen Großreich erobert, welches sich binnen kurzer Zeit von Mazedonien bis zum Indus ausbreiten konnte. 323 v. u. Z. übernahm Alexander der Große Ägypten ohne Kampf. Nach Alexanders Tod konnte sich sein General Ptolemaios I. als Herrscher des reichen Landes durchsetzen. Die Ptolemäer-Dynastie regierte das Land bis zum Jahr 30 v. u. Z.; die letzte Ptolemäerin, Kleopatra, beging nach der Niederlage in der Schlacht von Actium Selbstmord und Ägypten wurde eine Provinz des expandierenden römischen Weltreichs.

Abhängigkeit

Damit war die mehrtausendjährige Phase ägyptischer Kultur, die so großartige Bauten wie die Tempel in Luxor, Abu Simbel oder Karnak, die Totentempel der Hatschepsut und die Pyramiden von Gizeh hervorgebracht hatte, endgültig Geschichte. Als römische, später byzantinische – oströmische – Provinz hatte das Land in erster Linie den Interessen Roms und Konstantinopels zu dienen.

Ähnlich fremdbestimmt war die Lage Ägyptens in den Jahren der muslimisch-arabischen Expansion, die das Land seit 641 in verschiedenen Formen und mit kleineren Rückschlägen beherrschte. 1517 schließlich unterwarf Sultan Selim I. die bis dahin herrschenden Mamluken und machte Ägypten zu einem osmanischen Vasallen, bis 1798 mit dem Einmarsch Napoleon Bonapartes sukzessive die europäische Dominanz in der Region begann.

1805 hatte Britannien mit der Schlacht bei Trafalgar die Herrschaft über die Weltmeere errungen und begann in der Folge, Ostafrika „von Kairo bis zum Kap“ zu erobern. Geostrategisch zentral gelegen spielte Ägypten, namentlich nach der Eröffnung des Suezkanals im Jahr 1869, im britischen Weltherrschaftskonzept eine wichtige Rolle. Zwar konnte Muhammad Ali Pascha in Ägypten ab 1805 eine gewisse Selbstständigkeit erreichen und zunehmend selbstbewusst agieren, doch der Bau des Suezkanals hatte das Land in die Abhängigkeit ausländischer Geldgeber getrieben. Nachdem Britannien 1875 durch den Kauf der Kanalaktien faktisch die Kontrolle über das Land errungen hatte, besiegelten Interventionstruppen 1882 auch militärisch die britische Herrschaft trotz des Fortbestehens eines formal selbstständigen Königreichs.

Koloniale Befreiung

Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet das europäische Kolonialsystem ins Wanken. Der Verlust der „Kronkolonie“ Indien im Jahr 1947 machte die dramatische Schwäche des „British Empire“ deutlich. In den 30 Jahren nach 1945 erkämpften die meisten afrikanischen Staaten die Unabhängigkeit. 1952 stürzte das ägyptische Militär unter Gamal Abdel Nasser König Faruk I., der von vielen ohnehin nur als britische Marionette wahrgenommen worden war. Nasser verfolgte neben der nationalen Unabhängigkeit weitreichende Pläne. Er strebte einen Zusammenschluss der arabischen Staaten an und verstaatlichte den Suezkanal, die Einnahmen wurden in die Entwicklung des Landes investiert.

Die Suezkrise 1956 wirkte als Katalysator dieser Postkolonialkonflikte. Britannien, Frankreich und Israel hatten sich verbündet, um Nasser zu stürzen und die Kanalverstaatlichung rückgängig zu machen – beides gelang nicht. Britannien und Frankreich hatten ihren machtpolitischen Zenit weit überschritten. Das als Frontstaat des Westens installierte zionistische Israel hatte seine volle Kampfkraft noch nicht erreicht.

Die Konfrontationspolitik des Westens stellte die antikolonialen Kämpfer vor die Notwendigkeit, sich der Sowjetunion zuzuwenden und/oder alternative Bündnisse zu schaffen. Nasser initiierte mit Josip Broz Tito (Jugoslawien), Jawaharlal Nehru (Indien), Achmed Sukarno (Indonesien), Kwame Nkrumah (Ghana) und anderen die Bewegung der antiimperialistischen blockfreien Staaten (NAM) – in gewisser Weise ein Vorläufer des BRICS-Bündnisses. 1955 fand im indonesischen Bandung die erste Konferenz mit Delegierten aus 29 Staaten statt.

Ähnlich antikolonial waren die Intentionen bei der Renaissance des Panarabismus. Der Panarabismus war im 19. Jahrhundert als Reaktion auf die Hegemonie des Osmanischen Reiches entstanden. Nasser sah wie viele andere im Panarabismus die Möglichkeit, den imperialen Ansprüchen des Westens entgegentreten zu können. Dieser reagierte mit einer Strategie der Islamisierung, der Mobilisierung seiner halbfeudalen Vasallen und der Aufrüstung Israels. Zu den Muslimbruderschaften hatten schon die Briten seit Ende der 1920er Jahre Beziehungen. Nach dem frühen Tod Nassers 1970 konnte das US-Imperium den sowjetischen Einfluss zurückdrängen und Ägypten unter Anwar as-Sadat und Husni Mubarak wieder unter seine Kontrolle und in eine Allianz mit Israel zwingen.

Neokoloniale Abhängigkeit

Im „Arabischen Frühling“ – als es darum ging, nach den berechtigten Protestaktionen die US-amerikanische Hegemonie in der Region wiederherzustellen – setzte man durchaus auch wieder auf die „militärische Lösung“. In Ägypten wurde der gewählte, den Muslimbruderschaften nahestehende Präsident Mohammed Mursi von General Abdel Fattah al-Sisi, einem treuen US-Gefolgsmann, in einem blutigen Putsch ausgeschaltet. Washington investierte Milliardensummen in Ägyptens Loyalität.

Angesichts des israelischen Völkermords in Gaza und des sich beständig ausweitenden Konflikts in der Region stellt sich für viele Staaten – gerade auch für die neuen BRICS-Mächte Saudi-Arabien, VAE und Ägypten – die Frage, wo ihre Interessen und Loyalitäten wirklich liegen. Kann eine offene oder verdeckte Kooperation mit Israel und dessen Washingtoner Paten wirklich eine Perspektive für die arabischen Staaten darstellen? Der von den USA auf Saudi-Arabien, die VAE und Ägypten ausgeübte Druck zur „Normalisierung“ des Verhältnisses zu Israel ist enorm. Alle drei haben sich in dieser Frage – noch – nicht definitiv entschieden. Die brutale Entwicklungsdynamik wird ihnen nicht ewig Zeit lassen.


Die ägyptische Ökonomie
Seit der Neolithischen Revolution (Sesshaftigkeit, Ackerbau, Tierhaltung) wurde Ägyptens Ökonomie von der Landwirtschaft beherrscht. Das warme Klima ermöglichte drei Ernten pro Jahr. Daneben gab es Flachs, Papyrus, Steinbrüche, Kupfer- und Goldvorkommen, was die Produktion von Stoffen, Papier, Werkzeugen, Steinen, Gebäuden, Keramik und Schmuck ermöglichte. So waren schon früh weitreichende intensive Handelsbeziehungen mit erheblichen Überschüssen möglich, die rare Produkte wie Eisen, Silber, Holz und Gewürze ins Land brachten. Der hohe Stand der Wissenschaften und der Handwerkskunst hat sich in den Palast- und Tempelbauten, den Grabbeigaben, Skulpturen und Pyramiden des Alten Ägypten gewissermaßen verewigt. Das souveräne Ägypten war eines der reichsten Länder der Frühantike.
Ab den 1830er Jahren begann Ägypten in großem Maßstab, auf ausgedehnten Plantagen Baumwolle für die britische Textilindustrie zu produzieren – ein massiver Verdrängungsprozess, der zahllose Kleinbauern ins Elend stürzte und das Land ökonomisch immer abhängiger machte. Die Weltkriege, in denen Ägypten wegen seiner strategischen Lage in den militärischen Konzepten der Imperialisten eine wichtige Rolle spielte, brachten einen deutlichen Industrialisierungsschub. Wirklich aufwärts ging es allerdings erst nach der Revolution von 1952. Massive Infrastrukturmaßnahmen wie der Assuan-Staudamm und planwirtschaftliche Wirtschaftsmodernisierung sorgten für enormes Wirtschaftswachstum. Die anti-nasserische „Korrektive Revolution“ im Jahr 1971 beendete den Reformprozess in weiten Bereichen, öffnete das Land für das angloamerikanische Finanzkapital und mündete 1977 schließlich in blutige „Brot-unruhen“. Die Handelsdefizite führten allerdings zu problematischen Schulden von aktuell 88,5 Prozent des nominalen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Auch die Inflationsrate von rund 35 Prozent schränkt Ägyptens Manövrierfähigkeit deutlich ein. Der Gini-Koeffizient für das Einkommen liegt bei mittleren 0,32, für Vermögen allerdings bei 0,8. Etwa ein Drittel der Ägypter lebt unter der Armutsgrenze.
Nach Kaufkraft (PPP) wird das ägyptische BIP im laufenden Jahr das größte in Afrika sein. Zur ägyptischen Wirtschaftskraft trägt die Landwirtschaft nur noch rund 11 Prozent bei, die Industrie rund 35 Prozent. Das Rückgrat der ägyptischen Wirtschaft bildet die staatliche Öl- und Gasindustrie. Die Öl- und Gaseinnahmen repräsentieren etwa 14 Prozent des BIP. Nicht unerheblich sind die Einnahmen aus dem Betrieb des Suezkanals: Sie betrugen 2023 knapp zehn Milliarden US-Dollar.
Die massiven Handelsdefizite Ägyptens resultieren aus der neokolonialen Abhängigkeit. Im vergangenen Jahr importierte das Land Waren im Wert von über 70 Milliarden US-Dollar. Die Exporteinnahmen lagen bei weniger als der Hälfte. Hauptexportstaaten sind die USA und die Türkei, Griechenland, Italien, Indien und Saudi-Arabien. Ägyptens Importe kommen vor allem aus China, dann aus Saudi-Arabien und schließlich aus den USA, Russland, der Türkei, den VAE und Deutschland.


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"Die uralte Macht am Nil", UZ vom 12. April 2024



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