Zum 140. Geburtstag des Hamburger Schullehrers Wilhelm Lamszus

Ein Mahner gegen den Krieg

Paul Sielaff

Wilhelm Lamszus, Schullehrer in Hamburg, rüttelte im Jahr 1912 an den Grundfesten des deutschen Kaiserreiches. In jenem Jahr veröffentlichte er die dichterische Vision „Das Menschenschlachthaus“, die das Grauen des ersten Weltkrieges literarisch vorwegnahm. „Es gehörte Mut dazu, als junger Volksschullehrer im Kaiserreich sich gegen den Ungeist des Militarismus und das Verbrechen des drohenden Krieges aufzulehnen“, urteilte Jahrzehnte später der Schriftsteller Willi Bredel in einem Rückblick. „Von einem Lehrer wurde verlangt, dass er die Jugend in soldatischem Geist und zur Untertanentreue gegenüber Kaiser und Vaterland erzöge.“

Es sind schreckliche Bilder vom Krieg, die Wilhelm Lamszus in seinem kurzen Roman entstehen ließ. Seine „Visionen vom Krieg“ sahen das Geschehen voraus mit seinen neuen technischen Möglichkeiten der Kriegsführung, den tödlichen Minenfeldern, den Stellungskriegen und den Massenschlachten wie gegen den „Erzfeind“ Frankreich. „Das schreit und gellt, das brüllt so unnatürlich wild und schrankenlos, dass wir uns enger aneinander schmiegen … und zitternd sehen wir, wie unsere Gesichter, unsere Uniformen rote nasse Flecken haben und erkennen deutlich Fleischfasern auf dem Zeug. Und zwischen unseren Beinen liegt, was vorher nicht gelegen hat – weiß glänzt es auf vom dunklen Sande und spreitet sich … eine fremde, abgerissene Hand … und da … Stücke Fleisch, daran die Uniform noch haftet – da wissen wir‘s und Grauen fällt uns an: Da draußen liegen Arme, Beine, Köpfe, Rümpfe … die heulen in die Nacht hinaus, das ganze Regiment liegt dort zerfetzt am Boden, ein Menschenklumpen, der zum Himmel schreit …“

Lamszus‘ Buch erschien in hohen Auflagen – die zwei Jahre später ausbrechende Kriegsbegeisterung konnte es letzten Endes nicht verhindern. Noch bei Kriegsbeginn 1914 hatte der Autor einen Band als Fortsetzung geschrieben. Dieses Buch konnte erst nach Kriegsende unter dem Titel „Das Irrenhaus“ erscheinen.

Als ein junger Volksschullehrer hatte der am 13. Juli 1881 geborene Lamszus „die sich allmächtig dünkende Klasse der Kanonenkönige, Junker und Militärs“ herausgefordert, betonte Willi Bredel. „Keiner der bekannten deutschen Dichter des Jahrhundertbeginns, sondern ein Mann aus dem Volke, ein Volksschullehrer, hat das erste deutsche Buch gegen den imperialistischen Krieg geschrieben.“
Verblüffend sei die Genauigkeit der „Prophetie“ in Lamszus‘ „Visionen vom Krieg“, heißt es in der „Geschichte der deutschen Literatur“ (Verlag Volk und Wissen, Berlin). Allerdings konzentriere sich das Werk „nicht auf Analyse der sozialen Wurzeln des Krieges und der Revolution, sondern auf emotional wirksame Bilder des Entsetzens, auf die Gegenbilder der ersehnten Liebe und Vernunft“.

Wilhelm Lamszus war Reformpädagoge, engagierte sich zunächst in der SPD, später in der USPD. Seine darauf folgende Mitgliedschaft in der KPD währte nur wenige Jahre. Von der Politik wandte er sich immer weiter ab. 1933 wurde Lamszus von den Faschisten sofort aus dem Schuldienst entlassen. Immerhin konnte er gelegentlich unter verschiedenen Namen schriftstellerisch tätig sein.

Nach der Nazizeit engagierte sich Lamszus ab 1946 inder Deutschen Friedensgesellschaft. 1960 verlieh ihm die Humboldt-Universität (Berlin, DDR) die Ehrendoktorwürde der Pädagogischen Fakultät. Trotz des Kalten Krieges in den Nachkriegsjahren, aber auch angesichts der erstarkten sozialistischen Länder und Freiheitsbewegungen schrieb Lamszus 1962, dass er gewiss sei, „dass der dritte Weltkrieg nicht stattfinden wird. Millionen Menschen in allen Ländern haben begriffen, dass man der drohenden Gefahr mutig begegnen muss. Die Tag für Tag gewaltig anwachsende Heerschar der Friedenskämpfer kann es verhindern, dass ein neuer Weltbrand entfacht wird und dass unsere Erde sich abermals in ein Schlachthaus verwandelt …“

In seiner Würdigung für Wilhelm Lamszus schrieb Willi Bredel ebenfalls im Jahr 1962: „Nach den Erfahrungen zweier Weltkriege wissen wir, welche gesellschaftlichen Kräfte immer wieder Kriege heraufbeschwören und wir wissen auch, dass keine Organisation allein imstande ist, den Frieden der Welt zu sichern. Die weltumspannende Friedensbewegung aber, die sich auf nahezu die Hälfte der Menschheit stützen kann … ist eine Friedenskraft von entscheidendem Gewicht.“ Dieser Weltfriedensbewegung, betonte Bredel, fühle sich der greise Wilhelm Lamszus aufs Innigste verbunden.
Am 18. Januar 1965 starb der Schullehrer und Schriftsteller 83-jährig in Hamburg.

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"Ein Mahner gegen den Krieg", UZ vom 9. Juli 2021



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