Maryam Touzanis Frauengeschichte „Adam“

Ein Kleinod aus Marokko

Eine junge Marokkanerin schleppt sich durch die Straßen der ärmeren Viertel von Casablanca. Sie sucht irgendeine Arbeit, doch überall weist man sie ab – was sollte die hochschwangere Samia auch arbeiten können „in ihrem Zustand“. Auch die erst kürzlich verwitwete Abla, die eine kleine Bäckerei betreibt, um sich und ihre achtjährige Tochter Warda durchzubringen, weist ihr zunächst die Tür – bis die aufgeweckte Warda ihr Mitgefühl weckt. So holt Abla die auf der Straße schlafende Samia herein, widerstrebend und für eine Nacht, denn sie „will kein Getratsche“. Aus der einen Nacht werden drei, dann mehr, schließlich darf sie bis zur Entbindung bleiben, denn sie bereichert Ablas Angebot durch ein besonderes Rezept.

Verbitterung und Härte muss Abla (Lubna Azabal) nicht spielen, sie stehen ihr ins Gesicht geschrieben. Sie bestimmen ihren Alltag und sogar die Strenge, mit der sie Warda erzieht. Nisrin Erradi gibt die junge Samia als vom Verlobten verlassene, vom Leben arg Gebeutelte, die sich aber – anders als Abla – den eigenen Willen nicht hat brechen lassen. Die Aufnahme in Ablas Haus versteht sie nicht als Gnade, sondern als ihr natürliches Recht, und so tritt sie auch auf. In dieser Konstellation erscheint die kindliche Warda in ihrer Unbekümmertheit und Offenheit geradezu wie ein wärmender Fremdkörper in dieser kalten Welt – als Drehbuchfigur wie geschaffen für eines der sattsam bekannten Sozialmärchen mit Happyend, die uns das Kommerzkino gerne in dieser Jahreszeit präsentiert.

Doch damit hat Regisseurin Maryam Touzani nichts im Sinn. Sie legt nach zwei sehr erfolgreichen Kurzfilmen hier ihr Spielfilm-Regiedebüt vor und verarbeitet mit „Adam“ eine Erinnerung aus ihrer Kindheit: Ihre Eltern hatten eine ihnen unbekannte, schwangere Obdachlose aufgenommen, die sie in ihrem Drehbuch nun als Samia wieder aufleben lässt, erklärt sie in einem Regiestatement: „Für mich ist die Geschichte dieser beiden Frauen – ihre Begegnung, das, was sie sind und was sie werden – der Kern dessen, was ich erzählen wollte.“ Zudem fand sie in der erfahrenen Kamerafrau Virginie Surdej eine gleichgesinnte Partnerin, die Nähe und Distanz zu den Figuren stets fein auszutarieren weiß. So erlebt man nun das delikate Wechselspiel von schroffer Ablehnung und zarter Annäherung beim gemeinsamen Teigkneten, erfreut sich an Samias unbezwingbarem Lebensmut und kann sich einfühlen in Ablas langsames Auftauen, in dem ihr Griff zum Makeup eine stille Rebellion ist, ja schon fast eine Explosion.

Dem Filmtitel zum Trotz ist die Welt von „Adam“ eine Welt (fast) ohne Männer. Der schüchterne Slimani als Ablas heimlicher Verehrer bleibt eine Randfigur, Ablas verstorbener Mann ist im ganzen Film so abwesend wie der Vater von Samias Baby. Samias Entscheidung über dessen Zukunft ist allein die ihre. Durch die Begegnung mit Abla und Warda tritt deren Dringlichkeit zwar etwas in den Hintergrund, erhält aber auch neue Optionen. Touzani erliegt zum Glück nicht der Versuchung, die Schärfe des Konflikts durch eine eindeutige „Lösung“ verpuffen zu lassen.


Adam
Regie: Maryam Touzani
Marokko/Frankreich 2019
Ab 9. Dezember im Kino


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Über den Autor

Hans-Günther Dicks (Jahrgang 1941), Mathematiklehrer mit Berufsverbot, arbeitet seit 1968 als freier Film- und Medienkritiker für Zeitungen und Fachzeitschriften, für die UZ seit Jahrzehnten.

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"Ein Kleinod aus Marokko", UZ vom 10. Dezember 2021



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