Über Gaia-X

Es wäre so schön gewesen

Alles Digitale hat seine materielle Basis. Über diese stolpert das Herzensprojekt von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), der EU-Cloudserver „Gaia-X“. Das 2019 ins Leben gerufene Projekt, das die Abhängigkeit Deutschlands und der EU von US-amerikanischen und chinesischen IT-Produkten und -Anwendungen überwinden sollte, droht zu scheitern. Eine unabhängige Infrastruktur von auf Servern gespeicherten Daten und Anwendungen – sogenannten Clouds – zu schaffen setzt voraus, dass die Bauteile für die dazu notwendigen Server aus verlässlichen Quellen stammen. Angriffe kann man nur erfolgreich abwehren, wenn der Feind nicht die eigene Verteidigungsanlage gebaut hat. Firmen, die ein Projekt in der Größe von „Gaia-X“ stemmen könnten, gibt es aber nicht in Europa. Den Servermarkt dominieren die US-Konzerne Dell und Hewlett-Packard, gefolgt von IBM und den chinesischen Konzernen Inspur und Lenovo. Diese Fünf möchte man nicht dabei haben. Sie unterhalten gute Beziehungen zu ihren nationalen Geheimdiensten und Militärs. Gaia-X soll entstehen, um sie aus den deutschen Wertschöpfungsketten herauszuhalten.

„Digitale Souveränität“ möchte der deutsche Imperialismus erreichen – und das möglichst schnell. Bis jetzt ist der deutsche Imperialismus vornehmlich von US-Konzernen abhängig, chinesische drängen auf den Markt. Gaia-X oder 5G-Ausbau zeigen, wie weit man entfernt ist, sich selbstständig zu machen. Es fehlt dem deutschen Imperialismus nicht nur an Hardwareherstellern und an Softwareschmieden, die in Konkurrenz zu Google und Co. treten könnten, sondern auch an der Infrastruktur. Der digitale Erfolg oder Misserfolg hängt heute an der Möglichkeit, riesige Datenmengen zu erfassen, zu speichern und zu verarbeiten. Dazu benötigt man gigantische Serverfarmen, die in den USA und in China in Wüsten stehen. Deutschland und Europa verfügen nicht über diese Flächen.

Zuerst war Gaia-X ein rein deutsches Projekt. Angesichts der nicht lösbaren Probleme schwenkt Altmaier um. Ein Konsortium aus den Regierungen Deutschlands und Frankreichs sowie EU-Unternehmen soll das Projekt zumindest dem Namen nach retten, indem bestehende Cloud-Anbieter miteinander kooperieren sollen.

Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

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"Es wäre so schön gewesen", UZ vom 17. Juli 2020



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